Greenpeace warnt vor Rückkehr nach Fukushima | Wissen & Umwelt | DW | 09.03.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Atomkraft

Greenpeace warnt vor Rückkehr nach Fukushima

Am 11. März jährt sich die Atomkatastrophe von Fukushima zum 7. Mal. Anwohner sollen in die gesperrten Zonen zurückkehren, doch Greenpeace hält die Strahlenbelastung in der Gegend um das havarierte Kraftwerk für zu hoch.

Deprimierend findet Heinz Smital die Situation alljährlich bei seinen Besuchen in der Region um Fukushima. "Die Menschen haben so wenig Möglichkeiten. Wenn Sie nicht zurück wollen, sind sie finanziell ganz auf sich gestellt. Und vor Ort gibt es keinerlei soziale Strukturen mehr." Der Atomexperte von Greenpeace sieht wenig Perspektiven für die Menschen, die die Atomkatastrophe überlebt haben und viele Gefahren: Nirgendwo kann man sich sicher sein.

"Selbst wenn man sich in einem Restaurant aufhält, registriert man ungewöhnlich hohe Werte", sagt Smital. Zuletzt war er im September in der Region Fukushima. "Erwachsene Menschen können zum Teil schon einige Zeit in kontaminierten Anlagen arbeiten und mit radioaktiven Stoffen hantieren. Aber Kindern darf man den Aufenthalt auf Dauer nicht zumuten, weil sie ihr natürliches Verhalten ändern müssten."

Kindern könnten nicht ruhigen Gewissens draußen und vor allem im Wald spielen, reklamiert Simtal, weil ihr Immunsystem weitaus weniger von der radioaktiven Strahlung vertragen kann. "Sollten Familien in ihre Heimat zurückkehren, wird sich das Leben der Kinder rund um Fukushima stark einschränken", prognostiziert der Umweltexperte.

Nicht nur aus Rücksicht auf die Kinder, auch aus Sorge, die eigene Gesundheit zu riskieren, befürchten immer mehr der 170.000 evakuierten Bewohner, ihre verstrahlte Heimat nicht wiederzusehen, obwohl Japans Regierung vergangenes Jahr die Rückkehr erlaubte. Wer das Angebot der Regierung abschlägt, geht finanziell gänzlich leer aus.

Doch sieben Jahre nach dem Reaktorunfall in Fukushima sind die Strahlungswerte in den Gebieten um das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi viel zu hoch, sagt Greenpeace, um auf Dauer dort riskiofrei zu leben.

Seit Jahren misst und dokumentiert die Umweltorganisation die Strahlungswerte systematisch an tausenden Orten und exemplarisch in neun Häusern der Orte Iitate und Namie. Und dort haben die Experten eine Radioaktivität registriert, die immer noch bis zum Hundertfachen über den Grenzwerten liegt, die international festgelegt wurden. "Die ersten zwei Jahre war die Strahlung stark rückläufig, weil kurzlebige radioaktive Nuklide wie Jod schnell zerfallen. Das Problem ist das Cäsium 137", berichtet Atomphysiker Smital. Cäsium hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren, bis es um die Hälfte zerfällt. Dieser Prozess werde bis mindestens in die 2050er Jahre und weit in die nächste Jahrhundert andauern, ehe sich die radioaktive Strahlung verflüchtigt habe. Die Messdaten und die Prognose hat Greenpeace in dem Bericht Reflektionen - Fukushima 2018 zusammengefasst.

Strahlungserhebung in Namie (Christian Aslund/Greenpeace)

Greenpeace-Mitarbeiter Mai Suzuki bei der Strahlungserhebung in Namie

Besonders erschreckend: Trotz der Säuberungsarbeiten ist die Strahlenbelastung von Häusern und nahe gelegenen Gebieten rund dreimal höher als das von der Regierung festgelegte Ziel, schreiben die Umweltschützer in ihrem Bericht. 2018 hat sich nichts geändert - Strahlenmessungen von Greenpeace 2016 Und sie sind höher als bei den Messungen 2016. "Man kann Erde abtragen, aber die Umwelt wird wieder kontaminiert, da radioaktive Materialien, die sich in den umliegenden Wäldern angesammelt haben, sich verteilen", vermutet Greenpeace-Sprecher Smital als Ursache für die hohen Werte.

Die Region besteht zu 70 bis 80 Prozent aus bewaldeten Bergen, die nicht dekontaminiert werden und daher weiterhin radioaktiv verstrahlt sind. Außerdem können Staub, Wind und Regen die radioaktiven Cäsiumpartikel verbreiten und in gewaschene Häuser und Straßen tragen. "Die Berge von mit kontaminierter Erde gefüllten dunklen Plastiksäcken sind Indiz für den sinnlosen Versuch, kleine Wohninseln in einer verstrahlten Region von der Strahlung zu befreien", so Smital. 

Strahlungserhebung in Namie (Christian Aslund/Greenpeace)

Ein Strahlenspezialist von Greenpeace Japan misst die Radioaktivität bei einem Haus in Iitate. Die Regierung hob Evakuierungsbefehle für einen Teil von Iitate im März 2017 auf - trotz erhöhter Strahlungswerte

Die Gegend im Nordosten Japans war am 11. März 2011 von einem Erdbeben der Stärke 9 und einem darauffolgenden Tsunami getroffen worden. Rund 19.000 Menschen kamen ums Leben. Die von der Tokyo Electric Power (Tepco) betriebene Kraftwerksanlage Fukushima Daiichi liegt direkt am Pazifik. Erst fiel der Strom aus, dann versagten die Kühlsysteme. Bei der dreifachen Kernschmelze wurde radioaktives Material freigesetzt, dass die Umwelt verseuchte. Hunderttausende von Menschen verließen daraufhin ihre Heimat - aus Angst vor Strahlenbelastung.

Zögerliche Rückkehr nach Aufhebung der Sperrung

Im März letzten Jahres hob die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe die Evakuierungsbefehle für Gebiete auf, in denen die verstrahlte Erde abgetragen worden war. Gerade einmal 500 der einst 6000 Bewohner sind inzwischen wieder nach Iitate zurückgekehrt, obwohl die japanische Regierung Heimkehrern großzügige finanzielle Unterstützung gewährt. Den Menschen hingegen, die lieber nicht zurückkehren wollen in die einstige Sperrzone, streicht sie die Entschädigungsleistungen. Zudem erhält jedes Haus ein Messgerät, dass permanent die Radioaktivität anzeigt. 

Der japanische Staat ist fest entschlossen, weitere Aufräumarbeiten durchzuführen, um die Gebiete wieder bewohnbar zu machen. Ab April 2018 sollen Arbeiter anfangen, auch hochverstrahlte Ortsteile in Namie und anderswo in der höchsten Sperrzone von der Radioaktivität zu säubern.  

Japan Sechs jahre nach dem Reaktorunglück in Fukushima (Reuters/T. Hanai )

Putzen, putzen - doch die radioaktiven Partikel werden durch Wind und Regen wieder in Gebäude und auf Straßen getragen

Einige Japaner waren dem Aufruf der Regierung in Tokio wegzugehen, erst gar nicht gefolgt. Sie sind in ihren Häusern geblieben, verleugnen das Geschehene und versorgen Haustiere, bis diese an Krebsgeschwüren verenden. Andere tragen seit Jahren mit regungsloser Gleichmut radioaktiv verseuchte Erde ab, obwohl niemand weiß, wohin mit den riesigen Bergen aus dunklen Plastiksäcken.

Furusato heißt diese Eigenschaft, der Bezug zur Heimaterde - und ebenso lautet der Titel des Dokumentarfilms, der sieben Jahre nach der Katastrophe von Fukushima (am 08.03.2018) in deutschen Kinos anläuft. Das Schicksal klaglos hinnehmen, stoische Ruhe bewahren. Und auf Besserung hoffen. Das sind japanische Tugenden. 

Naoto Matsumura kümmert sich um zurückgeleassene Tiere Tomioka Fukushima (picture-alliance/dpa)

Futter für zurückgelassene Tiere - Ein Mann kümmert sich um ein Kalb, das von der Strahlenbelastung gezeichnet, am Boden liegt

Fukushima als Touristenattraktion?

Im Hinblick auf die Olympischen Sommerspiele, die 2020 in Tokio ausgetragen werden, glauben die politische Führung und die Olympiaorganisatoren: "Es ist eine Gelegenheit, der Welt zu zeigen, wie die Menschen die Katastrophe hinter sich gelassen haben", sagte Maki Kobayashi. Exekutivdirektorin des Olympischen Organisationskomitees. Es gebe keinen Grund zur Sorge. Rund 10.000 Besucher haben das havarierte Kraftwerk zuletzt pro Jahr besucht. Bis 2020 will der Betreiber Tepco die Zahl verdoppeln, um dem Imageschaden entgegenzuwirken.

Japan Das Atomkraftwerk in Fukushima explodiert (picture alliance/dapd/NTV)

Raus aus den Köpfen - Bilder von der Explosion des Atomkraftswerkes Fukushima Daiichi

Greenpeace hat bei den Untersuchungen auch radioaktive Hotspots ausgemacht, direkt neben Straßen, die dekontaminiert und für die Öffentlichkeit frei gegeben wurden. Im September zeigte der Geigerzähler 37 Mikrosievert pro Stunde. 

Auf ein Jahr hochgerechnet entspricht das einer Belastung von 370 Millisievert und einer fast 400-fachen Überschreitung des Grenzwertes von einem 1 Millisievert im Jahr (Angabe: Bundesamt für Strahlenschutz). "Durch spezielles Verhalten wie das Tragen von Schutzkleidung, reduzierten Aufenthalten im verstrahlten Gebiet und das Meiden von Bergwäldern kann man die Strahlendosis, gesundheitliche Risiko sicherlich minimieren", meint Heinz Smital. "Doch bis das Land sich von der radioaktiven Belastung erholt hat, wird es 100 Jahre und länger dauern."

Kampf gegen Windmühlenflügel

Bereits nach sieben Jahren hat Japans Regierung etwa 200 Millionen US-Dollar aufgebracht, um Gebäude, Straßen und ganze Dörfer zu waschen, die obersten Erdschichten abzutragen, Wiesen zu mähen. Doch an den Messwerten zeigt sich, dass dies vorrangig dazu diente, die Gemüter und das Gewissen der Verantwortlichen und der Politik zu beruhigen. Greenpeace sieht das Bemühen, die Zonen der höchsten Sperrzone rund um den Katastrophenreaktor zu säubern, sehr kritisch. "Die Leute geben sich zwar große Mühe, aber man kann die Radioaktivität nicht einfach so wegputzen, wie es die Regierung gerne hätte", erklärt Heinz Smital. "Es ist mehr Propaganda." 

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema