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Alltagsdeutsch – Podcast

Fußball ist unser Leben

Fußball-Reportagen reißen mit. Nicht nur die Zuhörer und Zuschauer, sondern auch die Reporter selbst. Entwickelt hat sich eine ganz eigene Fußballsprache, deren Formeln und Bilder nur die wahren Fans verstehen.

Sprecher:
"Glaubt man den Experten, dann ist das Fußballspiel nicht die Fortsetzung des Lebens, sondern das Leben ist die Fortsetzung des Fußballspiels; dann ist das, was im Spiel passiert, also nicht so wie im Leben auch, sondern: das, was im Leben passiert, ist so wie am Samstag beim Spiel." Der Schriftsteller Ror Wolf philosophiert über die wichtigsten Stunden, welche die deutsche Woche zu bieten hat: die Fußball-Bundesliga-Stunden. Für die meisten Fans, die allsamstaglich in die Stadien strömen, sich vor ihre Radios hängen oder gegen 18 Uhr in den Fernseher starren, ist der Fußball das Leben mit anderen Mitteln. Vom Spiel der Spiele in Deutschland leben aber nicht nur idealistische Fans und materiell gesehen die Fußballspieler, sondern auch die Mittler in jenem durch Hassliebe bestimmten Verhältnis: die Sportreporter. Die Sprache der Sport-Berichterstattung, die wollen wir uns heute mal anhören und den Pass aus der metaphorischen Tiefe analysieren. Wir sind heute in deutschen Fußball-Stadien.

O-Ton:
Mannschaftsaufstellung, Anpfiff, Musik

Sprecherin:
15.30 Uhr im Leverkusener Stadion. Vorletzter Spieltag der Fußball-Bundesliga vor der Winterpause. 23.000 Zuschauer, darunter viele tausend Fans der Borussia aus Dortmund, wollen es sehen, das Spitzenspiel des Tages: Bayer 04 Leverkusen gegen Borussia Dortmund. Einmarsch der Gladiatoren, rot-weiß die Leverkusener und im traditionellen schwarz-gelb die Dortmunder.

Sprecherin:
Die Spannung steigt, der Adrenalinspiegel auch. Jetzt warten alle nur noch auf eines: den Anpfiff des Schiedsrichters. Der Anstoß erfolgt, die Zuschauer entladen ihre Spannung in einem Raunen, und es kann beginnen: das vollkommene Drama, das Gute und Böse kennt, Verlierer und Sieger, Helden und komische Figuren, Künstler und Wasserträger, elf Freunde oder nur fleißige Angestellte. Die Fans als Stammesmitglieder stellen ihre Farben zur Schau: rot-weiß, weiß-blau, schwarz-gelb je nach Stammeszugehörigkeit und fallen in die Stadien ein, um mit ihren Stammesgesängen die Atmosphäre zu beschwören, in denen eine Mannschaft – ihre Mannschaft – über sich selbst hinauswächst.

O-Ton:
"Wenn man im Stadion ist, das ist Liebe, Hass, Euphorie, Trauer, alles das ist das. Das ist alles in neunzig Minuten zusammengepackt, ne, kann man so sagen, also man freut sich, wenn sie 'nen Tor machen oder wenn se gewinnen, und dann kann man auch in totale Trauernis verfallen, wenn sie 'nen Tor reinkriegen, oder was."

Sprecherin:
Wo die Borussia aus Dortmund auftaucht, da strömen die Fans fröhlich herbei, und Sieg und Niederlage sind nahezu egal. Die Rest-Bundesliga schaut neidisch auf die Zuschauerzahlen im Dortmunder Westfalenstadion und noch neidischer auf die Stimmung, die dort herrscht. Und auch bei Auswärtsspielen verwandeln die Dortmunder Fans fremde Arenen in heimische Gefilde. BVB – das ist eine Weltanschauung. BVB – das ist das Leben im Brennspiegel der Emotionen.

O-Töne:
"Die Leute identifizieren sich damit, im Gegensatz zu anderen Clubs. Weil Borussia nicht nur für, für Samstagabend ist, sondern auch für den ganz normalen Alltag auch. Man unterhält sich montags, dienstags, mittwochs darüber und nicht nur samstags. Wenn die sehen, dass die Leute hier kämpfen – genau wie die Leute bei uns im Ruhrpott arbeiten – dann sagt da keiner was gegen. Dann können sie auch ruhig mal verlieren. / Die Stimmung in der Mannschaft ist natürlich gut, das überträgt sich auf die Zuschauer, und ich denke, wir feiern uns auch ganz gut selber. Und ich denke, dass es deswegen auch ne ganze Menge immer kommen jede Woche, und es macht einfach auch Spaß, da zu sein. / Die spielen also nie, dass man sagt, die mauern oder versuchen, 'nen Ergebnis zu halten, oder letzte Woche in Nürnberg in der letzten Minuten zwei Tore gemacht. Das ist, weil die nur Dampf machen."

Sprecher:
Im Grunde genommen ist der richtige Fan natürlich auch ein echter Fußballexperte, und dementsprechend kennt er sich auch aus in der Fußballsprache. Und so weiß man gar nicht, was zuerst da war, die Sprache der Sportreporter, die mittlerweile auch der Fan beherrscht oder die Sprache des Fußball-Berauschten, die sich auf die Journalisten übertrug. Mit den euphorischen Aussagen der Borussen-Fans haben wir jedenfalls auch gleich ein paar Klassiker der Fußballsprache eingefangen. Die spielen also nie, dass man sagt, die mauern oder versuchen, das Ergebnis zu halten, sagt der Fan – oder: Das ist, weil die nur Dampf machen. Der Begriff des Mauerns hat nicht nur jahrzehntelang den italienischen Fußballstil aus deutscher Sicht erschöpfend beschrieben, sondern der Vorgang des Mauerns ist natürlich auch immer ein Anstoß zur Kritik gewesen. Mauern, das ist die zum Verb gewordene Mauer. Wer eben mauert, der baut eine Mauer auf. Und wenn Fußballspieler vor ihrem Tor eine unsichtbare Mauer aufbauen, passiert gleich zweierlei: die Gegner kommen nicht zum Torschuss, denn auch durch eine unsichtbare Mauer kann man keinen Ball kicken, und die mauernde Mannschaft hat eben alle Füße voll zu tun, ihre Mauer Stein für Stein aufzubauen aus Abwehrbeinen. Deshalb hat sie keine Zeit, selber mal ein Tor zu machen. Merke: wer hinten mauert, macht vorne keinen Dampf. Also – noch ein Merksatz des Fußballs: wer Dampf macht, setzt den Gegner unter Druck.

Sprecherin:
Während die Fußballspieler zur Tat schreiten und je nach Laune des Trainers kontrollierte Offensive spielen, hinten mauern oder den Gegner unter Druck setzen, haben sich in den Fußballarenen auch jene niedergelassen, die das Fußball-Ereignis ins Haus liefern: die Sportreporter. Da bleibt keine Ecke unkommentiert, kein Foul unbemerkt und kein Tor unbeschrien. Nur winzige zwei Minuten haben die Fans im Leverkusener Stadion Zeit, sich richtig hinzustellen oder auf den harten Schalensitzen die bequemste Lage zu finden, da heißt es auch schon 1:0 für Leverkusen.

O-Ton:
Fan-Atmo mitten im Spiel beim 1:0 in der zweiten Spielminute...
Stadionssprecher-Ansage des Tores und Jubel der Fans ...

Sprecherin:
Stöhnen und Entsetzen auf Seiten der Dortmunder Fans. Jubel und Stimmung beim Leverkusener Stammeslager. Für den Daheimgebliebenen am Radio hört sich dieses 1:0 so an:

Reporterin:
"Erster Angriff für die Hausherren, die Dortmunder Abwehr formierte sich gerade mal so recht, und da kam ein steiler Pass an den 16-Meter-Raum, an die Grenze des 16-Meter-Raumes. Die Dortmunder sind völlig außer sich, denn ihr Libero, hat sich bei dieser Aktion verletzt, und alle Dortmunder sind sich einig, das war kein reguläres Tor. Aber der Schiedsrichter sagt, es war eines. So steht es 1:0 – zurück ins Studio."

Sprecher:
Ein Sportreporter leiht dem Hörer zu Hause sein Auge und muss in Sekundenschnelle das, was er sieht, so in Sprache umsetzen, dass der Hörer sich ein Bild machen kann. Völlig klar, dass Sätze dabei unvollständig sind, in Stichworten geredet wird und in kurzen, beschreibenden Adjektiven. Es hat sich eine Fußballsprache entwickelt, die immer wieder auf Formeln zurückgreift. Aber Reporter benutzen Synonyme auch gerne, um Abwechslung in ihre Sprache zu bringen. Da wird das Tor zum Gehäuse oder Kasten und aus Abwechslung sind die Leverkusener Spieler auch mal die Hausherren. Ein steiler Pass, darunter kann sich jeder Fan etwas vorstellen. Eigentlich ist ein Berg steil – eben hoch aufragend, so dass man Mühe hat, ihn zu erklimmen. Im übertragenen Sinne kann auch eine Karriere steil verlaufen – dann hat man es vom Botenjungen direkt in den Chefsessel geschafft. Aber ein steiler Pass ist jener leicht hohe und weit geschlagene Ball, der dann zum weit entfernten Mitspieler kommt.

Sprecherin:
1:0 lagen also die Dortmunder zurück, doch sie waren keineswegs geschockt. Im Gegenteil – sie stürmten locker die Leverkusener nieder. Und so führten sie schließlich eine viertel Stunde vor Schluss 3:1. Aber - wie sagte Sepp Herberger, der Bundestrainer der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954, immer: der Ball ist rund, und ein Spiel dauert 90 Minuten. Und diese Weisheit ist noch nie widerlegt worden. Und so blickten die Leverkusener Fans immer noch hoffnungsvoll auf den heimischen Rasen:

Reporterin:
"Wo BVB schon wieder stürmt über die rechte Seite, in die Mitte zurückgespielt und jetzt ist mal wieder ein Gang zurückgeschaltet. Das machen sie ganz clever, die Dortmunder, sie führen den Ball in den eigenen Reihen, lassen die Angriffspieler der Leverkusener tanzen, als wenn sie sagen wollen, dieses 3:1, das bringen wir auch in den letzten 14 Minuten über die Runden."

Sprecher:
Ja, wenn Borussia einen Gang zurückschaltet und die Leverkusener dazu tanzen, ist auch die Bilderflut des Reporters auf dem Höhepunkt. Wenn die Borussen einen Gang zurückschalten, ist das tatsächlich so wie beim Autofahren. Wenn Sie vom dritten auf den zweiten Gang schalten, fährt ihr Auto schließlich auch langsamer. Man muss ja nicht immer auf der Überholspur sein. In Wirklichkeit tanzen dabei die Leverkusener Spieler kein bisschen, denn dafür werden sie schließlich nicht bezahlt. Tanzen in der Fußballsprache meint, die eine Mannschaft passt den Ball hin und her und die Gegner laufen vergebens herum, um den Ball zu bekommen.

Sprecherin:
In der letzten Viertelstunde eines Bundesliga-Spiels laufen auch die Reporter zur Höchstform auf. Wenn sie vom Fluss der Ereignisse mitgerissen werden, kontern sie wortreich die deutsche Sprache aus, und selbst das schwächste Spiel wird zu einem erregenden Spektakel. Jeden Samstag gegen 17 Uhr steigern sich die Rundfunkreporter in einen Sprechrausch hinein. Schließlich sind auch die Reporter nur Fußball-Fans. Und wem das Herz voll wird, dem läuft eben der Mund schon einmal über.

O-Töne Reporter:
"Kaiserslautern verstärkt den Druck, teilweise Einbahnstraßen-Fußball jetzt vor 35.000 Zuschauern, aber man kann kaum zwingende Chancen erspielen. Kaiserslautern hat nach wie vor nicht die spielerischen Mittel und am heutigen Tage auch nicht den Biss und den letzten Kampfgeist, um den Frankfurter Abwehrriegel zu knacken. / Acht Minuten hier noch zu spielen, und die Mannschaft des 1. FC Saarbrücken, sie sucht ihre Chance. / In der Schlussphase ist das jetzt nur noch ein Hinhangeln in Richtung Schlusspfiff. Auf dem Betzenberg ist alles klar. / Letztlich ein verdienter Sieg der tapfer kämpfenden und gut spielenden und nicht nur konternden Gladbacher."

Sprecher:
Auch hier jagt ein sprachliches Bild das andere. Rhetorische Fragen werden beantwortet, Ausrufe entgleiten dem Mund des Erregten, und im Telegramm-Stil werden die Aktionen beschrieben – das ist eben live. Und noch etwas wird offenbar: die Vorliebe des Journalisten für den Doppelpass zwischen Adjektiv und Partizip. Da sind nicht nur die Mönchengladbacher gemeint, sondern die tapfer kämpfenden Gladbacher. Deutsch ist eben eine Bauklotzsprache, und so hat es auch schon jenen Adjektiv-lastigen Satz des Sports gegeben: der baumlange, blonde, schussgewaltige, schnell laufende, nie unter Kontrolle zu bekommende Mittelstürmer.

Sprecherin:
Schlusspfiff im Leverkusener Stadion – alle sinken erschöpft in ihre Stühle, und die Fußballer gehen duschen. Auch die Reporter haben es beinahe wieder geschafft. Am Ende steht es doch noch 3:3 in der Partie Leverkusen gegen Dortmund. Und die vereinte Presse hastet dem verqualmten Presseraum entgegen, um den tiefschürfenden Analysen der Trainer zu lauschen.

O-Ton:
"Und nachher muss ich der Mannschaft ein Kompliment machen - wie sie sich aufgerafft hat, wie sie das Spiel an sich riss, wie sie sehr klug nach vorne spielte – und das 1:1 war hochverdient. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir das Spiel sehr gut im Griff. Es lag nicht an der Mannschaft, aber leider hat es nicht geklappt."

Musik:
Theo Lingen: "Der Theodor im Fußballtor"

"Der Theodor, der Theodor,
Der steht bei uns im Fußballtor.
Wie der Ball auch kommt,
Wie der Schuss auch fällt,
Der Theodor, der hält, der hält … ."


Fragen zum Text

Die Redewendung Der Adrenalinspiegel steigt bedeutet, dass …
1. jemand sehr ruhig wird.
2. jemand sehr aufgeregt ist.
3. sich mit Medikamenten in eine Hochstimmung versetzt.

Fußballer bilden in einem Spiel eine Mauer …
1. bei einem Freistoß.
2. beim Torabschuss.
3. beim Scheren.

Der Betzenberg ist das Heimstadion …
1. von Borussia Dortmund.
2. von Bayer Leverkusen 04.
3. des FC Kaiserslautern.

Arbeitsauftrag
Suchen Sie nach einer deutschen Radio- oder Fernseh-Fußballreportage. Hören Sie sich diese an. Geben Sie anschließend wieder, was der Reporter/die Reporterin gesagt hat.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Beatrice Warken

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