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Asien

Furcht und Argwohn in Thailand

Vor genau einem Jahr stürzte das Militär die demokratisch gewählte Regierung unter Yingluck Shinawatra. Massenkundgebungen gegen die Junta gibt es nicht. Doch kleine Formen des Widerstands sind sichtbar.

Ein heißer Vormittag in Bangkok. Im buddhistischen Tempel Wat Pathum Wanaram versammeln sich Dutzende Menschen. Eine religiöse Zeremonie soll stattfinden. An den Eingängen zum Innenhof des Tempels stehen Militärs und Polizisten in Zivil. Sie fordern, dass die Gedenkzeremonie strikt religiös bleiben müsse. Kritische Kommentare gegen die Regierung seien unerwünscht. Insbesondere da der Jahrestag des Putsches von 2014 unmittelbar bevorstehe. Journalisten - darunter der DW - wurde der Zutritt zunächst verwehrt, wenig später aber erlaubt, nachdem immer mehr Medienvertreter eintrafen.

Organisiert hatte die Gedenkfeier Payao Akkahad. Sie wollte an ihre Tochter Kamonkate erinnern. "Kate" war vor fünf Jahren erschossen worden, als Thailands Armee Proteste der sogenannten "Rothemden" mit Gewalt niedergeschlagen hatte. Bei den Rothemden handelt es sich mehrheitlich um Anhänger der Shinawatra Familie. Zwei Mal stellten die Shinawatras den Premierminister, zwei Mal wurden sie durch das Militär entmachtet: Thaksin Shinawatra 2006 und dann seine Schwester Yingluck 2014.

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Nichts ist vergessen

Die 25-jährige "Kate" hatte sich als freiwillige Krankenschwester um die Verletzten im Wat Pathum Wanaram gekümmert. Der Tempel galt als Zufluchtsort für die Demonstranten, die wochenlang gegen die Regierung demonstriert hatten und sich vor den heranrückenden Soldaten in Sicherheit bringen wollten. Doch das Militär hatte die Vereinbarung gebrochen.

"Meine Tochter wurde getötet, während sie dabei war, anderen Menschen zu helfen", erzählt Payao Akkahad. Wiederholt protestiert sie dagegen, dass sich die Aufklärung am Mord ihrer Tochter bis heute verschleppt. Dafür waren sie und ihr Sohn Nattapat zwischenzeitlich festgenommen worden. Als Mutter werde sie dennoch nicht aufhören, Gerechtigkeit zu fordern, sagte sie in Gesprächen mit der DW.

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Kämpfen für Demokratie

Ein Jahr nach dem Militärputsch herrschen in Thailand Furcht und Argwohn. Im April hatte die Junta das Kriegsrecht aufgehoben, nur um es durch noch striktere Verordnungen zu ersetzen. Politische Versammlungen bleiben verboten, Kritik an der Junta ist tabu. Wer in Thailand Gerechtigkeit oder Demokratie fordert und die Junta unter Premierminister Prayuth Chan-ocha kritisiert, ist Repressalien und Einschüchterungen ausgesetzt. Wer sich den offiziellen Anordnungen nicht fügt, dem droht ein Verfahren vor Militärgerichten, vor denen schon etliche Zivilisten angeklagt oder verurteilt wurden.

Auch Punsak Srithep ist ins Wat Pathum gekommen. Ein kleiner, kräftig gebauter Mann mit breitem Lächeln, graumelierten Locken und Sonnenbrille. Ebenso wie Payao Akkahad betrauert Punsak den Verlust eines Kindes: Sein 17-jähriger Sohn war ebenfalls 2010 erschossen worden - wenige Tage, bevor "Kate" ermordet worden war. Punsak kämpft für die Aufklärung des Mordes und für Demokratie, die mit dem Putsch von 2014 vollständig außer Kraft gesetzt wurde. Er hat die Junta mehrfach herausgefordert: Als Mitglied der kleinen Widerstandsgruppe "Resistant Citizen" demonstrierte er in den letzten Wochen auf der Straße oder hielt mit drei Gleichgesinnten eine "symbolische Wahl" ab. Daraufhin waren die vier Männer vorübergehend festgenommen worden. Einschüchtern lässt sich der Aktivist dennoch nicht: "Meine Landsleute müssen lernen, dass man für Gerechtigkeit und Demokratie kämpfen muss", sagte Punsak Srithep der DW.

Protest am Weltfrauentag

Demonstrantinnen fordern Demokratie

Verhaltener Protest

Doch die meisten Thailänder halten sich zurück - sei es aus Angst vor Repressionen, aus Gleichgültigkeit, weil sie mit dem Kampf ums tägliche Überleben beschäftigt sind, oder weil Teile der Gesellschaft den Putsch tatsächlich gutheißen.

Massenkundgebungen gegen die Junta gibt es bis heute nicht. Kurz nach dem Putsch waren an verschiedenen Standorten teils Hunderte Menschen auf die Straßen gegangen. Doch diese Demonstrationen sind abgeebbt. Proteste finden seitdem in sehr kleiner Form statt. Organisiert werden sie von Studenten, Intellektuellen und anderen Aktivisten.

Im November 2014 waren fünf Studenten festgenommen worden, weil sie direkt unter Prayuths Nase protestiert hatten: Sie hatten ihn mit dem "Drei-Finger-Zeichen" aus der Filmreihe "Die Tribute von Panem" begrüßt, das in Thailand als eines der Zeichen des Protests gegen die Militärdiktatur gilt.

Auch andere scheuen die öffentliche Kritik nicht: Zum Weltfrauentag zum 8. März war eine kleine Gruppe von Aktivistinnen mit selbstgebastelten Wahlboxen, Plakaten und Transparenten zum "Denkmal der Demokratie" gezogen. Unter anderem forderten sie eine sofortige Rückkehr zur Demokratie, Neuwahlen sowie die Freilassung aller politischen Gefangenen: Seit dem Putsch vom 22. Mai 2014, kritisierten sie, seien die Bürger- und Menschenrechte ins Bodenlose gestürzt.

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