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Kultur

Fukushima im Theater: Jelineks "Kein Licht"

Von Menschen gemachte Katastrophen und die Abgründe moderner Technik haben Elfriede Jelinek immer fasziniert und zu aufrüttelnden Theaterstücken inspiriert. Jetzt wurde im Kölner Schauspiel "Kein Licht" uraufgeführt.

Sachiko Hara in Elfriede Jelineks Kein Licht am 29. September 2011 in Köln. Foto: Klaus Lefebvre

Dunkelheit auf der Bühne und im Zuschauerraum. Ein paar kleine Lichtpünktchen sind gerade so eben sichtbar. Dann ertönen Stimmen. Textsplitter und Geräusche werden hörbar. Später ein ohrenbetäubender, Gänsehaut erzeugender Lärm – das Donnern einer Tsunami-Welle. Als es nach langen Minuten hell wird, sieht man den Restmüll einer zerstörten Zivilisation: Papierfetzen, ein altes Fahrrad, eine verbogene Lampe, ein Musikinstrument, einen grotesk wirkenden pinkfarbenen japanischen Papierblumenstrauß. Und taumelnde, verwirrte, verstörte Menschen. Hier hat etwas aufgehört zu existieren. Es herrscht eine lebensfeindliche, gespenstische Atmosphäre. "Kein Licht" - der Titel von Elfriede Jelineks jüngstem Theaterstück ist im wahrsten Sinne Programm.

Verzweifelte, Verstörte

Die Schauspielerin Lina Beckmann in Elfriede Jelineks Kein Licht am 29. September 2011 in Köln. Foto: Klaus Lefebvre

Nach der Explosion

Soeben ist das Atomkraftwerk Fukushima explodiert – doch die Überlebenden der Katastrophe wissen nicht, was geschehen ist. Sie werden im Verlauf des Stückes auch nichts erfahren. Sie haben ihre Orientierung verloren, hören sich selbst nicht mehr, rufen, schreien, irrlichtern über die Bühne. In einem Glaskasten sitzen Musiker, sie bewegen Bögen und Instrumente. Aber es ist kein Ton hörbar. Musik, Kunst, Zivilisation, alles Menschliche scheint wie ausgelöscht. Verzweifelt ruft ein japanisches Mädchen immer wieder in ein Telefon. Die Klagelaute in japanischer Sprache haben etwas abgrundtief Anrührendes. Die überlebenden Opfer haben etwas Automatenhaftes an sich. Wie betäubt, völlig emotionslos bewegen sie sich auf der Bühne. Einige werden sich später in groteske Kobolde verwandeln, aggressive, bösartige Wesen.

Technikwahn und Ignoranz

Die Schauspielerin Julia Wieninger in Elfriede Jelineks Kein Licht am 29. September 2011 in Köln. Foto: Klaus Lefebvre

Der Tod spielt mit

Doch Elfriede Jelinek gibt sich mit dem Alptraum alleine nicht zufrieden. Sie ist auch eine politische Autorin. Und so enthält ihr Text neben Passagen voll böser Ironie auch politische Botschaften, Kritik am Technikwahn der Moderne, Wut über ein zerstörerisches Verhältnis der Menschen zur Natur, Zorn auf die Ignoranz der Mächtigen. Und Verachtung für eine Informationspolitik, die die Menschen im Unklaren lässt und unmündig hält. Fukushima kann überall passieren, lässt uns die Autorin mit einem etwas resignativen Unterton wissen – auch hier in Deutschland.

Komplexe Sprache, eindringliche Bilder

Sachiko Hara und Silvia Bauer in Elfriede Jelineks Kein Licht am 29. September 2011 in Köln. Foto: Klaus Lefebvre

Ein Stück voll Anklage und Trauer

Regisseurin Karin Beier hat starke Bilder für ein hoch aktuelles Stück gefunden. Sie empfindet bei ihrer neuen Regiearbeit aber auch eine gewisse Zwiespältigkeit. Die Katastrophe von Fukushima ist noch frisch, ihre Folgen längst nicht überwunden. "Es könnte fast obszön anmuten, dass wir dies nun auf dem Theater verhandeln", sagt sie. Beier, Intendantin des mehrfach zum "Theater des Jahres" preisgekrönten Kölner Schauspiels, ist eine Verfechterin des politischen Theaters - mit einer Neigung zu den gewaltigen Textgebirgen der Österreicherin Jelinek: "Die ästhetische Auseinandersetzung mit den hoch komplexen und auch sehr musikalischen Arbeiten von Elfriede Jelinek ist für mich eine besondere Herausforderung." Die Sprachflut der Autorin habe etwas Sinnliches und rufe starke Bilder förmlich hervor.

Scheue Schriftstellerin

Die Literaturnobelpreis-Trägerin Jelinek hat schon mehrfach für die Kölner Bühne geschrieben. "Die Kontrakte des Kaufmanns" – eine phantastische Produktion über Börsencrash und Finanzkrise – wurde hier aufgeführt. Ebenso "Der Sturz" – ein Stück über den Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Meist sind es regelrechte Wortkaskaden, die sie abliefert, ästhetisch hoch anspruchsvolle Texte voller Bissigkeit und Ironie, die in einem komplexen dramaturgischen Prozess für die Bühne aufbereitet werden müssen. Direkte Kontakte mit der scheuen, zurückgezogen lebenden Autorin gibt es nicht. In die Inszenierungen mischt sie sich nicht ein, Reisen zu den Aufführungen ihrer Stücke unternimmt Elfriede Jelinek nicht. Aber man tauscht E-Mails aus. Von der Fernsehaufzeichnung des "Sturz" soll die Schriftstellerin begeistert gewesen sein.

Autorin: Cornelia Rabitz
Redaktion: Aya Bach