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Alltagsdeutsch – Podcast

Fußballsprache

In Deutschland nennt man Fußball gerne die wichtigste Nebensache der Welt – was jedoch leicht untertrieben ist, denn über Fußball wird in der Öffentlichkeit mindestens so häufig gesprochen wie über Regierungsgeschäfte.

Zitat:

"Einige Leute denken, Fußball sei eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Haltung nicht. Ich kann denen versichern, dass es viel ernster ist als das."

Sprecherin:

Für Bill Shankley, früher Manager des FC Liverpool, war Fußball eine ernste Angelegenheit, wie das Zitat belegt. Es ist eben ein Drama, das Gute und Böse kennt, Verlierer und Sieger, Helden und komische Figuren, Künstler und Wasserträger, elf Freunde und manchmal auch überbezahlte Versager. Menschen unterschiedlichster Herkunft sind von diesem "Drama" fasziniert.

O-Ton:

"Wenn ich ins Theater gehe, dann weiß ich eigentlich, wie das Stück ausgeht, beim Fußball weiß ich das nicht. Und beim Fußball passiert es auch immer noch, was im realen Leben leider immer weniger passiert, dass David mal den Goliath schlägt. Und davon, genau davon lebt ja der Fußball."

Sprecher:

Die Geschichte von David und Goliath kennen wir aus der Bibel. Es herrschte damals Krieg zwischen Israel und den Philistern. Ein Zweikampf sollte entscheiden. Die Teilnehmer: Der schmächtige David aus Israel und der riesengroße, starke Philister Goliath. Nach menschlichem Ermessen hätte der Riese gewinnen müssen; tat er aber nicht, denn David war schlauer. Ergo kann der Schwächere mit Grips und Mut auch mal den Stärkeren besiegen.

Zitat:

"Ball rund muss in Tor eckig!"

Sprecher:

Diese kurze, grammatisch nicht ganz einwandfreie Handlungsanweisung stammt aus dem Mund des ehemaligen Bundesligatrainers Helmut Schulte. Fußball ist im Gegensatz zur deutschen Sprache eben ein Spiel mit einfachen Regeln.

Sprecherin:

Eine andere Weisheit ist heute völlig außer Kraft gesetzt, die von Alt-Bundestrainer Sepp Herberger. Von wegen, ein Spiel dauert 90 Minuten; es hat ein mediales Leben davor und danach. Presse, Funk und Fernsehen liefern das Material, das sich schließlich als kollektive Erinnerung ins Gedächtnis der Fans brennt. Zum Beispiel die Weltmeisterschaft 1970: Halbfinale Deutschland – Italien. Nach einer Verlängerung gewinnen die Azzurri, und der damalige Hörfunkreporter verliert die Fassung:

O-Ton:

"Tor durch Müller, Kopfball Uwe Seeler, Kopfball Müller, im Hechtsprung durch drei Italiener hindurch ins Netz – 3:3 unentschieden. Die Italiener greifen an, Bodisegna und Tor für Italien. Eben noch Hochstimmung, nein, das können die Nerven von normalen Schlachtenbummlern gar nicht mehr ertragen."

Wolfgang Overath:

"Das war Dramatik pur. Es gab große Mannschaften mit den Italienern und mit uns, und es war eine Riesenbegeisterung, es war ein Jahrhundertspiel."

Sprecherin:

Wolfgang Overath, einer der großen Spieler damals, ist noch heute begeistert von diesem Halbfinale. Es war eben Dramatik pur, also richtig spannend und ein Jahrhundertspiel, ergo so gut, wie man es in 100 Jahren nur selten sieht.

Sprecher:

Im Übrigen lernen wir hier gleich die Bedingung kennen, unter denen Hörfunkreporter arbeiten müssen. Sie leihen uns ein Auge für ein Ohr. Und so müssen sie möglichst schnell beschreiben, was auf dem Platz passiert, um ja keine Situation zu verpassen. Weshalb Reporter Hauptwörter lieben und unvollständige Sätze? Weil es eben Zeit spart. Ein Hechtsprung durch drei Italiener durch ist rein physikalisch nicht möglich. Trotzdem können wir uns vorstellen, wie Gerd Müller mit einem weiten hohen Sprung den Ball ins Tor bugsierte und dabei drei Italiener ausspielte.

Sprecherin:

Es sind die Hörfunk- und Fernsehreporter, die dem Publikum das große Balla-Balla ins Haus liefern, schon von Berufs wegen. Immer auf Ballhöhe sind sie seinem geheimnisvollen Eigenleben auf der Spur.

O-Töne:

"Ball, Ball, Ball, Ball, Ball, Ball, Ball." / "Abgeblockt der Ball." / "Der Ball nicht konsequent geklärt." / "Verdaddelt den Ball." / "Da hat er den Ball gekitzelt." / "Der Ball kringelt sich vor Freude." / "Der Ball noch heiß." / "Der Ball streichelte die Latte." / "Der Ball schlüpft vorbei." / "Hoppel poppel macht der Ball."

Sprecher:

Aus diesem Zusammenschnitt von Fernsehreportagen kann sich der phantasiereiche Zuhörer leicht zusammenreimen, welche Spielsituation beschrieben wurde. Hier einige Erklärungshilfen: Abgeblockt ist der Ball, wenn er abgewehrt wird. Geklärt ist der Ball, wenn ein Abwehrspieler ihn so wegschießt, dass er keine Gefahr mehr fürs eigene Tor darstellt. Verdaddelt ist der Ball, wenn ihn der Spieler verloren hat. Denn daddeln kommt aus dem Norddeutschen und heißt eigentlich "spielen". Wenn ein Akteur den Ball kitzelt, hat er ihn ganz sanft und mit viel Gefühl gespielt. Streichelt der Ball dann die Latte, ist er – sehr zum Ärger des Spielers – ganz knapp über das Tor geflogen. Und wenn der Ball nicht richtig getroffen wurde, kann er auch schon mal über den Rasen hoppeln wie ein Hase.

Zitat:

"Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit."

Sprecherin:

Ex-Stürmerstar Rudi Völler verdreht einen Satz und macht dabei auf eine Tatsache aufmerksam: Es ist leichter ein Tor zu treffen als den richtigen Ton. Was man den Spielern nicht immer vorwerfen kann –hat es sich doch eingebürgert, Fußballer direkt nach dem Schlusspfiff zum Spiel zu befragen. Da stehen sie dann, die Recken, schweißtriefend, völlig außer Atem und sollen sich ein paar schlaue Sätze abringen. Völlig unmöglich. Anders Lothar Matthäus, der Meister des verbalen Zwischenspiels. Wenn er ein Mikro vor die Nase bekommt, kann er sich meistens nicht zurückhalten.

Lothar Matthäus:

"Man muss Gras fressen, das ist einfach die Fußballersprache, man muss sich für den Kollegen den Arsch aufreißen."

Sprecher:

Nun meint Matthäus nicht wirklich, dass Fußballer Gras fressen sollen, das wäre ja auch ziemlich unbekömmlich. Aber der ehemalige Nationalspieler liebt eben den robusten Abwehrkampf. In seinem Fußballerdasein grätschte er oft genug in Ball und Gegner, fiel dabei auf den Rasen und machte Bekanntschaft mit dem Gras.

Sprecherin:

Gehen dem Fernsehreporter während einer Fußballübertragung die Interviewpartner aus, behilft er sich gerne mit Prominenten, auch aus anderen Sportarten. Beliebt und begehrt: Ex-Tennisstar und Bayern-München-Fan Boris Becker. Denn was auf dem Tennis court gilt, kann auf dem Fußballplatz nicht völlig falsch sein.

Boris Becker:

"Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, dann muss man Serve and Volley spielen, und zuweilen hilft da nicht, den Ball zu halten, sondern von der ersten Minute an muss es auf Sieg gehen, auf Tore gehen."

Sprecher:

Wer mit dem Rücken zur Wand steht, ist in großer Not. Er hat keinerlei Fluchtmöglichkeit mehr, denn hinten geht‘s ja nicht weiter. Tennisstar Becker empfiehlt in dieser Situation Serve and Volley. Das bedeutet: erst Aufschlag, dann ans Netz um anzugreifen und schließlich den Ball direkt aus der Luft in die gegnerische Hälfte schlagen. Im übertragenen Sinne meinte Becker wohl, die Fußballspieler sollten offensiv spielen.

Zitat:

"Zu die Pressetische" - das stand einstmals auf einem Hinweisschild im Schalker Stadion.

Sprecherin:

Was wäre das Spiel ums runde Leder ohne seine Originale. Ein solches war in den siebziger Jahren Willi Lippens, Stürmer beim Ruhrgebietsclub Rot-Weiß Essen. Wegen seines krummbeinigen, leicht watscheligen Gangs wurde er von den Fans liebevoll "Ente" genannt. Lippens machte aber nicht nur als Torjäger von sich reden, sondern auch als Hüter der deutschen Sprache.

Willi Lippens:

"Ich erinnere mich zum Beispiel an meine Jugendzeit in einem Spiel, wo ich dann also auch getreten worden bin und getreten worden bin. Und ich hab‘ mich dann beschwert, etwas laut, das mach‘ ich schon mal. Und dann kam der Schiedsrichter ganz aufgebracht zu mir gerannt und sagte: 'Ich verwarne Ihnen.' Und da meinte ich: 'Ich danke Sie.' Und dann hat er mich vom Platz geschmissen wegen Schiedsrichterbeleidigung."

Sprecher:

Auf dem Fußballplatz gibt es also durchaus Gelegenheit, etwas Grammatik ins Spiel zu bringen. Der Schiedsrichter hätte eigentlich sagen müssen: "Ich verwarne Sie." Und "Ente" Lippens hätte antworten sollen: "Ich danke Ihnen." Lippens wollte vom Schiedsrichter eben nicht nur korrekt behandelt, sondern auch korrekt angesprochen werden.

Zitat:

"Der Ball ist rund. Wäre er eckig, dann wär‘ er ja ein Würfel."

Sprecher:

Guyla Lorant, einstmals Trainer von Rekordmeister FC Bayern München, formuliert das existentielle Problem mit dem Ball. Das Spielgerät ist rund, damit es die Richtung ändern kann. Und so fliegt es oft dahin, wo es keiner haben will. Zum Beweis: Wir lassen noch einmal die berühmte Manchester-Minute aufleben. Im Champions-League-Endspiel führt München gegen Manchester United kurz vor Schluss mit 1:0, hat schon eine Hand am begehrten Pokal und verliert innerhalb von 60 Sekunden alles. Der nervöse Reporter ahnt schon die kommende Katastrophe. Für vollständige Sätze bleibt ihm da keine Zeit, ist er doch in diesem Moment auch nur ein Fan, der leidet, warnt und stöhnt.

O-Ton:

"Vorsicht, Schmeichel kommt, Vorsicht, der Ball kommt, Schmeichel mit dem Kopfball, raus, raus mit dem Ding, raus mit dem Ding. Schuss, Achtung Tor, Tooor. Um Himmelswillen, jetzt nicht der Siegtreffer. Ecke für Manu von Beckham. Kopfball Achtung: Tor, Tor. Der war nicht im Abseits, der Treffer gilt. So grausam, so bitter kann Fußball sein."

Zitat:

"Des sind Gefühle, wo man schwer beschreibe kann."

Sprecher:

Jürgen Klinsmann formulierte diesen Satz im schwäbischen Stil nach dem Gewinn der Europameisterschaft 1996. Korrekt müsste er heißen: "Das sind Gefühle, die man schwer beschreiben kann." Aber der Schwabe als solcher steht mit deutschen Relativsätzen auf Kriegsfuß, und so rutscht ihm statt "die" oder "welcher" immer ein "wo" heraus.

Sprecherin:

Sportreporter können sich auf diese Klinsmannsche Aussage nicht berufen. Wenn samstags ab 16.55 Uhr im öffentlich-rechtlichen Radio die Schlusskonferenz der Fußball-Bundesliga anbricht, gibt es kein Halten mehr. Da werden Nebensätze und Adjektive gedribbelt, Synonyme verschossen und Wortbilder hin und her gepasst. Der letzte Spieltag der Saison 1998/1999 wurde mit dem Grimmepreis ausgezeichnet, dem renommiertesten Medienpreis in Deutschland. Vorne ging es um einen Platz in der Champions-League, hinten um den Abstieg und in den Reporterkabinen um den Metaphernkönig.

O-Töne:

"Der FC Wackelknie, der FC Nürnberg, die Klubberer, ja, was ist denn, wo denn, da muss man doch kämpfen, wenn es gegen den Abstieg geht. Und der Sportclub, frei, locker, der FC Lockerburg spielt hier, muss sich nicht einmal anstrengen. Es gab einen Schuss der Klubberer, es sei geklagt, es sei gesagt." / "Ja, und das Wechselbad der Gefühle an diesem letzten Spieltag, das kann man miterleben, wenn man ab und zu mal einen Blick auf den Dortmunder Fanblock wirft. Da herrschte Schweigen im Walde nach dem Ausgleichstreffer des 1. FC Kaiserslautern im Waldstadion, aber Riesenjubel, als dann die Eintracht kurz drauf wieder in Führung ging."

Sprecher:

Reporter sind Synonymjäger und Bilderzeuger, auch um Abwechslung in ihre Sprache zu bringen und das Spiel als Ereignis zu zelebrieren. Da wird aus dem 1. Fußballclub Nürnberg die Klubberer oder der FC Wackelknie, was nicht besonders schmeichelhaft ist. Wir alle kennen das. Wenn wir Angst haben, bekommen wir wackelige Knie und werden ganz schwach in den Beinen. Und so geht’s hier den Nürnbergern; Sie spielen vor lauter Angst ganz schlecht. Auch die Dortmunder Fans hatten ihr Wechselbad der Gefühle; und das ist wie eine Tretkur beim alten Pfarrer Kneipp. Erst tritt man in heißes und dann in kaltes Wasser, erst freut man sich und dann trauert man wieder. Zeitweilig herrschte deshalb Schweigen im Wald – und das im ausverkauften Stadion. Mit dieser Redewendung wird eine Situation der Angst und inneren Anspannung beschrieben, in der es ganz still wird. Der Satz geht auf einen Heimatroman von Ludwig Ganghofer zurück, der später auch verfilmt wurde – sein Titel: Schweigen im Walde.

Den Ball kann ein Spieler nicht …?

1. verdaddeln

2. schlüpfen

3. kitzeln

Welcher Verein ist gemeint, wenn von den Klubberern die Rede ist?

1. der 1. FC Kaiserslautern

2. der 1. FC Köln

3. der 1. FC Nürnberg

Welcher dieser ehemaligen Nationalspieler war kein Stürmer?

1. Rudi Völler

2. Lothar Matthäus

3. Jürgen Klinsmann

Arbeitsauftrag:

Ob Viererkette, Latte oder Flutlicht – Fußball ist voller Fachausdrücke, die sich häufig nicht direkt erschließen. Schreiben Sie selbst einen (fiktiven) Spielbericht oder einen Kommentar zu einem Spiel, in dem Sie solche Fachausdrücke verwenden. Um sich mit der Fußballsprache besser vertraut zu machen, können Sie den Schnellkurs "Uwe aus dem All" der Deutschen Welle nutzen: http://www.dw-world.de/uwe

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