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Kultur

Fromme Story auf die Erde geholt

In Salzburg den "Jedermann" zu inszenieren, ist ein Himmelfahrtskommando. Bisher wagte sich niemand an eine Neuinszenierung des Kultstückes. In diesem Jahr hat sich Jungregisseur Christian Stückl endlich getraut.

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Veronica Ferres spielt in Salzburgs neuem "Jedermann"

Jeder Festspiel-Fan kennt das fromme "Spiel vom Sterben des reichen Mannes", das seit 17 Jahren in der immer gleichen Inszenierung von Gernot Friedel auf dem Domplatz gespielt wurde. Und eigentlich war auch Friedels Deutung des Hofmannsthalschen Mysterienspiels nur eine Variation der noch vom großen Max Reinhardt vor 82 Jahren geschaffenen Dramaturgie.

Die "Heilige Kuh" der Festspiele

Niemand wagte sich bisher so recht an die "Heilige Kuh" der Salzburger Festspiele. Zu schwer lastete die Tradition, zu hoch schien das Risiko des Scheiterns. Selbst Gerard Mortier und sein Schauspiel-Chef Peter Stein wollten sich nicht die Finger verbrennen. Sie hatten sogar geplant, eine neue Fassung des "Jedermann" schreiben zu lassen. Handke, Enzensberger, Strauß – keiner wollte das Wagnis eingehen.

Nun gibt es also doch einen neuen "Jedermann". Es war eine geniale Idee, den jungen bayerischen Regisseur Christian Stückl für die Neuproduktion zu gewinnen. Der künftige Intendant des Münchner Volkstheaters hat schon die Passionsspiele in seinem Heimatdorf Oberammergau behutsam erneuert und die Laienschauspieler zu respektablen Leistungen animiert.

Gott erscheint leibhaftig

In Salzburg vollbringt er nun ähnliches. Er schneidet alte Zöpfe ab und macht das in Ehren erstarrte Traditionsstück wieder flott, ohne mit der Tradition zu brechen. In seinem "Jedermann" wird nicht mehr nur vorgetragen, sondern richtig gespielt, werden die Beziehungen der Akteure zueinander sensibel ausgelotet. Stückl erdet die fromme Story, wobei ihm der lebenspraktische, bäuerliche Katholizismus seiner Heimat als Richtschnur dient.

Eine der augenfälligsten Neuerungen ist, neben der in den Dom quasi hineingebauten Bühne, das leibhaftige Erscheinen von "Gott dem Herrn". Der war in den bisherigen Inszenierungen nur als Lautsprecherstimme zu hören. Stückl macht aus der Figur einen frustrierten Penner.

Eindringlicher als sonst klingen außerdem die Jedermann-Rufe von umliegenden Dächern und Kirchentürmen, eine Todesverkündigung, die unter die Haut geht.

Schauspieler ersten Ranges

Dem Regisseur steht ein Ensemble von Weltformat zu Gebote. Peter Simonischek als Jedermann ist ein würdiger Nachfolger seiner großen Vorgänger. Eindringlich und glaubhaft spielt er die Verwandlung des reichen Gottesverächters in einen am Leben verzweifelnden Todgeweihten, der am Ende wieder zum Glauben findet.

Veronica Ferres gibt eine "Buhlschaft" von praller Weiblichkeit, Sunny Melles mit zarter Eindringlichkeit die allegorische Figur des "Glaubens". Tobias Moretti kann sein komödiantisches Talent gleich in zwei Rollen zur Geltung bringen, als "guter Gesell" und als "Teufel" mit Pferdefüßen und Rattenschwanz.

Am Ende der Erstaufführung wurde nur symbolisch Beifall geklatscht. Schließlich gelten Ovationen nach dem Kirchenspiel in Salzburg als unschicklich. Erst die nächsten Tage werden zeigen, wie Stückls neuer, alter "Jedermann" beim Publikum angekommen ist. Und ob seiner Sicht der letzten Dinge ein ähnlich langes Leben beschieden sein wird wie der seiner Vorgänger. (fro)

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