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Schumann at Pier2

Funk-Korrenzpondenz vom 9.11.2012: "Mitja, Miriam, Jana und die Musik"

Eine Filmkritik von Brigitte Knott-Wolf zur Dokumentation "Schumann@Pier2 – 3 Schüler 4 Symphonien" (Arte/Radio Bremen)

Diese Dokumentation beobachtet drei Schüler, die zum ersten Mal mit der Musik von Robert Schumann in Berührung kommen. Das geschieht in einer ehemaligen Werfthalle des Bremer Hafengeländes, genannt „Pier 2“, wo normalerweise Rockkonzerte veranstaltet werden. Die Halle dient der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen als Proben- und Aufführungsraum für die vier Sinfonien von Robert Schumann.

Nach dem sehr erfolgreichen „Beethoven-Projekt“, der Neueinspielung sämtlicher Sinfonien von Ludwig van Beethoven, hat sich das Bremer Orchester unter der künstlerischen Leitung von Paavo Järvi nunmehr die Neuinterpretation der vier Sinfonien Schumanns vorgenommen. Der 1980 in die USA ausgewanderte Järvi wurde im Dezember 1962 in der estnischen Hauptstadt Tallinn geboren, steht also kurz vor seinem 50. Geburtstag. Er ist ein international anerkannter, nicht nur in Bremen vielbeschäftigter Mann. So ist er beispielsweise auch noch Chefdirigent des HR-Rundfunksinfonieorchesters und, seit neuestem, ebenso Musikdirektor des Orchestre de Paris.

Die bei Arte ausgestrahlte 50-minütige Dokumentation ist zwar eine eigenständige Produktion von Radio Bremen, steht aber in direktem Zusammenhang mit diesem neuen Schumann-Projekt der Deutschen Kammerphilharmonie, das auch in dem Konzertfilm „Schumann at Pier 2“, einer rund 100 Minuten langen Produktion der Deutschen Welle (DW), festgehalten worden ist. Dessen Regisseur, der DW-Redakteur Christian Berger, wird nicht nur – neben Katja Runge und Henning van Lil – als einer der drei für die Arte-Dokumentation verantwortlichen Regisseure aufgeführt, sondern er hatte seinerzeit auch schon über das „Beethoven-Projekt“ den eigenständigen Konzertfilm gedreht (2010). So basiert die Arte-Dokumentation weitgehend auf dem doppelt so langen Konzertfilm über Schumann, den das DW-Fernsehen jetzt zeitgleich in zwei Teilen am 4. und 11. November auf dem Sendeplatz seiner Reihe „Im Focus“ ausstrahlte.

Die Arte-Dokumentation stellt allerdings nicht bloß eine Kurzfassung dieses Films vor, sondern ergänzt ihn um die Perspektive von drei Schülern der Bremer Gesamtschule Ost: Mitja, Miriam und Jana sprechen über ihre erste Begegnung mit der Musik Schumanns. Damit stellt der Film die Verbindung zu einem großen musikpädagogischen Projekt her, dass die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen in Zusammenarbeit mit dieser Schule, in deren Räumen sie ihren regulären Probensaal hat, seit 2007 betreibt. Darüber ist vor einigen Jahren ein interessanter Dokumentarfilm von Marianne Strauch („Beethoven, Rap und Träume“) gedreht und innerhalb der leider fast ausgestorbenen Radio-Bremen-Dokumentarfilmreihe „Unter deutschen Dächern“ im Ersten Programm der ARD gezeigt worden (vgl. Kritik in FK 30/09).

Bei der Begegnung der drei Schüler mit Schumann geht es allerdings ausschließlich um Musik. Wie im ‘großen’ Konzertfilm stehen der Komponist und die künstlerische Arbeit des Orchesters unter Paavo Järvi im Mittelpunkt. Man erfährt nichts über die Lebensverhältnisse der jungen Protagonisten. Stattdessen gibt es in der Arte-Dokumentation ein Wiedersehen mit Ausschnitten aus dem bereits recht betagten, aber gelungenen Spielfilm „Frühlingssinfonie“ über Robert und Clara Schumann (1983, Regie: Peter Schamoni), mit einem jungen Herbert Grönemeyer und einer jungen Nastassja Kinski in den beiden Hauptrollen. Die Schüler, die diesen Film offenbar auch gesehen haben, machen sich daher in der Dokumentation nicht nur Gedanken über die Musik, sondern auch über die Biografie Schumanns.

Auch Paavo Järvi spricht hier sehr engagiert über seinen Umgang mit der Musik Schumanns; zudem werden einige Orchestermusiker befragt, die bei dieser Gelegenheit ihre Instrumente präsentieren. Zu sehen sind außerdem die Kinder beim Besuch der Proben, beim Musikunterricht durch Orchestermitglieder und schließlich beim Konzert. Ausschnitte aus allen vier Schumann-Sinfonien sind zu hören. Die Orchesterproben, die zu sehen sind, finden im gleichen Raum statt wie die eigentliche Konzertaufführung. Zum Unterschied tragen die Musiker beim Konzert nicht nur andere, also festlichere Kleidung, sondern vor allem auch die Beleuchtung, das Licht, ist ein anderes: Finden die Proben in einem hellen Arbeitslicht statt, werden die Konzerte von farbiger Bühnenbeleuchtung begleitet, dem einzig Dekorativem, über das diese nüchterne Industriehalle verfügt.

Diese Arte-Dokumentation ist gleichsam ein Nebenprodukt, das man als Ergänzung zu dem eigentlichen Konzertfilm sehen muss. Ihr Verdienst ist es, dass sie ein ambitioniertes medienpädagogisches Langzeitprojekt der Kammerphilharmonie wieder in Erinnerung ruft.