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Global Ideas

Gärtnern für die Vielfalt

Gestreifte Tomaten, schwarze Peperoni und lila Kartoffeln, alte Sorten liegen im Trend. Nur sind sie selten im Supermarkt erhältlich. Lokale Initiativen setzen sich dafür ein, alte Sorten zu erhalten und bauen selbst an.

Foto: Menschen arbeiten an Beeten auf dem ehemaligen Flughafengelände Berlin Tempelhof (Foto: DW/Silke Bartlick)

Auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof starten schon lange keine Flugzeuge mehr. Inzwischen wachsen hier Gemüse und Zierpflanzen der Anwohner in die Höhe.

Indianerperle, Sweet Chocolate und Elefantenrüssel - so heißen die Salat-, die Paprika- und die Peperoni-Sorten, deren Pflänzchen dicht an dicht in Plastikschalen nebeneinander stehen, auf einem Holztisch unter Bäumen in den Berliner Prinzessinengärten. Ein Transparent ist über den Weg gespannt, "Tauschmarkt" ist darauf zu lesen. An einer zentralen Tausch-Station wechselt Pflanze gegen Pflanze den Besitzer. Ein paar Tische weiter, an der Pikier-Station lernen die Besucher, wie Setzlinge am besten vereinzelt werden: Aus einem Streifen Zeitung eine Form wickeln, etwas Erde hineingeben, mit einem Stab ein Loch formen, Pflänzchen vorsichtig hineinsetzen, die Erde andrücken - fertig.

Einmal im Jahr organisiert der Verein Social Seeds diese Tauschbörse für Pflanzen und Saatgut. "Unser Anliegen ist, die Vielfalt an Kulturpflanzen in Berliner Gärten zu bewahren", sagt Alexandra Becker von der Initiative. Der Verein will das Wissen um alte Sorten erhalten: Social Seeds informiert darüber, wo Samen bezogen werden können, was man beim Anbau und bei der Vermehrung von Saatgut beachten muss, und macht mit Schaubeeten auf Pflanzen aufmerksam, die in Vergessenheit geraten sind - wie Neuseeländischen Sommerspinat oder Gemüse-Amaranth. Die Initiative scheint einen Nerv getroffen zu haben, das Netzwerk wächst: "Das Interesse an alten Sorten ist in den letzten vier, fünf Jahren explodiert", sagt Alexandra Becker.

Foto: Schild mit Hinweisen zur Hybrid-Tomate (Foto: CC BY SA 2.0: Andy Melton| Quelle: https://www.flickr.com/photos/trekkyandy/488932030/ Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de)

Hybride sind nicht samenfest – sie lassen sich also nicht problemlos vermehren.

Trotzdem dominieren die Hybridsorten großer Saatgutkonzerne den Markt. Beispiel Tomaten: Im Gartencenter sind heute nur die Samen weniger Standardsorten zu kaufen - dabei gibt es weltweit etwa zehntausend verschiedene Tomatensorten. Solches Saatgut bieten in Deutschland einige wenige Saatgutinitiativen an, auf nicht-kommerzieller Basis. Denn Saatgut von Sorten, die nicht offiziell zugelassen sind, darf nicht gehandelt werden.

Den Siegeszug der Hybride hat aber vor allem die industrielle Landwirtschaft eingeleitet: Moderne Sorten genügen ihren Ansprüchen besser als alte, von Resistenzen gegen Krankheiten über Transportfähigkeit bis hin zu höheren Erträgen. Fädige Bohnen, kleine Knollen, eine dünne Schale – das eignet sich nicht für den Verkauf im großen Maßstab. So haben Hybride die alten Sorten im Laufe der Zeit weitgehend verdrängt.

Durch steigendes Käufer-Interesse erobern alte Sorten langsam den Markt zurück

Und das nicht nur in Europa, das Phänomen gibt es weltweit. In Mexiko beispielsweise: Das Land gilt als kulturelles Zentrum des Maisanbaus, über sechzig Sorten werden hier traditionell angepflanzt, doch günstige Importe aus den USA bedrohen diese Vielfalt. Michael Hermann setzt sich mit der Organisation "Crops for the Future" für die Nutzung vergessener Kulturpflanzen ein und hat beobachtet, dass in einigen Weltregionen ein Wandel der Lebensweise die Abkehr von alten Sorten stark beeinflusst hat: "Ein Teil der Vielfalt geht oft dann verloren, wenn die Leute vom Land in die Städte gehen und sich von traditionellen Speisen abwenden." Mittlerweile gibt es aber auch eine Gegenbewegung: So hat der Starkoch Gastón Acurio eine typisch peruanische Küche mit traditionellen Zutaten auch in seinem Heimatland Peru salonfähig gemacht.

Foto: Quinoa (Foto: CC BY-SA 3.0: blairingmedia | Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/Quinoa#mediaviewer/File:Red_quinoa.png Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Quinoa wird seit Tausenden von Jahren in den Anden angebaut. Mittlerweile ist die Pflanze in der Spitzengastronomie angekommen.

Alte Sorten eignen sich oft gut für die Direktvermarktung regionaler Betriebe oder den Anbau im eigenen Garten. Und die Hybride stehen in der Kritik: Hybridsorten sind nicht samenfest, sie lassen sich also nicht problemlos vermehren, so dass Saatgut immer wieder neu gekauft werden muss und Bauern von Unternehmen abhängig werden. Immer mehr Konsumenten wird außerdem bewusst, dass mit dem Verschwinden alter Sorten Vielfalt verloren gegangen ist: "Es gibt Tomatensorten, die sich sehr gut eignen zum Einmachen, mehlige, und dann gibt es welche, die sich gut für Salate eignen, und die können dann auch wieder eine Geschmacksvielfalt haben, indem sie eher säuerlich schmecken oder eher süßlich", sagt die Agrarwissenschaftlerin Gunilla Lissek-Wolf.

Nicht nur das Spektrum an Sorten ist kleiner geworden, ganze Arten, die früher selbstverständlich auf dem Speiseplan gestanden haben - wie beispielsweise der Haferwurz - sind heute von den Äckern und aus den Gärten verschwunden. Gunilla Lissek-Wolf engagiert sich deshalb unter anderem bei Social Seeds und im Verein VERN für die Erhaltung alter Kulturpflanzen: "Man nennt das die Erhaltung genetischer Ressourcen für die Zukunft, weil wir eben nicht wissen, was kommt."

Foto: Tomatenpflanzen der Sorte Amish Paste (Foto: CC BY SA 2.0: Merydith | Quelle: https://www.flickr.com/photos/merydith/5923957749/ Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de)

Die Tomate Amish Paste wird in den USA seit langem von den Amish People kultiviert und eignet sich gut für Saucen.

Alte Sorten lebendig halten, das versuchen Gemeinschaftsgärten wie das Projekt "Himmelbeet" im Norden von Berlin. Auf einer ehemaligen Brache zwischen Sportplatz und meterhoher Häuserwand, umgeben von hohen Bäumen, hat eine Initiative im vergangenen Jahr diesen interkulturellen Garten eröffnet. Er ist je zur Hälfte in einen Pacht- und in einen Gemeinschaftsbereich aufgeteilt, Hochbeete, mit Brettern verschalt, reihen sich aneinander, und die Warteliste für eine solche Beet-Box ist lang. Über den Garten verteilt wachsen viele alte Sorten, zum Beispiel rote Gartenmelde oder Erdbeerspinat. Auch Heilkräuter wie Gundermann oder Alant sind hier zu finden. "Wir wollen vermitteln, dass man das alles essen kann", sagt Anja Manzke, die als Gärtnerin das Projekt betreut, "viele, die uns besuchen, haben nämlich davon noch nie etwas gehört."

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