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Fokus Südosteuropa

Gül tritt selbstbewusst und fordernd auf

In Berlin hat der türkische Präsident Abdullah Gül die Aussage wiederholt, der EU-Beitritt sei für die Türkei ein "strategisches Ziel". Zu Recht, sagt Baha Güngör in seinem Kommentar.

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Ein "kranker Mann am Bosporus" ist die Türkei der Gegenwart keinesfalls. Diese Persiflage aus der Zeit des Endstadiums des Osmanischen Reiches als Ausdruck der Geringschätzung der Türkei hat längst ausgedient. Das heute wirtschaftlich starke Land ist nur noch geographisch an der Peripherie Europas. Geopolitisch steht es inzwischen im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit.

Europa und allen voran Deutschland wissen, dass sie ihre wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen in der Zusammenarbeit mit der Türkei weitaus besser absichern können als ohne sie. Und in den arabischen Ländern wird gegenwärtig darüber diskutiert, ob die Türkei als ein Modell für die Möglichkeit einer Koexistenz von Islam und Demokratie, basierend auf einer säkularen Grundordnung, dienen kann.

EU - strategisches Ziel

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül hat auch als Gast von Bundespräsident Christian Wulff bekräftigt, dass der EU-Beitritt seines Landes nach wie vor ein "strategisches Ziel" ist. Gleichzeitig forderte er von der EU, klare Position zu beziehen, statt sich immer wieder der schon längst abgegriffenen "privilegierten Partnerschaft" als Wunschvorgabe zu bedienen. Wulff sprach dann zwar von "ergebnisoffenen" Beitrittsverhandlungen, im Gegensatz zu Kanzlerin Merkel bekräftigte er aber den EU-Beitritt der Türkei als klares Verhandlungsziel. Damit kommt Wulff dem Wunsch der Türkei entgegen.

Baha Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion der DW (Bild: DW)

Baha Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion der DW

Der deutsche Bundespräsident Christian Wulff gehört zu der Minderheit auf europäischem Parkett, die den Islam als Bestandteil Deutschlands und damit auch Europas betrachten. Damit zeigt er den richtigen Weg zum realistischen Umgang Europas mit der Türkei, aber auch mit den Türken als Nachbarn und Kollegen innerhalb Deutschlands. Eine Türkei, die sich enttäuscht von Europa distanziert, kann mitnichten im Interesse einer wirtschaftlich kränkelnden und organisatorisch überforderten EU sein.

EU und Türkei - Man braucht sich gegenseitig

Gül konnte es sich gar erlauben, vor seinem Abflug nach Berlin das deutsche Ausländerrecht als widersprüchlich zu den Menschenrechten zu bezeichnen. Die Frage, ob sich gerade die Türkei erlauben sollte, sich in Sachen Menschenrechte so sehr aus dem Fenster zu lehnen, steht auf einem anderen Blatt. Allein schon die Tatsache, dass die Zahl der in der Türkei inhaftierten Journalisten weltweit die höchste ist, ist eindeutig. Auch die Tatsache, dass sich jeder sechste General, der noch im Dienst ist, wegen angeblicher Putschpläne in Untersuchungshaft befindet, ist kein Plädoyer für den EU-Beitritt der Türkei in absehbarer Zeit.

Der Dialog mit der Türkei erfordert viel Fingerspitzengefühl, das nur wenige deutsche Politiker haben. Wulff hat es! Er argumentiert von inhaltsleeren politisch korrekten Floskeln bereinigt, wenn es um die Türkei und um die Türken in Deutschland geht. Aber auch die Türkei muss ihre Herangehensweise dringend überprüfen. So stark die ausgeprägt selbstbewusste Türkei wirtschaftlich und sicherheitspolitisch in ihrer Bedeutung auch ist, ohne Deutschland werden ihre Spielräume in Europa enger werden. Und das Land braucht sie - schließlich soll die Türkei nicht wieder zum Spielball der Großmächte wie einst das Osmanische Reich werden, das sich am Ende als "kranker Mann am Bosporus" aus der Weltgeschichte verabschiedet hat.

Autor: Baha Güngör
Redaktion: Zoran Arbutina