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Geschichte

Friedrich III.: Der falsche Mythos um den "99-Tage-Kaiser"

Immer wieder kam die Frage auf: Wären Krieg und NS-Herrschaft zu verhindern gewesen, wenn er nicht so früh gestorben wäre? Jetzt weiß man: Friedrich III. taugte so gar nicht als Hoffnungsträger…

Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen. Öl auf Leinwand. 74 x 58 cm. Quelle Hampel Kunstauktionen Urheber Oskar Begas (1828–1883)

Kronprinz Friedrich Wilhelm im Alter von 36 Jahren

Vor 125 Jahren, im März 1888, bestieg Kronprinz Friedrich Wilhelm als deutscher Kaiser und König von Preußen den Thron. Als Friedrich III. blieb er eine tragische Gestalt. An Kehlkopfkrebs erkrankt regierte der stumme Herrscher nur 99 Tage lang. Sein frühes Ende lädt immer wieder zu Gedankenspielen und Spekulationen ein. Was wäre gewesen, wenn Friedrich Wilhelms Herrschaft nicht so früh geendet hätte?

Bald nach seinem Tod, machte sich ein Mythos breit, wonach Friedrich III. Deutschland als quasi liberale Lichtgestalt in eine andere Richtung geführt hätte: Statt Wettrüsten, Weltkrieg und Nationalsozialismus hätte der milde Menschenfreund den Weg zu Freiheit, Friede und Demokratie gewiesen. Ein schöner Gedanke. Gleichwohl ein Trugbild, wie zuletzt die 2012 erschienenen Tagebücher beweisen.

Zeitgenössisches Porträt des deutschen Kaisers Friedrich III. c: picture-alliance/dpa

Friedrich III., (1831-1888): Er war nur 99 Tage König von Preußen und Deutscher Kaiser

Zum Herrschen ungeeignet

"Friedrich III. war als Herrscher denkbar ungeeignet. Er war in politischen Dingen unentschlossen und ein schwacher Denker", sagt einer, der es wissen muss. Der Mainzer Geschichtsprofessor Winfried Baumgart hat den letzten Teil der Tagebücher herausgegeben.

Wahr ist: Friedrich Wilhelm war es vorgezeichnet, ein Liberaler zu werden. Seine Mutter vertrat diese politische Richtung. Sie sorgte für liberale Lehrer und mit der britischen Prinzessin Victoria für eine liberale Ehefrau. Doch Friedrich Wilhelm nutzte selten die Gelegenheit, sich politisch zu äußern. Sein Protest gegen die vom Ministerpräsidenten 1863 durchgesetzte Einschränkung der Pressefreiheit, brachte ihm den Zorn seines Vaters ein, der ihn danach vom politischen Tagesgeschäft fernhielt.

Aus der politischen Arena verwiesen, wuchsen beim Kronprinzen Frustration, Pessimismus und ein Gefühl der Nutzlosigkeit. Gleichzeitig musste er zusehen, wie der preußische Ministerpräsident und spätere deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck immer mehr Einfluss auf den Vater gewann und das Land nach seinen Vorstellungen regierte.

Kaiser Wilhelm I. (M, sitzend), der Kronzprinz und spätere Kaiser Friedrich III. (l), Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm II. (r), und dessen Sohn Friedrich Wilhelm, der letzte deutsche Kronprinz ) c: picture-alliance/dpa

Vier Generationen Hohenzollern: der Vater, Kaiser Wilhelm I., der Kronprinz Friedrich Wilhelm, dessen Sohn, der spätere Kaiser Wilhelm II., und der Enkel, Friedrich Wilhelm

Als Wilhelm I. sich auf Betreiben Bismarcks 1866 zum Krieg gegen Österreich entschloss, versuchte sein Sohn nachdrücklich, aber erfolglos ihn davon abzubringen. Bismarcks Einfluss war größer. Beim Kriegsrat überraschte der Kronprinz gleichwohl mit soldatischem Auftreten und kämpferischer Entschlossenheit. Als Offizier fand er endlich die lang ersehnte Anerkennung. Doch der Krieg als solcher quälte ihn. "Das Schlachtfeld zu bereiten war grauenvoll", schrieb er ins Tagebuch. "Der Krieg ist etwas Furchtbares, und derjenige Nichtmilitär [gemeint ist Bismarck, Anm. d. Verf.], der mit einem Federstrich am grünen Tisch denselben herbeiführt, ahnt nicht, was er heraufbeschwört. "

Friedr.III. u.Viktoria 1865 Atelieraufnahme, undat., um 1865 (Jabez Hughes, Ryde) c: picture-alliance/akg-images

Kronprinz Friedrich Wilhelm mit seiner Frau Victoria

In der Bevölkerung war der Kronprinz sehr populär. Seine militärischen Erfolge und seine stattliche Erscheinung brachten ihm Sympathien, die Krebserkrankung Mitgefühlt ein. Die Legende um seinen Liberalismus speist sich aber vor allem aus der Herrschaft seines Sohnes, der als Wilhelm II. den Thron besteigen sollte. Denn während sich der markige und forsche Wilhelm II. beim Bürgertum unbeliebt machte, erschien Friedrich III. als verpasste Chance. Dabei waren seine Vorstellungen vom Kaisertum nebulös, fast schon abwegig. Friedrich Wilhelm malte sich ein Bild fantastischer Kaiserherrlichkeit vergangener Zeitalter, wollte an das römisch-deutsche Kaisertum anknüpfen. Mit der politischen Realität des 19. Jahrhunderts hatte das wenig zu tun.

Was wäre wenn… ?

Kaiser Wilhelm II. in Uniform, aufgenommen 1913 c: picture-alliance/dpa

Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II.

Doch hätte die deutsche Geschichte unter Friedrich III. einen demokratischen, einen friedvolleren Weg genommen? Professor Winfried Baumgart antwortet mit einem entschiedenen Nein. "Die Tagebücher zeigen deutlich: Friedrich Wilhelm war ein schwacher Charakter. Er wäre ein Spielball verschiedener Kräfte geworden, unfähig sich gegen seine Mitarbeiter, seine energische Frau, seine Minister und Parteigenossen durchzusetzen. Ein sehr schwaches Kaisertum wäre die Folge gewesen“, so Baumgart. Gerade die Rolle seiner Gattin, der Kaiserin Victoria, sei unheilvoll gewesen. Die gebürtige Engländerin hatte im alltäglichen Miteinander des Paares einen bestimmenden Einfluss. Wäre der stumme Kaiser also länger an der Macht geblieben, dann hätte der Diplomat Friedrich von Holstein wohl Recht behalten, als er sagte: "Der wirkliche Kaiser könnte nur sie sein."

Baumgart, Winfried: Kaiser Friedrich III. Tagebücher 1866-1888. Ferdinand Schöningh 2012.