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Ostmitteleuropa

Görlitz und Zgorzelec wachsen wieder zusammen

– Dadurch wird Zgorzelec zur ersten polnischen Stadt, die de facto der EU angehört

Warschau, 22.8.2002, NESWEEK POLSKA, poln., Agata Alykow

(...) Der Euro ist seit Anfang des Jahres zu einem Zahlungsmittel in der polnischen Stadt Zgorzelec geworden: "Mit der europäischen Währung wird beim Friseur, Zahnarzt oder im Möbelgeschäft gezahlt. Ähnlich ist es aber auch in Görlitz, wo man in vielen Orten mit Zloty bezahlen kann", behauptet Miroslaw Fiedorowicz, der Bürgermeister von Zgorzelec.

Die vor einem halben Jahrhundert festgelegte Staatsgrenze entlang der Neiße verliert im Falle von Görlitz und Zgorzelec immer mehr an Bedeutung. Eine Stadt, die aufgrund von Friedensabkommen nach dem Zweiten Weltkrieg künstlich zweigeteilt wurde, begann noch in der DDR-Zeit zusammenzuwachsen. Damals fuhren die Polen in die DDR, um Handtücher und Obst (...) zu kaufen und die Ostdeutschen suchten in Polen nach Kristallgläsern und nach der Imitation von Niveacreme (...).

Jetzt wachsen die Städte zusammen. Seit 1989 arbeiten die Behörden und die Geschäftsleute zusammen. Die Deutschen kommen nach Polen zum Friseur und die Polen mieten Wohnungen in Görlitz. Ab September wird der Jugend die Möglichkeit geboten, ein polnisch-deutsches Lyzeum zu besuchen. Im Mai d. J. wurde das Programm "Zgorzelec-Görlitz. Europa - die Städte 2003" gestartet, das den Zustand aus der Zeit vor dem Krieg wiederherstellen soll, als Görlitz und Zgorzelec eine und dieselbe Stadt war. Demnach wird Zgorzelec die erste polnische Stadt sein, die de facto der Europäischen Union angehört.

Für Zgorzelec ist dies nicht nur mit Prestige sondern mit realem Geld verbunden. Schon jetzt wurden dieser Stadt neun Millionen Euro von der Europäischen Union zugesprochen. Mit Hilfe dieses Geldes wird u.a. eine Kläranlage und ein neues Kanalisationssystem gebaut. Die Unterstützung der EU wäre ohne die Fürsprache der Behörden von Görlitz der Stadt Zgorzelec niemals zugebilligt worden: "Wenn wir die Unterschriften der Behörden von Görlitz unter unserem Antrag nicht hätten, wäre es sehr schwierig gewesen, an das Geld heranzukommen", sagt Bogdan Latusinski, Pressesprecher des Stadtamtes in Zgorzelec.

Zgorzelec nimmt seit Mai d. J. als einzige polnische Stadt an dem Programm "Europa - die Städte 2003" teil. (...) Dank diesem Programm soll sich auch die Lebensqualität der Bewohner der Grenzregionen verbessern. An diesem Programm wollten sich insgesamt 150 Städte aus Frankreich, Holland, Tschechien und Polen beteiligen. Es wurden aber nur 25 - darunter Zgorzelec - ausgewählt.

Dieser Stadt gelang es, die deutsche Kommission davon zu überzeugen, dass sie trotz der historischen, sozialen und wirtschaftlichen Hindernisse imstande ist, die Zusammenarbeit mit den deutschen Partnern am besten zu gestalten. Das Ziel des Projektes besteht darin, die Städte darauf vorzubereiten, als eine Stadt zu funktionieren. Damit sind natürlich etliche Probleme verbunden, wie z.B. ob der Bürgermeister ein Pole oder ein Deutscher sein sollte oder in welcher Sprache die Sitzungen des Stadtrates abgehalten werden sollen oder wo die Kläranlage entstehen wird.

Manche Entscheidungen wurden bereits getroffen: "In Görlitz wird kein Sportzentrum entstehen, da sich ein solches bereits in Zgorzelec befindet", behauptet Anna Rebiger-Skibinska, Koordinatorin des Projektes auf der polnischen Seite und fügt hinzu: "Bei uns hingegen wird kein neues Theater entstehen, da man Aufführungen in polnischer Sprache bereits in Görlitz sehen kann".

Dank der Abkommen der Behörden beider Städte und mit dem Geld der Behörden aus Sachsen werden in Görlitz ein polnisch-deutscher Kindergarten, eine Grundschule und ein Gymnasium finanziert. Im September wird auch ein polnisch-deutsches Lyzeum eröffnet. Seit vielen Jahren studieren polnische Studenten an der Hochschule Zittau-Görlitz und haben nach dem Abschluss keine Probleme, in Polen Arbeit zu finden. "Ein großer Teil unserer Jugend ist zweisprachig," betont zufrieden der Bürgermeister von Zgorzelec.

Die Vereinigung mit Görlitz wird von den Bewohnern der polnischen Stadt mit Zufriedenheit aufgenommen. Ihrer Meinung nach wird dies viele Vorteile bringen, wie z.B. Zuschüsse von der EU und niedrige Mieten. An der Westseite des Flusses stehen nämlich 5 000 Wohnungen leer, die der Bürgermeister von Görlitz, Ulf Grossman gern an Polen vermieten würde. Ein Hindernis hierfür bilden jedoch die Bestimmungen, nach denen es für die Bewohner von Zgorzelec unmöglich ist, sich in Görlitz anzumelden.

Der Erfindungsgeist unserer Landsleute lässt sie jedoch auch diese Bestimmungen umgehen: "Viele meiner Bekannten mieten bereits Wohnungen in Görlitz und was wichtig ist, sie melden sich sogar beim Einwohnermeldeamt an. Die Methode ist einfach: Es reicht, sich nach drei Monaten abzumelden, um sich zwei Tage später erneut für drei Monate anzumelden", erklärt Ryszard Skobierski, ein Geschäftsmann, der seit Jahren in Deutschland investiert. Die Beamten des Ausländeramtes drücken ein Auge zu. Warum? Weil die Existenz der Eigentümer der Häuser in Görlitz auf diese Weise gesichert wird. Auch für die Polen ist es lohnend: Eine Drei-Zimmer- Wohnung kann schon für 300 Zloty (etwa 75 Euro) gemietet werden. Das ist viel billiger als in Zgorzelec. Aus diesem Grunde möchten etwa 2 000 Bewohner von Zgorzelec nach Görlitz übersiedeln, die auf Wohnungen in ihrer Heimatstadt warten. Dies sind jedoch nicht alle Vorteile, auf die die Bewohner des polnischen Teils der Stadt zählen können. (Sta)

  • Datum 22.08.2002
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