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Fußball

Fußball als Gewaltevent

Krawalle in Bundesliga-Stadien gehören eher der Vergangenheit an. Doch im Umfeld der Arenen suchen gewaltbereite Jugendliche den Kick, vor allem auswärts. Fanforscher Gunter A. Pilz sieht hier einen neuen Trend.

Sogenannte Fans von Dynamo Dresden (Foto: dpa)

Randalierende Fans

Krawalle in St. Pauli, Ausschreitungen in Mannheim, Randale in Würzburg. Immer wieder ist der Fußball von gewaltsamen Auseinandersetzungen betroffen. Schauplatz ist zumeist nicht das Stadion, betroffen ist vielmehr das Umfeld der Arenen. Vor allem in den unteren Klassen suchen gewaltbereite Jugendliche die Provokation mit Unbeteiligten und der Polizei. Der Fan-Forscher und Soziologe Gunter A. Pilz von der Universität Hannover spricht gegenüber dw-world von einer neuen Dimension. Die Fragen stellte Arnulf Boettcher.


Deutsche Welle: Es gab in jüngster Vergangenheit Krawalle in der dritten und zweiten Fußball-Bundesliga. Geht die Szene wieder vermehrt in den Profibereich?

Gunter A. Pilz, Sportsoziologe und Gewalt- und Konfliktforscher von der Leibniz Universität Hannover (Foto: dpa)

Fanforscher Gunter A. Pilz

Gunter A. Pilz: Wir beobachten, dass sich in der Ultraszene zunehmend Jugendliche herauskristallisieren, die das Fußball-Wochenende als ein Gewaltevent sehen. Diese Jugendlichen suchen gerade bei Auswärtsfahrten die Gewalt als Möglichkeit, einen Kick zu finden. Und was das Dramatische ist: Diese Jugendlichen sind bei Heimspielen nicht mehr zu sehen. Sie gehen nur noch zu Auswärtsspielen, wo man etwas Besonderes unterbringen kann. Und es hat eine neue Qualität, weil nicht mehr nur noch Fans angegriffen werden, sondern sie attackieren jeden, also auch Unbeteiligte. Das hat eine in der Tat problematische neue Dimension.

Die Krawalle gibt es nicht in den Stadien, sondern vor allem außerhalb?

Die Krawalle sind nur außerhalb der Stadien. Das hängt damit zusammen, dass die Stadien Hochsicherheitstrakte sind. Da passiert nichts mehr. Interessant ist, dass viele von denen, die Stadionverbote haben, auch zu denen gehören, die diese Gewalteventkultur pflegen und die Auswärtsfahrten nutzen. Mit den Stadionverboten habe ich also erreicht, dass in den Stadien nichts passiert, aber dafür haben wir die Probleme außerhalb. Oder noch deutlicher gesagt: Es ist ja auch interessant, dass 80 Prozent der Stadionverbote für Vergehen ausgesprochen werden, die gar nicht in den Stadien stattfinden. Da muß man sich also fragen, welcher Sinn hinter einem Stadionverbot steht.

Populistische Forderungen

Die Gewerkschaft der Polizei fordert, dass sich die Vereine, der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga verstärkt an den Einsatzkosten beteiligen. Ist diese Forderung richtig?

Symbolbild Fankrawalle (Foto: dpa)

Zündelnde Hooligans

Diese Forderung ist populistisch und dümmlich, denn dann müsste ich ja auch jeden Verkehrsteilnehmer bei Einsätzen zur Rechenschaft ziehen. Außerdem beteiligen sich der DFB und die DFL über die Finanzierung der Fanprojekte, Fanbetreuer und Ordnungsdienste mit drei Millionen Euro jährlich am Sicherheitskonzept. Und für andere Dinge ist zunächst einmal die Polizei da. Dafür werden die Polizisten ausgebildet. Und daher weiß ich nicht, warum man sie dann bezahlen sollte.

Was kann man denn tun? Vielleicht einen verstärkten Dialog zwischen den Fans und der Polizei finden, um vorzubeugen?

Das ist ein wichtiges Argument. Wenn man von gewaltbereiten Jugendlichen redet, dann sind es ja verschwindend wenige. Das Problem ist: In dem Moment, in dem die Polizei einschreitet, solidarisieren sich auch die Besonnenen mit den Gewaltbereiten gegen die Polizei. Wir haben also große Solidarisierungsprozesse, die von einem ausgeprägten Feindbild Polizei herrühren. Es ist also ganz wichtig, dass man den Dialog fördert und dass man die Beteiligten zusammenbringt. Vor allen Dingen muß die Polizei mehr kommunizieren, warum sie was und wie tut, um Willkürvermutungen gegen zuwirken. Und zum Zweiten: Die Fans müssen wissen, dass es nicht mehr nur reicht zu sagen: 'Ich bin dagegen, aber wenn die Polizei einschreitet, solidarisiere ich mich'. Sondern man muß auch von den Fans erwarten, dass sie klar Position beziehen.

Probleme nicht nur im Osten

Man sprach bisher immer von einem Ostwestgefälle, angeblich aber gibt es das nicht mehr. Schätzen Sie das auch so ein?

Polizisten und Nürnberger Fans im Frankfurter Stadion (Foto: AP)

Schwerbewachte Zuschauer

Ich glaube, das gibt es schon noch. Aber man darf nicht davon ausgehen, dass die Probleme nur in den neuen Bundesländern sind. Die haben wir im Westen genauso. Wir haben sie hier zum Teil in einer etwas weniger offenen und verdeckten Form. Was die Gewalteventkultur anbelangt, haben wir sie im Westen genauso wie im Osten. Insofern sind die Unterschiede etwas verwaschen. Es gibt natürlich qualitätsmäßige Unterschiede, vor allem wenn man in die unteren Ligen schaut und sieht, was den Rechtsextremismus anbelangt.

Sie haben die Probleme in den Amateurligen bereits angesprochen. Da gibt es Krawalle auch auf dem Platz?

Die Krawalle auf dem Platz gibt es schon deshalb, weil Ordnungsdienste und Polizisten fehlen und keine Abzäunungen da sind. Daher ist es viel leichter, auf den Platz zu gehen. Aber was ganz unten in den Amateurbereichen stattfindet, ist ja so etwas wie ein symbolhaft ausgetragener sozialer Konflikt vor allem zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft und Migrationshintergrund. Viele Jugendliche, die hier aufgewachsen, aber keine Deutsche sind, deutsche Bedürfnisse haben, deutsch denken, aber gleichzeitig erfahren, dass sie nicht die gleichen Realisierungschancen haben, die erkennen dann: Im Fußball kann ich mich mit den anderen messen, bin gleichwertig. Und da kann ich zeigen, dass ich genauso gut, vielleicht sogar besser bin. Insofern nutzen sie das. Da haben wir also diese Auseinandersetzungen, die dann natürlich noch leichter eskalieren, wenn von draußen provoziert wird und der Schiedsrichter nicht sensibel genug ist. Und die Jugendlichen vermuten dann: 'Der pfeift, weil ich Türke bin und nicht, weil ich Foul begangen habe'.

Autor: Arnulf Boettcher
Redaktion: Joachim Falkenhagen

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