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Nahost

Furchtloser Fußballtrainer im Irak

Seit kurzem hat der Irak einen neuen Fußball-Nationaltrainer: Wolfgang Sidka. Der ehemalige Bundesliga-Coach hätte sich fast mit Bahrain für die FIFA-WM in Südafrika qualifiziert, jetzt hat er mit dem Irak Großes vor.

Iraks Fußball-Nationaltrainer Wolfgang Sidka (Foto:dpa)

Neuer Job im Irak: Wolfgang Sidka

Kinder spielen Fußball in Bagdad (Foto:ap)

So kann Fußball im Irak auch aussehen

Seine Familie war schon skeptisch, als Wolfgang Sidka dem irakischen Fußballverband seine Zusage gegeben hat. Schließlich heuert er in einem Land an, das seit Monaten darum ringt, eine Regierung auf die Beine zu stellen, in einem Land, in dem die Sicherheitslage noch immer prekär ist und Bombenanschläge keine Seltenheit sind. Wolfgang Sidka will sich davon nicht abschrecken lassen, auch wenn er selbst vorsichtig bleibt: "Ich halte mich nur im kurdischen Norden auf," erzählt der 56-Jährige. "Hier in Erbil, wo die FIFA uns auch erlaubt, unsere Länderspiele auszutragen, ist es sicher. Ich habe keine Angst." Auch wenn der neue Job im Irak mit einer halben Million US-Dollar äußerst gut bezahlt ist, will Wolfgang Sidka kein unnötiges Risiko eingehen: "In den Süden des Landes gehe ich nicht. Da läuft mit mir nichts. Auf gar keinen Fall." Das sei auch mit dem irakischen Fußballverband so abgemacht.

Gespannt auf eine neue Herausforderung

Irakische Fans beim Asien-Cup 2006 (Foto:ap)

Iraks Fans haben sich auch von sieben Jahren Krieg nicht entmutigen lassen

Der Verband hatte der schwierigen Umstände wegen lange nach einem neuen Trainer gesucht. Im serbischen Fußball-Weltenbummler Bora Milutinovic glaubten die Iraker, einen Glücksgriff getan zu haben. Doch nach dem enttäuschenden Aus beim Konföderationenpokal in Südafrika im Frühjahr 2010, bei dem der Irak nicht ein einziges Tor erzielen konnte, warf Milutinovic das Handtuch. Viele Trainer hätten danach abgewunken, Sidka nicht: "Ich habe mich bei einem Freund vom Auswärtigen Amt und einer Journalistin, die seit neun Jahren im Irak lebt, erkundigt und bin dann runtergeflogen, um mir selbst ein Bild zu machen", erzählt der Trainer. Sidka hat erst einmal für ein Jahr unterschrieben. Auch einen ersten Lehrgang mit jungen Talenten in Erbil hat er bereits absolviert, und das mitten im islamischen Fastenmonat Ramadan. Zwei weitere einwöchige Lehrgänge in Erbil und in Dohab nahe der türkischen Grenze sollen noch folgen.

Gerangel im Verband

Der größte Triumph: Iraks Nationalspieler feiern den Gewinn des Asien-Cups 2007 (Foto:ap)

Der größte Triumph: Iraks Nationalspieler feiern den Gewinn des Asien-Cups 2007

"Insgesamt habe ich mir etwa 50 Spieler angeschaut", zeigt sich der ehemalige Bundesligaprofi von den technischen Fähigkeiten der irakischen Kicker durchaus angetan: "Die Jungs sind talentiert und wollen was erreichen. Es ist zwar kein Zuckerschlecken, aber es gibt im irakischen Fußball viel Potenzial. Das will ich umsetzen", sagt Sidka, der in seiner aktiven Zeit für Hertha BSC Berlin, 1860 München und Werder Bremen spielte.

Allerdings muss der deutsche Coach dabei mit großen Problemen kämpfen. Erst im März hatte der Weltverband FIFA die Suspendierung des irakischen Verbands IFA aufgehoben. Der Irak war im November 2009 aufgrund staatlicher Einmischung in sportliche Belange ausgeschlossen worden. Dennoch tobt der Machtkampf im Verbandsvorstand weiter: Führende schiitische Politiker möchten nämlich IFA-Präsident Hussein Said von seinem Posten verdrängen, weil dieser dem Regime des früheren Diktators Saddam Hussein nahegestanden haben soll.

Drei Turniere in kürzester Zeit

Fußballplakate an einem Kiosk in Bagdad (Foto:ap)

Fußballplakate an einem Kiosk in Bagdad

Trotz dieser politischen Auseinandersetzungen erhofft sich Sidka eine erfolgreiche Rückkehr der Iraker auf die internationale Fußball-Bühne. Am besten schon bei der Westasien-Meisterschaft, die vom 24. September bis zum 3. Oktober in der jordanischen Hauptstadt Amman stattfindet. "Wir werden ein starkes Team haben," ist sich Sidka sicher, der schon auf jahrelange Erfahrungen als Trainer in der Golfregion zurückblicken kann. Neben seiner Trainertätigkeit in Bahrain war er in Katar für den Al-Arabi Sports Club und den Al-Gharafa Sports Club tätig. Doch der Irak muss auf gleich sieben Profis verzichten, die allesamt ihr Geld im Ausland verdienen. Mit dem zuletzt in den Niederlanden spielenden Nashat Akram, der gerade jedoch auf Vereinssuche ist, steht dem Deutschen nur ein international erfahrener Spieler zur Verfügung.

Dabei ist der Terminkalender der irakischen Nationalmannschaft ziemlich voll. Schon kurz nach dem Westasien-Cup steht schon das nächste große Turnier ins Haus: der Golf-Cup im Jemen. Und im Januar folgt der große Höhepunkt: die Asienmeisterschaft in Katar, bei der der Irak als Titelverteidiger antritt. Schon 2007 war der Titelgewinn eine große Überraschung, und deshalb glaubt Wolfgang Sidka auch kaum daran, diesen Triumph wiederholen zu können: "Wir haben eine schwere Gruppe mit dem Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Nordkorea", zählt der Trainer auf. Im weiteren Turnierverlauf könnte Sidkas Mannschaft dann auch noch auf einen der drei WM-Teilnehmer Japan, Südkorea und Australien treffen. "Das wird sehr schwer", prophezeit Sidka, für den diesmal wohl schon das Überstehen der Vorrunde ein Erfolg wäre.

Der Begeisterung im Irak wird auch ein frühes Ausscheiden keinen Abbruch tun. "Die Leute hier sind total fußballverrückt", berichtet der Deutsche. Das Fußballfieber gehe dabei durch alle Volksstämme, egal ob Sunniten, Schiiten oder Kurden. "Fußball ist völkerverbindend. Ich weiß bei meinen Spielern nicht mal, wer welcher Volksgruppe angehört", sagt Sidka. "Aber das spielt in meiner Mannschaft auch überhaupt keine Rolle."

Autor: Thomas Latschan (dpa, sid)
Redaktion: Diana Hodali