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Alltagsdeutsch – Podcast

Fundbüro

Das Fundbüro - die letzte Rettung für allzu vergessliche Menschen, ein Sammelbecken für Kuriositäten, die von Liebhabern gerne ersteigert werden, und sogar ein Ort, um psychoanalytische Studien zu betreiben.

Sprecherin:

Freud, der berühmte Begründer der Psychoanalyse, war fasziniert von den scheinbar bedeutungslosen alltäglichen Missgeschicken und Irrtümern der Menschen. Er war der Überzeugung, dass nichts aus Zufall passiere, sondern dass hinter dem Vergessen von Terminen oder der Verwechslung von Namen ein tieferer psychologischer Sinn zu finden sei. So schrieb Freud im Jahr 1904 beispielsweise über das Verlieren von Gegenständen:

Zitat: Sigmund Freud

"Es ist tröstlich, zu denken, dass das 'Verlieren' der Menschen einer geheimen Absicht des Verlustträgers willkommen ist. Es ist oft nur ein Ausdruck der geringen Schätzung des verlorenen Gegenstandes oder einer geheimen Abneigung gegen die Person, von der er herstammt."

Sprecherin:

Somit ist also ein Fundbüro, das wir in unserer heutigen Sendung besuchen wollen, nicht nur eine nützliche Einrichtung für Menschen, die einen verlorenen Gegenstand suchen, ganz egal, ob sie ihn im Bus, im Schwimmbad oder aber einfach auf der Straße verloren haben. In gewisser Weise, glaubt man jedenfalls Freud, ermöglicht ein Streifzug durch dieses "Lager der Vergesslichkeit" auch einen gewissen Blick auf die Seele der Menschen.

Sprecher:

Ein intimer Kenner der verlorenen Gegenstände ist zum Beispiel Rolf Schafheutle. Der 57-Jährige leitet seit 18 Jahren das städtische Fundbüro in Wuppertal. Unter den vier- bis sechstausend Fundsachen, die pro Jahr in seinem Ein-Mann-Betrieb abgeliefert werden, ist so manche Kuriosität, die selbst ein so gelehrter Mann wie Freud wohl nur mit größter Mühe hätte erklären können.

Rolf Schafheutle:

"Ich hab' zum Beispiel da oben auf dem Schrank eine Satellitenschüssel liegen, dann natürlich unten im Keller Fahrräder, Mopeds. Ich hab‘ zum Beispiel jetzt eine Tennisballwurfmaschine da unten stehen. Da weiß kein Mensch, wo die herkommt, und die werd’ ich auch wahrscheinlich nie loswerden. Mich kann hier so schnell nichts mehr überraschen. Ich hab‘ mal ein Trampolin hier gehabt, ja, dann zurzeit steht unten noch ein Tandem, Hörgeräte kommen in der letzten Zeit häufig. Gebisse hab‘ ich auch hier oder Zahnspangen schon mal."

Sprecherin:

Trampoline oder Tennisballwurfmaschinen sind allerdings eher die Ausnahme. Hauptsächlich werden Geldbörsen, Brillen, Schirme, Textilien oder Schlüssel abgegeben. Nur selten ist mal ein wirklich wertvolles Stück dabei. Da Rolf Schafheutle zumeist selbständig den Wert eines Fundes feststellen muss, ist er im Laufe der Jahre ganz allmählich zu einem Sachverständigen auf vielen Gebieten geworden.

Rolf Schafheutle:

"Ja, mit der Zeit haben Sie da schon ein Gefühl für. Nur wenn es, sagen wir mal, jetzt um echte Edelsteine geht, da bin ich natürlich vollkommener Laie, dann hab‘ ich aber hier in der Stadt so meine Quellen, wo ich dann mit den Sachen hingehe, die mich kennen, die wissen, woher ich komme, um dann zu sagen, so ungefähr – wie man so schön sagt – Pi mal Daumen, was die Sache wert ist, um dann danach den Finderlohn zu berechnen und auch die Verwaltungsgebühr, die sich ja immer nach dem Wert der Fundsache richtet."

Sprecher:

In schwierigen Fällen holt sich der Mann vom Fundbüro also Rat bei seinen verschiedenen Quellen. Im übertragenen Sinn wird das Wort Quelle im Deutschen auch für einen Informanten gebraucht. So haben beispielsweise Journalisten ihre Quellen, die sie mit interessanten Informationen versorgen, an die sie sonst nie gelangen könnten. Auch Rolf Schafheutle hat während seiner Dienstjahre viele Menschen kennen gelernt, die ihm bei schwierigen Werteinschätzungen helfen. Vielleicht ein Juwelier? Wer weiß? Seine Quellen bleiben auch für uns geheim.

Sprecherin:

Die Informanten geben Schafheutle dann einen Tipp, was die Fundsache so Pi mal Daumen wert ist. Die umgangssprachliche Redewendung Pi mal Daumen steht für eine ungefähre Schätzung. Sie ist im Zusammenhang mit einem anderen Ausdruck zu sehen, nämlich etwas über den Daumen peilen.

Sprecher:

Mit Hilfe des Daumens als Vergleichsgröße lassen sich ungefähre Entfernungen abschätzen.

Sprecherin:

Der Daumen als Messinstrument wird nun mit dem Ausdruck Pi verbunden. Mit Hilfe dieser Konstante lässt sich beispielsweise der Flächeninhalt eines Kreises berechnen.

Sprecher:

In der eben gehörten Redewendung wird nun scherzhaft diese Kreiszahl mit dem körpereigenen Messinstrument in Zusammenhang gebracht. Der Wert der Fundsache kann also Pi mal Daumen ungefähr geschätzt werden.

Sprecherin:

Rolf Schafheutle ist aber nicht nur ein Experte, wenn es darum geht, den Wert von gebrauchten Gegenständen zu schätzen. Er hat sich auch im Laufe der Zeit eine exzellente Menschenkenntnis erworben.

Rolf Schafheutle:

"Das müssen Sie natürlich auch haben, weil: es gibt Leute, die dann doch immer mal versuchen, auf etwas lockere Art und Weise an irgendwelche Kostbarkeiten dranzukommen. Und das kriegen Sie dann irgendwo auch mit der Zeit mit, dass das also wohl nicht so ganz ernst gemeint ist."

Sprecher:

Mit Hilfe der langjährigen Erfahrung merkt Rolf Schafheutle schnell, wenn einer seiner Kunden nicht so ganz echt ist. Ist jemand nicht ganz echt, bedeutet diese umgangssprachliche Redensart, dass die Person falsch, also unehrlich ist. Genauso wie ein Bankangestellter echte und unechte Geldscheine auseinander halten kann, ist der Fundbüroleiter in der Lage, ehrliche von unehrlichen, also nicht ganz echten Menschen zu unterscheiden.

Sprecherin:

Mit Hilfe dieser Menschenkenntnis merkt Rolf Schafheutle auch schnell, ob einer seiner Kunden tatsächlich etwas verloren hat oder ihm nur Humbug erzählt.

Sprecher:

Das Wort Humbug hat im vergangenen Jahrhundert Einzug in die deutsche Umgangssprache gehalten. Es wurde damals aus dem Englischen entlehnt und bedeutet so viel wie "Schwindel" oder "Betrug". Erzählt jemand Humbug, so lügt er also. Er sagt nicht die volle Wahrheit.

Sprecherin:

Die meiste Zeit hat es Rolf Schafheutle allerdings mit ehrlichen Findern und Verlierern zu tun, die dankbar sind, dass es eine solche Einrichtung wie das Fundbüro überhaupt gibt. Doch den meisten Suchenden kann er trotz seiner Bemühungen nicht helfen. Es hängt eben von sehr vielen Faktoren ab, ob ein verlorener Gegenstand tatsächlich auf seinem Schreibtisch landet. Die meisten seiner Kunden haben dafür Verständnis. Nur manchmal kommt es vor, dass er sich beschimpfen lassen muss, weil bei ihm der verlorene Gegenstand noch nicht abgegeben wurde.

Rolf Schafheutle:

"Manche sagen natürlich auch, das ist meine Pflicht: 'Dafür werden Sie bezahlt.' Vor allen Dingen dann reagiere ich dann immer etwas sauer, wenn da so Sprüche kommen: 'Sie werden ja nur von meinen Steuergeldern bezahlt, Unehrlichkeit der Leute' und Pipapo, was man dann alles so erzählt bekommt. Aber wie gesagt, ich kann nichts dafür und deswegen geb’ ich dann auch meistens da auch keine Antwort drauf."

Sprecher:

In solchen Fällen wird Rolf Schafheutle schon mal sauer, also wütend, wenn ihm Untätigkeit oder sogar Unehrlichkeit, Pipapo vorgeworfen wird. Der umgangssprachliche Ausdruck Pipapo am Ende einer Aufzählung bedeutet so viel wie "mit allem, was dazu gehört". Dieses merkwürdige Wort, dessen Ursprung nicht zu klären ist, verdeutlicht also, dass es zwar noch eine ganze Reihe von Dingen gäbe, die in einer Aufzählung genannt werden könnten, die es aber nicht wert sind, tatsächlich erwähnt zu werden. Die genannten Beispiele der Vorwürfe, die Rolf Schafheutle gemacht werden, reichen aus. Mehr muss nicht gesagt werden, und so kürzt man die Aufzählung mit Pipapo ab.

Sprecherin:

Und obwohl er diese unwahren Beschuldigungen schon häufiger gehört hat, ärgert es ihn immer wieder, wenn, wie er sagt, solche Sprüche kommen.

Sprecher:

In dieser Situation meint das Wort Spruch eine unhaltbare, beleidigende Behauptung. Kommen in einer Konfliktsituation von einer Partei dumme Sprüche, so sollen diese das Gegenüber verletzen und treffen. "Sie bereichern sich doch nur an den Fundsachen" wäre ein Beispiel für einen solchen beleidigenden Spruch, der Rolf Schafheutle zu Recht wütend werden lässt.

Sprecherin:

Die allermeisten sind natürlich froh, dass ihre Brieftasche, ihr Geld oder ihr Schlüssel wiedergefunden wurden. Allerdings kommt es immer wieder vor, dass benachrichtigte Personen ihren Besitz nicht im Fundbüro abholen, obwohl es sich zum Teil um stattliche Geldsummen handelt. Für dieses Verhalten hat auch der erfahrene Fundbüroleiter keine wirklich plausible Erklärung.

Rolf Schafheutle:

"Entweder aus Phlegma oder aber, was vielleicht auch mal der Fall sein kann, dass die Post nicht angekommen ist, aber wenn ich die zum Beispiel anrufe und mit denen spreche, dann wissen sie definitiv, dass die Sache hier ist. Und wie gesagt, bei manchen rührt sich also absolut nichts. Und dann bin ich verpflichtet, diese Sachen drei Jahre aufzubewahren."

Sprecher:

Obwohl ihnen bekannt ist, dass ihr Geld im Fundbüro abgegeben wurde, rühren sich die Besitzer manchmal nicht. Nicht rühren bedeutet in diesem Fall, dass sich niemand bewegt oder meldet. Rolf Schafheutle vermutet, dass die rechtmäßigen Besitzer sich zum Teil aus Phlegma nicht melden, also phlegmatisch sind. Phlegma hat als ein dem Griechischen entnommenes Fremdwort bereits im Mittelalter Eingang in die deutsche Sprache gefunden. Es geht auf die Einteilung des antiken, griechischen Philosophen Hippokrates zurück, der die Menschen in vier verschiedene Temperamentstypen unterschied. Der Phlegmatiker zeichnet sich demnach durch Schwerfälligkeit und Gleichgültigkeit aus. Den mit Phlegma behafteten Personen ist es also zu mühselig, ihre verlorene Sache extra beim Fundbüro abzuholen. Diese Schwerfälligkeit sorgt dann dafür, dass sich diese Fundsachen drei Jahre lang bei Rolf Schafheutle ansammeln.

Sprecherin:

Aber was passiert mit den Fundstücken, die nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist weder vom Verlierer noch vom Finder abgeholt werden? Solange es sich um Bargeld handelt, kommt dies direkt der Stadtkasse zugute. Die meisten anderen Gegenstände gelangen in die einmal jährlich stattfindende Versteigerung. Allerdings sortiert Rolf Schafheutle zuvor für die Versteigerung unbrauchbare Gegenstände aus.

Rolf Schafheutle:

"Alles, was irgendwie gegen den guten Geschmack geht, das würde auch nicht von mir in die Versteigerung gegeben. Sagen wir mal, sämtliche Hygieneartikel, die werden also von mir hier vorher vernichtet, und hier kommen schon mal Schreckschusspistolen, Stiletts, Messer aller Art, die werden von mir natürlich dann vernichtet, wenn die Fristen alle abgelaufen sind. Die gehen nicht in die Versteigerung."

Sprecher:

Was, wie Rolf Schafheutle sagt, gegen den guten Geschmack geht, wird also nicht versteigert. Mit gutem Geschmack ist hier gemeint, dass nichts Anstößiges wie beispielsweise Sexhefte, Kondome, Haarbürsten oder aber gebrauchte Unterwäsche sowie Waffen jeglicher Art bei einer städtischen Auktion versteigert werden soll. Mit gutem Geschmack ist hier vor allem die allgemeine Anstandsnorm gemeint. Verstieß vor einhundert Jahren vielleicht noch eine Frau, die anstelle eines Kleides Hosen trug, gegen den allgemeinen guten Geschmack, so hat sich dies – Gott sei Dank – mittlerweile geändert.

Sprecherin:

Schließlich kommt dann alles, was übrig bleibt, einmal im Jahr unter den Hammer des Auktionators. Die Besucher können bei dieser Gelegenheit beispielsweise drei Regenschirme oder ein Autoradio ersteigern. Auch in diesem Jahr hält Rolf Schafheutle wieder einiges für die Interessenten bereit.

Rolf Schafheutle:

"Da hab' ich 'n Radioreceiver und 'n Videorekorder und Tastaturen von irgendwelchen Computern, die, vermute ich, einfach nicht mehr funktionstüchtig sind, was ich aber hier nicht prüfen kann. Irgendein Liebhaber findet sich meistens dafür, der für kleines Geld da auch Ersatzteile sich rausnimmt, dass das also tatsächlich in der Versteigerung auch noch weggeht."

Sprecherin:

Es ist kaum zu glauben, aber selbst kaputte Radios oder Videorekorder finden noch einen Liebhaber bei dieser Auktion. Das Wort Liebhaber wird hier im übertragenen Sinn gebraucht. In diesem Zusammenhang ist mit Liebhaber ein Freund alter Gegenstände gemeint. Wenn vielleicht jemand als Hobby alte Videorekorder sammelt, kann er unter Umständen Glück haben und ein Gerät ersteigern, aus dem er dann Ersatzteile für einen anderen Apparat entnehmen kann. Nur wirkliche Liebhaber interessieren sich für solche Stücke, da niemand anderes mit einem völlig veralteten und dazu noch defekten Gerät etwas anfangen könnte.

Sprecher:

Ein Vorteil für diese Liebhaber ist, dass sie solche defekten, alten Geräte für kleines Geld erwerben können. Kauft man etwas für kleines Geld, so bedeutet dies, dass man die Ware besonders preiswert ersteht. Kleines Geld bedeutet hier so viel wie "Kleingeld". Der Käufer kann also mit Kleingeld bezahlen. Der Preis ist so gering, dass er keine größeren Scheine benötigt. Die Hauptbedeutung bei dieser Redewendung liegt allerdings auf dem vergleichsweise günstigen Preis. An anderer Stelle hätte der Käufer für eine vergleichbare Ware wesentlich mehr ausgegeben.

Sprecherin:

So findet fast jeder Gegenstand aus dem Fundbüro wieder einen Besitzer. 20 Prozent der Fundsachen werden von den ursprünglichen Eigentümern, 30 Prozent nach Ablauf der Frist von den Findern abgeholt, der Rest wird versteigert, um vielleicht irgendwann einmal wieder im Fundbüro zu landen.


Fragen zum Text:

Welcher dieser Ausdrücke sagt aus, dass etwas ungefähr geschätzt wird?

1. Pipapo
2. Pi mal Daumen
3. Humbug

Jemand, der wütend ist, ist ...
1. nicht ganz echt.
2. phlegmatisch.
3. sauer.

Wenn etwas gegen den guten Geschmack geht, dann ...
1. ist es hässlich.
2. verstößt es gegen den Anstand.
3. schmeckt es nicht.


Arbeitsauftrag:
Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihr Portemonnaie verloren und wollen in einem Fundbüro nachfragen, ob es dort abgegeben wurde. Beschreiben Sie zu diesem Zweck Ihr Portemonnaie samt Inhalt, ohne es vor sich zu haben, möglichst genau. Sie können diese Szene auch nachspielen, indem ein Lernender die Rolle des Fundbüroleiters übernimmt, dem alle Portemonnaies z. B. in einer Kiste ausgehändigt werden. Anhand Ihrer Beschreibung versucht dieser nun, das richtige Portemonnaie zu identifizieren

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