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Kultur

Fronleichnam: Das eucharistische Brot

Von Dr. Silvia Becker, Bonn

Dr. Silvia Becker (Foto: Silvia Becker)

Dr. Silvia Becker

Eigenes Brot backen können: Das war mein Herzenswunsch als junge Ehefrau von gerade mal zwanzig Jahren. Kuchen, Plätzchen, Süßigkeiten ließen mich kalt. Brot musste es sein - das Nahrungsmittel schlechthin, Symbol des Lebens, der Gemeinschaft, der Familie. Mein romantisches Unternehmen stieß freilich immer wieder an Grenzen: Der mühevoll angesetzte Sauerteig entpuppte sich als widerlich-klebrige Masse. Mein Versuch, durch eine Handvoll Wasser Dampfschwaden im Ofen zu erzeugen, ruinierte das Backblech. Die meisten Brote nahmen während des Backens eine unattraktive Fladenform an. Mutig und entschlossen haben wir uns im ersten Ehejahr durch meine Brote hindurchgegessen: durch zusammengefallene Hefebrote, durch steinharte Roggenlaibe, durch krustenlos klebrige Bio-Semmeln. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“: Dieser Vers aus dem Buch Genesis gewann mit jeder Mahlzeit neue, ungeahnte Aktualität.

Rundes Brot auf Teller

Brot als Symbol göttlicher Gnade

Eins ist aus dieser Zeit lebendig geblieben: Das Brot wurde mir - angesichts der eigenen Mühe - immer mehr zum Symbol der menschlichen Arbeit. Dies ist heute nicht selbstverständlich. Viele Familien kaufen ihr „täglich Brot“ im Supermarkt, plastikverschweißt und keimfrei. Die Reste verfüttert man - wenn's hoch kommt - an die Enten im Park. Oft genug aber landen sie im Müll, als trauriges Symbol unseres Überflusses. In einer solchen Welt fällt es nicht leicht, das Zeichen des Brotes zu erkennen und seine zertretene Würde wiederzuentdecken. Vielleicht braucht es tatsächlich den Schweiß vor dem Backofen, um das Brot wieder als Symbol des menschlichen Schaffens zu begreifen. Und als Symbol göttlicher Gnade. Denn Gottes Liebe allein lässt das Korn wachsen. Gottes Liebe verdanken wir, dass etwas ist und nicht vielmehr Nichts. Der Mensch aber nimmt diese Liebe an, indem er das Korn zu Brot macht. Die Gabe wird zur Aufgabe.

Dennoch ist das Zeichen des Brotes anstößig. Als das Grundnahrungsmittel schlechthin verweist es auf die Bedürftigkeit vieler Menschen, auf ihre Not und Hilflosigkeit. Und klagt sie an. Das Christentum nimmt diesen Gedanken im Bild des Brotbrechens auf: Vor seinem Tod brach Jesus das Brot – für seine Jünger, für seine Freunde, für die zutiefst bedürftigen Menschen auf der ganzen Welt. Und so ist es auch kein Zufall, dass die Emmausjünger, denen Jesus nach seiner Auferstehung begegnet, ihn ausgerechnet an der Geste des Brotbrechens erkennen. Denn Jesus teilt nicht einfach nur das Brot, er teilt in diesem Brot sich selber aus, lässt sich selbst zerbrechen – für das Leben der Menschen, für die Erlösung der Welt.

Fronleichnamsaltar im Reichenauer Ortsteil Mittelzell (Foto: Dr. Silvia Becker)

Fronleichnamsaltar

Dieses Geheimnis feiern wir an Fronleichnam - jenseits aller Folklore, jenseits aller Blütenteppiche und Blümchen streuender Kinder. So sehr die ganze bunte Frühlingspracht verzaubert, die die Fronleichnamsprozessionen besonders in Süddeutschland ausstrahlen, so sehr sie dazu beitragen, schon kleine Kinder sinnenfällig mit dem Heiligsten in Berührung zu bringen, so sind sie doch letztlich nur Beiwerk. Das Zentrum ist und bleibt das eucharistische Brot, jenes unscheinbare Pfennigprodukt, in dem uns Christus selbst begegnet. In ihm ist Christus mit uns auf dem Weg. Auch so kann man den Brauch der Fronleichnamsprozession verstehen, den Brauch des Hinaustragens Jesu Christi auf die Straßen der Welt.

Fronleichnamsprozession

Fronleichnamsprozession

Der Aachener Theologe Ulrich Lüke bemerkt dazu: „Ich finde es genial, dass Jesus Christus dieses Allerweltszeichen Brot zum Zeichen für alle Welt erhoben hat. Es ist das Lebensmittel für jeden Lebenstag und das Lebensmittel noch am Sterbetag, die Wegzehrung für dieses Leben und über dieses Leben hinaus. Wenn wir diese Mitte, dieses Zentrum, also das tägliche und das eucharistische Brot verlieren, dann schaut, wer in die Monstranz schaut, nur noch in die Röhre, dann können wir die leere Monstranz ins Museum stellen, dann degeneriert unser Fronleichnam zur Folklore und Christentum zur brotlosen Kunst … Die Brotration in der Monstranz demonstriert, was uns über den Tod hinaus am Leben hält: das eucharistische Brot; denn in ihm begegnen wir dem Gott, der sich dreschen und zermahlen lässt für das Leben der Welt.“

(Redaktionelle Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Hörfunkbeauftragte der katholischen Kirche)