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Politik & Gesellschaft

"Frohes neues Jahr, Herr Bundespräsident!"

Was zu einem heiklen Termin hätte werden können, wurde zu einer Feier, die dem Bundespräsidenten Kraft gegeben haben könnte. Vielleicht wird rückblickend aus dem diesjährigen Neujahrempfang ein Neuanfang für ihn.

Nahaufnahme Christian und Bettina Wulff (Foto: dapd)

Die Affäre hat sichtbare Spuren hinterlassen

Christian und Bettina Wulff wirken abgespannt, als sie den prachtvollen Saal im Schloss Bellevue betreten. Von dem sonstigen Strahlen in den Augen der First Lady ist wenig zu sehen. Ihr Lächeln wirkt aufgesetzt. Sie trägt ein einfaches, knielanges schwarzes Kleid, dazu schwarze Strumpfhosen, keinen Schmuck am Hals. Ihr strohblondes Haar sieht irgendwie strohig aus. Seine Augen blicken beinahe ängstlich auf die in Scharen gekommenen Journalisten mit ihren Kameras, die sich vor dem Präsidentenpaar aufgebaut haben. Er trägt wie üblich einen unauffälligen dunklen Anzug, einzig seine pinkfarbene Krawatte ist ein Farbtupfer. Alles in allem sorgen die Wulffs auf ihrem Neujahrsempfang für ausgewählte Bürger und Vertreter von Spitzenorganisationen am Donnerstag (12.01.2012) zunächst einmal für keinen sonderlich schwungvollen Auftritt.

Das Defilee beginnt. Von links betreten verdienstvolle Bürger aus allen Teilen des Landes einzeln oder zu zweit den Saal, werden dabei von einer Art Zeremonienmeister angekündigt, der auch ihre Herkunft und Verdienste nennt. Dann stellen sie sich vor das Präsidentenpaar und schütteln den Wulffs die Hände zum Neujahrsgruß. Es werden ein paar Worte gewechselt, das Präsidentenpaar nimmt jeden Gast für ein Erinnerungsfoto in seine Mitte, noch Mal Händeschütteln, dann Abgang nach rechts. Der Nächste kommt von links herein - und so weiter.

Ehrung mit Probe

Die Wulffs und die Medienmeute im Schlosssaal (Foto: dapd)

Großes Defilee großes Medieninteresse

Rund 200 Mal wiederholt sich die Prozedur. Was genau gesagt wird, das hören nur die direkt Beteiligten. Doch es scheinen nette Worte zu sein, denn Wulff und seine Frau werden mit der Zeit lockerer. Er steht nicht mehr ganz so steif vor der Deutschlandfahne, ihr Gesicht verliert die Blässe, die durch das schwarze Kleid noch unvorteilhaft unterstrichen wurde.

Anja Fischer ist die jüngste unter den Geladenen. Sie ist noch Schülerin in der sächsischen Stadt Döbeln und leitet die Arbeitsgemeinschaft "Schule ohne Rassismus". Der Präsident habe eine positive Aura, sagt sie, und habe gut informiert nach ihrem Engagement gefragt. "Das hat mich beeindruckt, dass er so viel über mich wusste, bei den vielen Leuten, denen er die Hände schüttelt."

Auch andere Bürger erzählen, dass der Präsident sehr persönlich beim Smalltalk gewesen sei. Die meisten von ihnen sind schon ein, zwei Tage vorher angereist. Sie durften einen Begleiter mitbringen und wohnen als Gäste im Hotel. Am Vortag fand eine Veranstaltungsprobe im Schloss statt. "Da konnten wir schon Mal das Händeschütteln und das Posieren vor den Kameras üben", erzählt Irene Huber aus München, die sich als Handballtrainerin verdient gemacht hat. Sie trägt ein Dirndl und erzählt, der Präsident hätte ihr gesagt, Bettina würde schon auch Mal ein Dirndl tragen wollen. Aber in Berlin sei das leider nicht üblich.

Schöne Bilder und leckere Würste

Die Salzwirke Brüderschaft aus Halle beim Smalltalk mit den Wulffs (Foto: Reuters)

Die Salzwirker Brüderschaft aus Halle in traditioneller Kleidung

Nicht wenige Bürger kommen in traditioneller Berufskleidung ins Schloss. So auch eine Gruppe der Salzwirker Brüderschaft aus Halle. Sie tragen einen Dreispitzhut aus Napoleons Zeiten, samtene Kniehosen und eine Weste mit dicken Silberkugeln als Knöpfe. Die Fotografen klicken noch mehr als sonst - das sind schließlich seltene Bilder im politischen Berlin.

Mit dem Präsidentenpaar zu posieren, das sei schon eine besondere Ehre, freut sich Frank Grünert aus Brandenburg, der sich für Jugend- und Amateurtheater engagiert. Er hoffe auf einen Bekanntheitsschub für sein Theater durch den Empfang beim Bundespräsidenten. "Dass wir hier im Schloss waren, das spricht sich daheim hoffentlich schnell herum und unterstützt unsere Arbeit", pflichtet ihm eine Frau bei.

Auch Geschenke werden den Wulffs überreicht. Das Angebot reicht von Büchern, kleinen Schachteln mit typischen Mitbringseln aus der Heimat, Dauerwürsten bis zu Präsentkörben. Karl-Heinrich und Marianne Charlotte Janz aus Berlin wollten eigentlich auch ein Heft aus ihrer Berliner Kirchengemeinde mitbringen. "Aber dann dachten wir, für den Präsidenten in Berlin was aus Berlin mitzubringen, das wäre doch Quatsch." Beide sind schon in ihren 80ern und gehören zu den ältesten Geehrten. Wer sie für die Auszeichnung nominiert hat, das wissen sie nicht. Vielleicht die Enkel oder die vielen kranken Gemeindemitglieder, um die sich die beiden Hochbetagten noch immer kümmern. Auf die Wulff-Affäre angesprochen sagen sie, man müsse auch vergeben können.

Die gute Stimmung färbt ab

Wulff und Kameras (Foto: dapd)

Die Medien schauen genau hin

Wen man auch fragt bei diesem Empfang, alle sagen, die Wulff-Affäre spiele keine Rolle hier. Das sei selbst am Vortag bei den Proben so gewesen, als man beisammen saß und viel redete. Irgendwie gehöre das Thema hier auch nicht her, es ginge ja schließlich um sie und nicht um den Präsidenten, sagt eine Frau. Herr Grünert aus Brandenburg meint, ein Urteil stünde ihm doch gar nicht zu, auch die Medien sollten sich zurückhalten. "Die sehen beide schon fast zu gut aus", sagt Herr Janz aus Berlin über das Präsidentenpaar. Da seine Frau so klein gegenüber der hochgewachsenen Bettina Wulff wirkte, hätte er das scherzhaft dem Bundespräsidenten gesagt. Worauf dieser gesagt hätte, seine Frau sei immer die Größte. "Dann hab ich gesagt, Sie, Herr Wulff, sind noch größer."

Die Wulffs scheinen zu spüren, wie viel Sympathie und Wohlwollen ihnen in diesen perfekt durchorganisierten Stunden im festlichen Schlossambiente entgegengebracht wird. Am Ende sehen sie - nicht wie sonst nach einem solchen Marathon üblich - erschöpft aus, sondern strahlend und erleichtert. Dieser Eindruck hält sich auch während des zweiten Teils des Defilees, bei dem Präsidenten und Vertreter von Stiftungen, Organisationen, aus Gewerkschaften, Wirtschaft und Wissenschaft, der Justiz und am Ende auch aus dem Bundestag und der Bundesregierung feierlich defilieren.

Zwei der eingeladenen Organisationen haben abgesagt. Sowohl Transparency International als auch der Deutsche Journalisten-Verband warfen Wulff mangelnde Transparenz vor und blieben der Veranstaltung fern.

Wer hat das letzte Wort?

Merkel, Rösler und Westerwelle beim Neujahrsempfang (Foto: dapd)

Kritischer Blick von der Spitze der Bundesregierung

Zum Schluss sind die Wulffs umringt von einer Gruppe aus Ministern und der Kanzlerin, die traditionell ebenfalls geladen sind. Angela Merkel, kaum dass sie neben Bettina Wulff steht, beginnt zugleich dafür zu sorgen, dass rechts und links gleich viele Leute für das Abschlussfoto neben dem Präsidenten stehen.

Als dann das Blitzlichtgewitter abebbt, sagt Merkel "So!" und geht in Richtung Ausgang, die anderen folgen ihr zum anschließenden gemeinsamen Essen. Eigentlich aber ist auch die Kanzlerin im Schloss Bellevue nur eine Geladene, die Rolle der Gastgeberin steht ihr nicht zu. Die Wulffs scheint das nicht zu stören.

Autor: Kay-Alexander Scholz
Redaktion: Arnd Riekmann

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