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Europa

Fußball-Diplomatie: Türkischer Präsident Gül in Armenien

Als erstes türkisches Staatsoberhaupt besuchte Abdullah Gül Armenien. Beide Länder unterhalten keine diplomatischen Kontakte. Eigentlicher Anlass: das Qualifikationsspiel für die Fußball-WM 2010 in Südafrika.

Freundliches Händeschütteln der beiden Präsidenten Gül und Sarkissjan (ap)

Eiszeit beendet: Freundliches Händeschütteln der beiden Präsidenten Gül und Sarkissjan

Das Qualifikationsspiel für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 zwischen Armenien und Türkei führte das türkische Staatsoberhaupt am Samstag (06.09.2008) nach Eriwan. Die dortige Führung ließ das Flugzeug Güls aus Sicherheitsgründen von Kampfhubschraubern eskortieren. Mehrere hundert nationalistische Demonstranten säumten den Fahrtweg Güls vom Flughafen zum Präsidentenpalast in Eriwan. Sie trugen Plakate mit Aufschriften wie "Wir wollen Gerechtigkeit", "Türke, gestehe deine Schuld" oder "1915, nie wieder".

Unwillkommen: Proteste gegen Gül-Besuch vor dem Präsidentenpalast in Eriwan (ap)

Unwillkommen: Proteste gegen Gül-Besuch vor dem Präsidentenpalast in Eriwan

Wegen der ungeklärten historischen Frage, ob das Massaker an Armeniern während der Zeit des Osmanischen Reiches Völkermord war oder nicht, herrscht zwischen beiden Staaten seit fast 20 Jahren Eiszeit. 1991 wurde die frühere Sowjetrepublik unabhängig. Diplomatische Kontakte bestehen zwischen der Türkei und Armenien weiterhin nicht. Auch der Streit über die Enklave Nagorny-Karabach belastet das Verhältnis.

Alte Streitigkeiten

Die Türkei hatte 1993 die Grenzen nach Armenien geschlossen, nachdem die frühere Sowjetrepublik Teile Aserbaidschans im Streit über die Enklave Nagorny-Karabach besetzt hatte. Die Türkei fordert von der Führung in Eriwan, die besetzte Enklave zu räumen, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört.

Noch viel älter ist der Streit über das Massaker an Armeniern in den Jahren 1915 bis 1917. Nach Schätzungen von Historikern wurden dabei bis zu 1,8 Millionen Armenier getötet. Die UN-Menschenrechtskommission bewertet die Gräueltaten als Genozid. Die Türkei weist die Zahl als überhöht zurück: Etwa 200.000 Menschen seien ums Leben gekommen, und zwar in den Wirren des Krieges und bei Aufständen.

Austellung zum 90. Jahrestag des Massakers in Armenien im April 2005 (ap)

Austellung zum 90. Jahrestag des Massakers in Armenien im April 2005

Beitrag zu Frieden in der Region

Gül und sein armenischer Amtskollege Sersch Sarkissjan bekundeten auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am Samstag nach einem Gespräch im Präsidentenpalast in Eriwan, beide Seiten wollten die Spannungen abbauen und die Beziehungen wieder verbessern. Sarkissjan: "Wir wollen die Probleme nicht auf die nächste Generation übertragen."

Gül hatte mit Blick auf den Georgien-Konflikt vor seiner Abreise gesagt, er hoffe, mit seinem Besuch zu regionaler Freundschaft und Frieden beizutragen. "Vor etwa einem Monat haben wir gesehen, wie ungelöste Konflikte die regionale Stabilität und den Frieden im Kaukasus bedroht haben."

Armenischer Präsident Sarkissjan: Konflikte sollen nicht auf nachfolgende Generationen übertragen werden (ap)

Armenischer Präsident Sarkissjan: Konflikte sollen nicht auf nachfolgende Generationen übertragen werden

Sein Außenminister Ali Babacan sagte der Nachrichtenagentur Reuters, "die Umstände machen im Moment einen großen Schritt möglich". Er wolle keine zu hohen Erwartungen wecken. Aber auch über eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen müsse gesprochen werden.

Über eine Öffnung der Grenze zu Aserbaidschan nachzudenken, sei noch zu früh, ebenso wie über die Einsetzung einer Historiker-Kommission zu den Massentötungen. Die Kommission war von Regierungschef Recep Tayyip Erdogan angeregt worden.

Schussfeste Scheiben

Die armenische Führung traut ihrer Bevölkerung aber trotz aller Entspannungs-Bekundungen nicht so ganz. Vor der Präsidentenloge im Rasdan-Stadion, wo das Spiel stattfindet, sind eigens schussfeste Glasscheiben zum Schutz des türkischen Präsidenten angebracht worden. Dieser setzt auf die "diplomatische Kraft des Sports". "Ich hoffe", so Gül, "das heutige Spiel wird Hindernisse beseitigen, die eine Annäherung der beiden Völker mit ihrer gemeinsamen Geschichte verhindern". Er lud seinen armenischen Amtskollegen Sarkissjan zum Rückspiel nach Istanbul ein. (hy)

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