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Nahost

Frisst die Revolution ihre Frauen?

Ägyptens Frauen haben durch ihre starke Präsenz auf dem Tahrir-Platz maßgeblich zum historischen Umbruch am Nil beigetragen. Nun müssen sie die Freiheit verteidigen und für ihre Grundrechte kämpfen.

Die Bilder von Aktivistinnen, die an der Seite der Männer ihr Leben für ein besseres Ägypten riskierten, gingen um die Welt. Die größte Massenmobilisierung im Land im Februar 2011, die zum Sturz des Mubarak-Regimes führte, ist ohne das starke Engagement mutiger und entschlossener Frauen nicht denkbar. Auch an der Vorbereitung der Revolution waren Frauen maßgeblich beteiligt, allen voran die inzwischen weltbekannte Internetaktivistin und Mitbegründerin der "Jugendbewegung 6. April", Israa Abdel Fattah.

Die "Jugendbewegung 6. April" war aus dem Arbeitskampf in der Textil-Stadt Mahala im Nil-Delta im April 2008 hervorgegangen und hatte zu den ersten Protesten aufgerufen – lange vor der Besetzung des symbolträchtigen Tahrir-Platzes in Kairo.

Israa Abdel Fattah, die gemeinsam mit der Bloggerin Asmaa Mahfouz für ihre Rolle bei der Mobilisierung zu den Protesten in Ägypten und ihr Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, erinnert sich an den Anfang der Revolution: "Wir haben aus diesem kleinen privaten Streik einen Streik im ganzen Land gemacht. Unsere Bewegung begann als große Basis- und Graswurzelbewegung, sozusagen auf dem Boden der Gesellschaft, und dann traten andere Bewegungen hinzu, wie die von Mohamed El Baradei und die Bewegung 'Wir sind alle Khaled Said'", sagt sie im Interview mit der Deutschen Welle.

Bruch mit traditionellem Frauenbild

Die politische Internetaktivistin Israa Abdel Fattah in Kairo im August 2012 (Foto: Ute Schaeffer, DW)

Die Aktivistin Israa Abdel Fattah ist Mitbegründerin der "Jugendbewegung 6. April"

Die Phase während jener 18 Revolutionstage im Januar und Februar, als die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen Christen und Muslimen und Islamisten und Liberalen unsichtbar wurden, bezeichnen manche im Land als die Zeit der "ägyptischen Utopie". Dazu erklärt Israa Abdel Fattah: "Wir dachten früher: Die Ägypter sind unzivilisiert, sie belästigen andauernd Frauen. Jedoch wurde uns nach der Revolution klar, all diese schlechten Verhaltensweisen waren plötzlich weg, sobald das Mubarak-Regime weg war. Sein korruptes Regime hat die Menschen schlecht gemacht."

Keine Frage: Die Dynamik des revolutionären Aufstands 2011 hat einen nie da gewesenen Bruch mit den gesellschaftlichen Autoritäten in Ägypten vollzogen. "Vor der Revolution war es ungewohnt, wenn Frauen in der ersten Reihe mit dabei waren. Es war undenkbar, dass sie einmal in Zelten auf dem Tahrir-Platz schlafen würden, weit weg von ihren Familien. Unsere Präsenz hat da viel verändert", erzählt Abdel Fattah. 

Ägyptische Frauen zwischen Hammer und Amboss

Im postrevolutionären Ägypten gerieten Frauen von mehreren Seiten unter Druck: Das bis Juli 2012 herrschende Militär hatte sie anfangs noch bewusst ignoriert, aber die erstarkten, radikalen Salafisten haben Frauen und ihre Aktivitäten massiv angegriffen. Später wurden sie auch zur Zielscheibe brutaler Angriffe des Militärs: "Wir Frauen waren in den ersten Reihen auf dem Tahrir-Platz. Doch mit dem Erstarken der Salafisten hieß es auf einmal: Geht doch nach Hause!" Diese Haltung gab es bei den Islamisten, den Salafisten und bei den Konservativen im Militärrat. Im Dezember 2011 wurden die demonstrierenden Frauen massiv unter Druck gesetzt, belästigt, mit Gewalt bedroht: Bilder entkleideter Frauen in der Mohammad-Mahmoud-Straße gingen um die Welt. Frauen wurden vor Militärgerichte gestellt und entwürdigenden Jungfräulichkeitstests unterzogen. Auch sexuelle Belästigungen nahmen wieder zu, aber diesmal waren sie organisiert durch den Militärrat, erklärt die Autorin und Frauenaktivisten Mansoura Ez-Eldin.

Verliererinnen der Revolte?

Angesichts dieser Zustände und Rückschläge, durch die Ägyptens Frauen immer stärker an den politischen Rand gedrängt und ihrer Grundrechte beraubt werden, neigt man dazu, sie als Verliererinnen der Revolte zu betrachten. Doch das wäre vorschnell.

Dalia Ziada, Geschäftsführerin des 'Ibn Khaldun Center for Development Studies' in Kairo (Foto: Privat)

Dalia Ziada ist Geschäftsführerin des “Ibn Khaldun Center for Development Studies”

Denn nach Ansicht von Dalia Ziada, Geschäftsführerin des Ibn Khaldun Zentrums für Entwicklungsstudien in Kairo und Mitbegründerin der neuen Gerechtigkeitspartei, haben sich Ägyptens Frauen dazu entschieden, für ihre Freiheit und gesellschaftliche Gleichberechtigung weiterzukämpfen: "Wir haben dieser Gesellschaft beigebracht, uns zu respektieren. Und wir stellen fest, dass die Menschen im ganzen Land einen starken Willen haben, Veränderungen durchzuführen, dass wir die Angst überwunden haben. Die Schranken der Angst – vor dem Regime, vor der Polizei – sind gefallen".

Für Ziada, die die junge politische Aktivistinnen-Generation am Nil verkörpert, besteht der Kern des Problems darin, dass Ägypten keine Verfassung hat, in der Grundrechte wie die Gleichheit aller Bürger festgeschrieben sind. Deshalb wird "zunächst der Kampf um die Verfassung weiter anhalten", sagt sie, "und das wird Zeit brauchen. Ich hoffe wirklich, dass es nicht zu weiterer Gewalt kommt. Die Verfassung ist ein sehr kritischer Punkt und wir müssen sicherstellen, dass sie vernünftig aufgesetzt ist“. Bis jetzt hat die zuständige Kommission noch keinen Verfassungsentwurf präsentiert. Frauen befürchten allerdings zu Recht, dass ihnen insbesondere im Familien- und Erbrecht die Gleichberechtigung verwehrt bleiben könnte, da die Verfassungskommission derzeit von Islamisten dominiert wird.

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