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Politik

Fußball-Lethargie statt Sommermärchen

Die amerikanische Fußball-Lethargie ist gnadenlos. Hier sieht man keine Fahnen, keine Trikots und hört schon gar keine "Lululu Lukas Podolski"-Gesänge. Noch grauenhafter ist aber die Spieleübertragung im US-Fernsehen.

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Es ist Sonntagmorgen, 10 Uhr Ortszeit in Washington DC. Es ist ein ganz besonderer Tag. Und ich bin einer der ganz wenigen hier, die das wissen. Einige tausend Kilometer entfernt von der amerikanischen Hauptstadt steht nämlich das erste deutsche Europameisterschaftsspiel gegen die Polen auf dem Programm. Bei strahlendem Sonnenschein mache ich mich gerade in meinem frisch gebügelten "Weltmeister von 1954"-Trikot auf den Weg zur Live-Übertragung in die Deutsche Botschaft.

Schon seit einigen Wochen erzähle ich meinen amerikanischen Freunden und Bekannten vom Traumsturm mit Gomez und Klose, unserem "Capitano" in der Form seines Lebens und Deutschlands Ruf als Turniermannschaft. Ob sie mir wirklich zugehört haben, weiß ich nicht. Amerikaner zeigen ja eigentlich nie offen ihr Desinteresse. Immerhin meine Mitbewohnerin schien sich einen Moment damit zu befassen als sie mich fragte, warum die Türkei und Russland überhaupt mitspielen dürfen.

Verzweiflung schon vor dem Anpfiff

Bei der Botschaft angekommen, überfällt mich gleich ein mulmiges Gefühl. Das kleine deutsche Eiland am anderen Ende der Welt kommt mir irgendwie wenig heimatlich vor. Wo sind die Fahnen, Trikots oder sonstige Anzeichen dafür, dass in etwa 30 Minuten unser Team in eine EM startet? Sollte sogar dieser Ort, dieses deutsche Fleckchen Erde, schon infiltriert sein von der amerikanischen Fußball-Lethargie?

Aber es hilft ja alles nichts, das Spiel geht los, und Bild wie auch Ton steht zumindest – wenn auch ein bisschen übertönt von unseren Tischnachbarn, die zu tief in ihr Gespräch vertieft sind, um sich auf Fußball konzentrieren zu können. Von einer halbwegs annehmbaren Stimmung sind wir auch nach dem ersten Tor noch so weit entfernt wie Jens Lehmann von seiner Form aus guten alten Tagen. Als ich nach dem 2:0 durch unseren neuen Star auf links außen vorsichtig "LuLuLu Lukas Podolski" anstimme, ist es mir fast schon ein bisschen peinlich. Den anderen um mich rum augenscheinlich auch. Ich fühle mich sehr einsam.

Freibier gegen die Depression

Frustriert von meiner Erfahrung aus dem Spiel gegen Polen, mache ich mich für die nächsten Spiele wieder auf die Suche. Schließlich entdecken wir mitten in Washington einen Ort, an dem alles anders sein könnte: Das Goethe Institut in Chinatown. Einige furchtlose deutsche Fans, die sich nicht von der Depression der Entfernung haben anstecken lassen, finden sich hier zusammen. Und immerhin: Es gibt Freibier. Wir Deutschen wissen uns ja immer irgendwie zu helfen. So gehen dann auch die Spiele gegen Kroatien (okay, vergessen wir Kroatien), Österreich, Portugal und die Türkei einigermaßen stimmungsvoll über die Bühne. Der Auftritt unserer Jungs entschädigt ja für einiges.

Der Albtraum eines jeden Fans: Fußball auf ESPN

Wenn auch zu relativ ungünstigen Zeiten (kaum zu verfolgen, falls man nicht einen sehr verständnisvollen beziehungsweise europäischen Arbeitgeber hat) und trotz öffentlichem Desinteresse - alle EM-Spiele werden hier tatsächlich live im TV übertragen. Der Haken dabei: Die Fußballübertragungen auf ESPN sind - zumindest für echte Fans wie mich - eine einzige Katastrophe. Ich hätte nie gedacht, dass ich Netzer und Delling einmal so vermissen werde. Dort wo Fußball – sorry, "Soccer" (die Namensrechte für das Spiel mit dem Fuß hat hier ja schon ein anderer Sport) ungefähr auf einer Popularitätsebene mit Cricket oder Hallenhalma steht, sind selbst die Moderatoren unfassbar ahnungslos. Während diese sich im Laufe des Turnieres so langsam gegenseitig die Abseits-Regel beibringen, wird auch in der Halbzeit lieber fröhlich über die NBA Finals geplaudert, als das aktuelle Spiel zu analysieren.

"Football is a simple game"

Am kommenden Sonntag hat nun die Österreichische Botschaft zur großen Finalparty geladen. Und auch wenn ich schlechte Erfahrungen mit Botschaften und Fußball gemacht habe, hoffe ich mal, die Österreicher sind sich als Gastgeber auch hier in den Staaten ihrer Verantwortung bewusst. Auf jeden Fall steht ganz Deutschland – ich rechne schon irgendwie mit dem Titelgewinn – am Sonntag wieder Kopf. Und abermals werde ich wehmütig im Internet schauen, was ich hier im Exil so alles verpasse. Aber immerhin kann ich mich dann weiterhin der Weisheit des guten alten englischen Fußballspielers Gary Lineker bedienen, wenn ich wieder einmal einem Amerikaner das Einmaleins des Fußballs erklären muss: "Football is a simple game; 22 men chase a ball for 90 minutes, and at the end the Germans always win.“