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Afrika

Fußball in Puntland: Eine Chance für die Jugend

Fußball hat viele Fans in Somalia und in der halbautonomen Republik Puntland. Neue Fitnesscenter holen Jugendliche von der Straße, bieten ihnen einen sicheren Ort zum Kicken - und wollen Puntland Fußball-Ruhm bringen.

Als das Flutlicht angeht, ruft der Muezzin von der nahegelegenen Moschee zum Abendgebet. Die Spieler auf dem Kunstrasen lassen sich davon nicht stören. Said täuscht links an, geht rechts vorbei, zieht ab, Schuß, Tor. Der 23-Jährige ist mehrmals in der Woche auf dem Spielfeld des Garewo Fitness Center. Immer abends nach seinem Studium an der Puntland State University kommt er hierher. Ein sicherer und gut gepflegter Ort zum Kicken. Am Eingang steht ein bewaffneter Sicherheitsmann.

Das ist ganz normal in Garewo, der Hauptstadt Puntlands. Auch an der Uni bewachen Sicherheitsleute mit Maschinengewehren den Eingang. Westlichen Besuchern folgen sogar drei mit Kalaschnikows ausgerüstete "Begleiter" auf Schritt und Tritt. Eine Anordnung der Regierung, die Entführungen verhindern will. Puntland, ein

Teilstaat im Norden Somalias

, macht international vor allem als Rückzugsgebiet für Piraten Schlagzeilen. Seit fast 25 Jahren herrscht in Somalia Bürgerkrieg. Waffen und Soldaten gehören zum Alltagsbild. Hier in Puntland und im benachbarten

Somaliland

scheint die Lage jedoch unter Kontrolle zu sein. Die

Anschläge

und den Terror der Al-Shabaab-Milizen bekommen vor allem die Menschen im Süden des Landes und in der somalischen Hauptstadt Mogadischu zu spüren. Doch die ist weit weg.

Fußball begeistert - trotz Bürgerkrieg und Terror

Somalier sind fußballbegeistert, auch schon vor dem Krieg gewesen. All die Gewalt und der Terror konnten das nicht ändern. Auch nicht die eigene Nationalmannschaft, die auf dem drittletzten Platz der FIFA-Weltrangliste liegt. Nur Eritrea und Tonga sind schlechter als das Team vom Horn von Afrika. Doch per Satellit kommen die Spiele aus der Bundesliga und der englischen Premier League, von La Liga aus Spanien und der italienischen Serie A auf die Bildschirme in Somalia.

Fußballspiel am Horn von Afrika. Rechte: Arndt Peltner / DW

Fußball wird überall am Horn von Afrika gespielt, wie hier im Flüchtlingslager Jawle, ausserhalb von Garewo, Puntland.

Gekickt wird in Somalia überall, wo sich dazu Gelegenheit bietet. Zwischen zerschossenen Häuserruinen und in Flüchtlingslagern, in denen Menschen leben, die vor dem Terror und der Dürre geflohen sind. Darüberhinaus schießen seit etwa eineinhalb Jahren im ganzen Land Fitnesscenter aus dem Boden, die vor allem auch Gelegenheit zum Fußballspielen bieten. In Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands, genauso, wie in den großen Städten Puntlands Bosaso, Garowe und Galkayo.

"Es fehlte ein sicherer Ort zum Spielen"

Die Idee dazu hatte der Generaldirektor im puntländischen Ministerium für Jugend und Sport, Ahmed Abdallah Tigana, der für den Ablauf der Projekte zuständig ist. Er floh nach dem Kriegsausbruch 1991 nach Europa, lebte zuletzt in England, doch kam für den Sport zurück nach Somalia. Seine Leidenschaft ist der Fußball. Noch immer, wie er betont. Vor dem Krieg spielte er in der höchsten Jugendliga des Landes, stand kurz vor einem Profivertrag. Doch daraus wurde nichts, mit der Flucht ins sichere Ausland endete auch der Traum von der Fußballkarriere. Tigana ist keineswegs verbittert, ganz im Gegenteil. Er lacht viel, berichtet begeistert vom Fußball in seinem Land. "Ich kam zurück und mir fiel auf, dass etwas fehlt. Ein sicherer Ort zum Spielen. Also sprach ich mit Geschäftsleuten und konnte sie überzeugen, in solche Fitnesscenter mit kleinen Fußballplätzen zu investieren", erzählt er. "Ein sicherer Ort zum Kicken, eine Investition in den somalischen Fußball und eine Geschäftsidee obendrein."

Ahmed Abdallah Tigana. Rechte: Arndt Peltner / DW

Ahmed Abdallah Tigana blickt voller Zuversicht auf die Zukunft im puntländischen und somalischen Fußball.

Der 32-jährige Ali Abdi Isse leitet das "Garewo Fitness Center". Die Worte Tiganas kann er nur bestätigen: "Wir haben gemerkt, dass die jungen Leute keinen Ort haben, an dem sie sich aufhalten können. Viele haben das Land verlassen oder sich radikalen Gruppen angeschlossen. Da wollten wir was machen." In seinem Center gibt es zwei Kleinfelder und einen kleineren Bolzplatz mit Kunstrasen, einen gut ausgerüsteten Raum mit Fitnessgeräten, einen Raum für Yoga und Aerobic, einen Billiardtisch, einen Kicker und eine Cafeteria. Geöffnet ist täglich, wer kommt zahlt eine kleine Gebühr. Das Center finanziert sich voll und ganz eigen. Auch Frauen kicken hier am Abend. Der kleine Bolzplatz wird dafür mit Pressspanplatten abgeschirmt, damit in diesem streng muslimischen Land kein Mann einen Blick auf die sportlichen Aktivitäten der Frauen werfen kann.

Hier dribbelt Puntlands Jugend

Said und die anderen Jugendlichen aus Puntland spielen hier bei Flutlicht oft bis spät in die Nacht. Junge Kerle Anfang 20 spielen auf den beiden kleineren Feldern fünf gegen fünf. Sie passen schnell, dribbeln, schießen aus allen Lagen. Die abendliche Hitze scheint ihnen nichts auszumachen. Hochtalentierte Balldribbler blocken Konter, schalten schnell von der Defensive auf die Offensive um.

Said erzählt, dass man nicht trainiere. Auch eine Liga gibt es nicht, hin und wieder würden Turniere hier im Center organisiert. Eine Vereinsstruktur fehlt in Puntland und im Rest Somalias, bestätigt Ahmed Abdallah Tigana vom Ministerium für Arbeit, Jugend und Sport. "Wir brauchen technische Unterstützung, Trainer- und Schiedsrichterausbildung. Wir müssen lernen, wie man einen Verband aufbaut und führt." Zwar gibt es seit 1967 eine somalische Profiliga, die Serie A, aber der gehören nur Vereine aus Mogadischu an. Die Sicherheitslage und die fehlenden Finanzen verhindern einen allgemeinen Spielbetrieb im ganzen Land.

Fußballspiel am Horn von Afrika. Rechte: Arndt Peltner / DW

Abendliches Fußballspiel im "Garewo Fitness Center"

Puntland will international mitspielen

Tigana hat dennoch große Pläne für den Fußball in Puntland. Und das, obwohl sein Ministerium gerade mal über ein Jahresbudget von 8000 US-Dollar verfügt. Gefragt ist Kreativität, und die zeigen die Fußballbegeisterten Tag für Tag. Im vergangenen Jahr hat Puntland einen Antrag beim Weltfußballverband FIFA auf eigene Mitgliedschaft gestellt, denn, so Tigana, der somalische Fußballverband konzentriere sich eben nur auf Mogadischu. Gelder des Weltverbands blieben ausschließlich in der Hauptstadt, und das seit nunmehr 20 Jahren. Nun will man in der semi-unabhängigen Republik Puntland einen eigenen Weg gehen und damit die Fußballbegeisterung in diesem Teil Somalias in geordnete Bahnen bringen.

Die Hoffnungen sind groß. Puntland und langfristig auch ein geeintes Somalia wollen wieder eine Rolle im internationalen Fußball spielen. Das bestätigen all die Jugendlichen und jungen Männer, die an diesem heißen Abend im November den Ball hin und her passen.

Arndt Peltner war auf Einladung der Hilfsorganisation Care Deutschland in Puntland unterwegs.

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