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Alltagsdeutsch – Podcast

Friedhof

Etwa 860.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich. Bestattet werden sie auf Friedhöfen, die aber nicht nur Stätten der Trauer und der Totenruhe sind, sondern auch Landschaftsparks und gärtnerische Anlagen.

Detlef Rick:
"Sie sehen hier jetzt also 'n Todesgenius, der hier lasziv auf einer Stele gestützt steht, Augen gesenkt, in sich gekehrt. Auf der Stele ist 'ne Urne zu erkennen mit 'nem Trauertuch. Ist 'n Stein, der 1833 hier auf den Melatenfriedhof gestellt wurde, 'n Meisterstück aus der Steinmetz-Familie Imhoff – Todesgenius mit schönen Flügeln, vollplastisch, wunderbar ... mit einer Fackel, die nach unten zeigt. Das ist hier so für mich eines der schönsten Grabmale auf dem Melatenfriedhof von Caspar Hamm."

Sprecherin:
Detlef Rick, freier Grabredner und ausgebildeter Trauerbegleiter, führt in seiner Freizeit Touristen und Einheimische über den Melaten, Kölns ältesten Zentralfriedhof. Der Engel als Todesbote ist sein Lieblingsobjekt. 1810 wurde Melaten auf Befehl der damaligen französischen Besatzer errichtet. Heute steht die gesamte Anlage unter Denkmalschutz.

Sprecherin:
"Funeribus agrippinensum sacer locus" – "Den Leichen Kölns ein heiliger Ort", heißt es über dem wuchtigen Quader des Haupteingangs. Aber Melaten ist nicht ausschließlich eine Stätte des persönlichen Gedenkens an die Toten, sondern kollektives Gedächtnis der Stadt, Landschaftspark für Flaneure sowie Refugium für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten.

Sprecher:
Der Name "Melaten" kommt vom französischen Begriff für "krank" - "malade". Denn im 12. Jahrhundert befand sich auf diesem Gelände, damals noch vor den Stadttoren Kölns, ein Lepraheim.

Sprecherin:
Auf Melaten spazieren die Besucher gerne an den Gräbern vorbei, auch wenn sie hier keine eigenen besitzen. Sie lesen die Nachrufe, die im 19. Jahrhundert noch üppig ausfielen. Steinmetze haben sich da richtig ausgemeißelt über "Opfer seines Pflichteifers gegen pestkranke Krieger" oder "eine 40-monatige Abnehmungskrankheit". Das Grabmal von Nicolaus August Otto ist hier zu finden, dem Erfinder des Viertakt-Motors oder das der Familie Farina, die das "Eau de Cologne" in aller Welt bekannt gemacht hat. Aber auf Melaten werden bis zum heutigen Tage auch Normalbürger zur Ruhe gebettet.

Detlef Rick:
"Im Tod sind wir alle gleich. Dat letzte Hemd, dat hätt ja ke Täsch. Im Tod sind alle gleich, aber die Hinterbliebenen machen da Unterschiede, nämlich je nach dem, wie ihr Geldbeutel ist, oder wie sie Lust oder Laune haben."

Sprecher:
Das letzte Hemd hat keine Taschen
ist ein immer wieder gern zitiertes deutsches Sprichwort – hier mit kölscher Dialektfärbung vorgetragen. Das letzte Hemd ist die weiße Totenhülle. Weil diese keine Taschen hat, kann man eben auch nichts mitnehmen ins Grab. Alle weltlichen Güter, die der Mensch im Leben anhäuft, nutzen ihm im Tode nichts mehr. Nur die Hinterbliebenen können mit dem Geld noch teure Grabsteine kaufen.

Sprecherin:
Die kunstvollen Monumente der besseren Leute haben die Jahrhunderte überdauert. Prunkvolle Engelsstatuen, Stelen aus rosa Granit oder ganze Mausoleen geben ihnen ein wenig Unsterblichkeit. Der schlichte Bürger musste und muss sich mit den Nebenwegen des Friedhofs begnügen. Die Reichen und Wichtigen liegen an den Hauptachsen, von denen es auf Melaten drei gibt.

Detlef Rick:
"Diese Achsen werden Millionenalleen genannt, weil dort Menschen liegen, die in Villen wohnten und den Willen hatten, zu zeigen, wer sie waren, im Leben wie im Tode. Die normalen Menschen wie sie und ich sollten sich, wenn sie die Millionenalleen jetzt entlanggehen innerlich verneigen, verkrümmen, nach dem Motto: 'Wat bin isch 'ne ärme Deuvel, ich han ke Jeld in de Täsch, äver dä, dä dort litt, der hätt jet an de Fööss jehatt.'"

Sprecher:
Der hat etwas an den Füßen
, das behauptet der Kölner nicht etwa, wenn jemand eine Fußkrankheit hat, sondern viel Geld auf der Bank. Eigentlich guckte man während dieses Ausspruchs bewundernd auf die guten und kräftigen Schuhe seines Gegenübers. Denn in früheren Zeiten war Schuhwerk nicht für jedermann erschwinglich.

Sprecherin:
Für Detlef Rick ist der Friedhof ein Ort, um Zwiesprache mit den Toten zu halten. Doch das Totengedenken hat in Deutschland an Stellenwert verloren. Auf den Friedhöfen gibt es immer mehr anonyme Grabfelder, wo ohne Kennzeichnung der Grabstätte Urne neben Urne unter einer Rasendecke ruht. Eine Entwicklung, die Detlef Rick bedauert.

Detlef Rick:
"Ich denke, es ist einfach zur Psychohygiene der Menschen wichtig, dass sie auf die Friedhöfe gehen können. Und ich denke, dass auch die Bestatter einfach da gegensteuern, dass immer mehr anonyme Beerdigungen stattfinden. Denn die Bestatter sind halt eben an der Front und können sagen, was gemacht werden kann."

Sprecher:
Hygiene
ist die Lehre der Gesundheit. Der Mensch lernt, seinen Körper richtig zu pflegen und zu reinigen, damit er nicht krank wird. Detlef Rick überträgt diese Fürsorge auf die Seele und spricht von Psychohygiene. Wer auf den Friedhof geht und das Grab der Toten besucht, hält eben seine Seele gesund. Deshalb ist Rick auch gegen anonyme Beerdigungen. Die Bestatter sollen die Hinterbliebenen wie ein auf die falsche Fahrbahn geratenes Auto wieder in die richtige Bahn lenken, eben gegensteuern und eine normale Bestattung empfehlen. Dabei stehen die Bestatter nicht wirklich an der Front, also im Kampfgebiet. Gemeint ist viel mehr, dass die Bestatter den ersten Kontakt mit den Hinterbliebenen haben und so bei ihnen für eine gewisse Beerdigungskultur kämpfen sollen.

Sprecherin:
Fritz Roth aus Bergisch Gladbach bei Köln steht schon seit Jahren an besagter Front. Er führt eines von über 3.500 Bestattungsunternehmen. Eine Branche, die im Jahr über 10 Milliarden Euro umsetzt. Roth ist ein streitbarer Geist mit Mission. Sein Kampfgebiet ist klar definiert: Die deutsche Bürokratie, die vor den Toten nicht haltmacht und die Verdrängung von Trauer und Tod fördert.

Fritz Roth:
"Ich behaupte ja, in Deutschland werden den Trauernden ihre Toten gestohlen. Wir konsumieren einfach Tod, indem wir ihn behandeln wie einen Autokauf. Sprich ein Mensch, der sich nie was gegönnt hat, jetzt soll er sich was gönnen: 'Darf’s fünf Kerzen mehr sein, darf's ein dicker Sarg sein?' Wir verarbeiten dieses sehr gefühlsbetonte Thema mental. Sprich ich lass’ es über andere abwickeln."

Sprecher:
Die Toten werden
den Trauernden nicht wirklich gestohlen. Roth kritisiert mit diesem Sprachbild, dass eine Bestattungskultur, die auf rein materielle Fragen reduziert wird, den Hinterbliebenen keine echte Trauer ermöglicht. Es geht dann wirklich nur noch um den dicken, sprich den teuren, luxuriösen Sarg. Der Tod selbst wird verdrängt.

Sprecherin:
Roths Unternehmen heißt "Landhotel der Seele". In gemütlichen Räumen können die Hinterbliebenen mehrere Tage beim Verstorbenen verbringen, ihm seine Lieblingskleidung anziehen, Beigaben in den Sarg legen, die Särge selbst mitgestalten. Der "fröhliche" Bestatter, wie er in der Presse genannt wird, unterstützt den Trend zur Individualisierung der Beerdigungskultur. Denn:

Fritz Roth:
"Mir wird etwas ganz Wichtiges abgeschnitten, ich komme aus dem Tritt, ich verliere das Gleichgewicht, ich falle. Und was ich in einem solchen Augenblick brauche, das ist eine Krücke, eine Krücke, wo ich mich drauf abstützen kann, wo ich mit in Bewegung kommen kann."

Sprecher:
Die Kirchen haben das Monopol auf Trauerbegleitung und Bestattungskultur verloren. Unternehmer wie Fritz Roth übernehmen immer mehr diese Aufgaben. Er versteht sich dabei als Krücke, als eine Art Stock, der den Trauernden wie einen Gehbehinderten stützt.

Sprecherin:
Ginge es nach Fritz Roth, hätten trauernde Angehörige ganz allein die Form des Abschiednehmens und der Beisetzung zu bestimmten. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Spätestens nach 120 Stunden muss ein Verstorbener beigesetzt werden. Das darf nur auf kommunalen oder kirchlichen Friedhöfen geschehen. Und manche Kommunen schreiben per Friedhofssatzung sogar Größe und Material des Grabsteins vor.

Fritz Roth:
"Zukunft braucht Erinnerung. Erinnerung, wo wir herkommen, wo meine Wurzeln sind. Und in dem Sinne kommt dem Friedhof eine ganz große Bedeutung zu, auch in meiner Lebensphilosophie und Einstellung. Nur der Friedhof der Steinwüsten, wie wir heute die modernen Friedhöfe gestalten, hat für mich keine Bedeutung, er müsste sogar verboten werden."

Sprecherin:
Die Steinwüste Friedhof ist die Einöde der Einheitsgrabsteine, die wie exerzierende Soldaten in Reih und Glied auf den Einheitsgräbern stehen und keinen individuellen Ausdruck der Trauer mehr vermitteln. Das rührt an unsere Wurzeln. Wurzeln sind die Bodenanker und Wasserleiter der Pflanzen und Bäume, die ihnen das Überleben sichern. Die Vorfahren, die uns im Tod vorangingen, sind unsere Verankerungen im Leben. Daran soll, so Roth, der Friedhof eigentlich erinnern. Helmut Strack, Leiter der Abteilung Friedhöfe beim Amt für Landschaftspflege und Grünflächen der Stadt Köln, verwaltet mit rund 300 Mitarbeitern die 55 städtischen Friedhöfe. Die Kölner Friedhofssatzung hält Strack für äußerst liberal.

Helmut Strack:
"Wir hatten einen riesigen Rummel um ein so genanntes Handygrab. Da hatten Angehörige vom Steinmetz einen Handygrabstein, so 'n stilisierten Stein herstellen lassen, und da gab es dann auch relativ große Aufregung, aber letztlich also anstößig fand das niemand. Das ist ein Gebrauchsgegenstand. Wir haben nachher natürlich die Genehmigung erteilt, so dass eigentlich wieder Friede eingekehrt ist, der Rummel ist vorbei."

Sprecher:
Wenn es irgendwo einen Rummel gibt, dann wird es laut, lärmend und turbulent. So war es auch in Sachen Handygrab. Die Lokalzeitungen schrieben, die Leser sagten ihre Meinung, und jeder meldete sich zu Wort. Der Grabstein wurde zu einem öffentlichen Thema, das aufgeregt diskutiert wurde – Rummel eben.

Sprecherin:
Auch Kölns Friedhofsverwalter müssen sich den gesellschaftlichen Veränderungen stellen. Vor allem der Wunsch nach preisgünstigen Beerdigungsvarianten, die wenig Pflege verlangen, wird größer. Die Stadt Köln bietet deshalb seit Jahren pflegefreie Grabkammern an. Und dann gibt es auch noch Bestrebungen in der Bevölkerung, den Friedhofszwang für Urnen aufzuheben.

Helmut Strack:
"Man kann sich entscheiden – Feuerbestattung oder Erdbestattung, Pflege oder nicht Pflege. Also, mehr ist eigentlich momentan aus meiner Sicht da nicht denkbar. Ich sehe da eigentlich eher das Problem, wenn man diesen Friedhofszwang in Anführungszeichen für Aschen aufgeben würde, dass es dann eben eher 'ne Schieflage geben würde. Man überlässt quasi dann die Leichenasche der Verfügungsgewalt der Angehörigen, die letztlich damit machen können, was sie wollen. Und ob das die Totenruhe garantiert, die auch grundgesetzlich geschützt ist, möchte ich mal dahingestellt lassen. Ich sehe das eigentlich nicht."

Sprecher:
Strack setzt den Friedhofszwang in Anführungszeichen, weil er ihn nicht als Zwang versteht, dem sich der Bürger beugen muss, sondern als sinnvolle Regel. Denn er befürchtet sonst eine Schieflage, also eine unangenehme Situation. Die Totenruhe ist übrigens ein juristischer Begriff. Wer sie stört, zum Beispiel Tote widerrechtlich ausgraben lässt oder mit der Totenasche verschwindet, kann mit gehörigen Strafen rechnen.

Heinz Höver:
"Friedhof ist für mich eine Visitenkarte des Ortes. So wie ein Ort mit seinem Friedhof umgeht, so kann man auch alle anderen Einrichtungen der Daseinsfürsorge betrachten. Und wenn ein Friedhof vernachlässigt ist, werden sie die Regel bestätigt finden, dass der ganze Ort vernachlässigt ist. Und ich denke mir, nicht umsonst zählen Friedhöfe zu Parkanlagen. Nehmen Sie den großen Friedhof Melaten in Köln. Wie viele Leute pilgern über den Friedhof, ohne dort ein Grab zu besitzen, weil der Friedhof auch als grüne Lunge betrachtet wird."

Sprecherin:
Heinz Höver ist Standesbeamter von Weilerswist, einer Gemeinde in der Voreifel und Herr über sechs Friedhöfe mit 140 Beisetzungen im Jahr. Auf die Pflege und Gestaltung der Grabanlagen legt er viel Wert.

Sprecher:
Denn die Friedhöfe sind Visitenkarten, das heißt, an ihnen kann der Zeitgenosse ablesen, mit was für einer Gemeinschaft er es zu tun hat. Für Höver sind Friedhöfe darüber hinaus auch grüne Lungen. Denn mit ihren Bäumen und Pflanzen sorgen sie, ähnlich wie die Lungen beim Menschen, für frische Atemluft.

Sprecherin:
Doch selbst in einer so überschaubaren, ländlichen Gegend hat die Zahl der anonymen Beerdigungen zugenommen. Nicht allein aus Kostengründen. Viele alleinstehende Menschen lassen sich so beisetzen, weil sich ohnehin niemand um ihr Grab kümmern würde.

Heinz Höver:
"Bei uns sind wir sicherlich Vorreiter für eine angenehme Art der anonymen Bestattung. Und zwar kennen wir die halbanonyme Bestattung. Die Trauerfeier kann stattfinden wie immer. Sie können also mit Trauergemeinde auftreten, sie wissen, wo der Verstorbene bestattet wird. Die Kränze werden auf der Grabstätte abgelegt, und wenn die Kränze verrottet sind, dann geht die Gemeinde, räumt das Grab ab, sät Gras ein, und dann ist das Grab ab da anonym."

Sprecher:
Ein Vorreiter ist jemand, der vorausreitet, der als Erster etwas Neues ausprobiert, was dann von anderen nachgemacht wird. In diesem Fall war es die Stadt Bonn, die Hövers Konzept übernahm.

Sprecherin:
Als Höver vor ein Paar Jahren einen neuen Friedhof anlegen wollte, bekam er Besuch vom Geologischen Landesamt. Das prüfte den Boden auf seine Luftdurchlässigkeit. Ein wichtiger Faktor, damit Leichen spätestens nach 15 Jahren verwest sind.

Heinz Höver:
"Da geht es um die sogenannten Wachsleichen. Die Wachsleichen, die aufgrund der ungünstigen Bodenverhältnisse nicht verwesen. Und dann gibt’s halt das Problem, wenn eine Grabstätte ausgelaufen ist, neubelegt werden soll, wo bleiben die Reste? Und wir regeln das so – und da stehe ich also auch voll und ganz dahinter –, dass auf pietätvolle Weise die Reste innerhalb des Friedhofs wieder bestattet werden."

Sprecher:
Wenn Grabstellen auslaufen, ist ihre Nutzungszeit – meist 20 Jahre – abgelaufen. Wollen die Hinterbliebenen das Grab dann nicht mehr weiter behalten, wird es eingeebnet und neu besetzt. Kein Problem, wenn der Tote zu Staub zerfallen ist. Aber, es muss eine pietätvolle Lösung gefunden werden. Pietät ist der achtungsvolle Umgang mit der Würde eines Menschen. Der Ursprung liegt im lateinischen "pius" für "fromm", auch "pflichtgemäß". Was als pietätvoll gilt, ist allerdings von Kultur zur Kultur verschieden. Schon manche Kommune hat – Pietät hin oder her – solche Leichenreste wenig würdevoll auf Müllhalden entsorgt.

Fragen zum Text

Wenn es riesigen Rummel um etwas einen gibt, dann …

1. findet eine große Kirmes statt

2. wird über Friedhöfe diskutiert

3. herrscht große Aufregung

Der Melatenfriedhof ist Kölns …

1. modernster Zentralfriedhof

2. ältester Zentralfriedhof

3. sauberster Zentralfriedhof

Folgende Redewendung drückt aus, dass im Tod alle gleich sind: …

1. Das letzte Hemd hat keine Taschen.

2. Alle haben etwas an den Füßen.

3. Den Trauernden werden ihre Toten gestohlen.

Arbeitsauftrag

Informieren Sie sich über gängige Begräbnisformen und Rituale des Totengedenkens in Deutschland und vergleichen Sie diese mit denen in Ihrem Heimatland.

Autorin: Sigrun Stroncik

Redaktion: Ingo Pickel

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