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Kultur

Friedenspreis für europäischen Luftgeist

Er sei unbeugsam, setze Zeichen und stifte Hoffnung, hieß es am Sonntag (10.10.) bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den ungarischen Schriftsteller Péter Esterhazy.

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Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy

Der Stiftungsrat, der für die Preisvergabe zuständig ist, bezeichnete den 53-jährigen Esterházy als "Erneuerer der ungarischen Literatur" und würdigte ihn in der Begründung für die Preisvergabe, die am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche stattfand, als einen Autor, der "als eine weithin vernehmbare Stimme der Nachgeborenen die Zerstörung des Menschen durch Terror und Gewalt und seine Wiederauferstehung in Trauer und Ironie gestaltet."

Österreich - Schloß Esterhazy im Burgenland

Schloss Esterházy im Burgenland

Zahlreiche Erzählungen und Romane des Ungarn sind ins Deutsche übersetzt worden. Das berühmteste Werk Esterházys ist der Roman "Harmonia Caelestis", in dem er die Geschichte seiner Vorfahren erzählt. Denn der Schriftsteller stammt aus einer der großen Aristokratenfamilien Europas. Joseph Haydn spielte bei einem seiner Ahnen im Schloss von Eisenstadt auf. Die Gemäldesammlung der Esterházys war imposant. Nur der späte Nachfahre Peter Esterházy geht lässig und ironisch mit diesem Erbe um.

Vorfahren mit Hasenohren

So verschickt er Postkarten, auf denen er einem Vorfahren Hasenohren anmalt, um auf die Verwandtschaft mit den Osterhasis hinzuweisen. Er ist charmant und zuvorkommend. Nur in seinem Äußeren veleugnet er den alten Adel: Die schon früh ergrauten Haare sind lang und wuselig, die Kleidung ist nicht gerade distinguiert. Listig und durchtrieben funkeln seine Augen.

Ähnlich unorthodox ist auch seine Schreibweise: "Ich benutze die Sprache nicht", schreibt er in seinem Buch "Die Hilfsverben des Herzens".

Buchcover: Esterhazy - Fancsiko und Pinta

Buchcover: Fancsikó und Pinta

Péter Esterházy wurde 1950 in Budapest geboren. Er war in der Datenverarbeitung beschäftigt, was man auch seinem ersten Novellenband anmerkt, mit dem er im Alter von 26 Jahren in Ungarn auf sich aufmerksam machte. In "Fancsikó und Pinta" spielt er mit den Wörtern, Formen und Fakten. Und widerspricht der Parteidoktrin des Realismus.

Kleine ungarische Pornographie

Allein durch den Titel seiner Prosa-Grotesken "Kleine ungarische Pornographie" wird er auch in deutschsprachigen Raum bekannt. Überhaupt ist die deutsche Sprache und Kultur ein wesentlicher Bezugsrahmen für ihn. Das zeigt schon der Titel eines weiteren Buches von Esterházy: "Thomas Mann mampft Kebab am Fuße des Holstentors".

Schon vor der Wende lebt er in Berlin. Er besucht häufig die Stadt Frankfurt. In Wien wird er mehrmals mit hohen Preisen ausgezeichnet. An seinem wichtigsten Werk arbeitet er zehn Jahre lang. "Harmonia Caelestis" ist nach dem mathematisch-astronomischen Werk eines Urahnen benannt. Auf 900 Seiten erzählt er den Aufstieg und Niedergang der Esterházys, die, vergleichbar nur mit den Rothschilds, europäische Geschichte machten.

"Man weiß nicht, was man wissen muss"

Wie nicht anders zu erwarten, verklärt er nicht die Größe seiner Ahnen, sondern verweist immer wieder auf die Gewalt dieser Familie. Aber auch darauf, was die Esterházys - insbesondere sein Vater - nach dem Machtantritt der Kommunisten in Ungarn zu erleiden hatten. Doch ausgerechnet sein liebevolles Vaterporträt muss er nachbessern, ja völlig umschreiben. Denn Páter Esterházy hat gerade seine "Harmonia caelestis" handschriftlich vollendet, als er entdecken muss, dass dieser unterdrückte, tieftraurige Vater selbst für den ungarischen Geheimdienst arbeitete.

Ein Schock, von dem sich der Sohn auch durch eine "Verbesserte Ausgabe", eine Nachschrift zu seinem Mammutwerk nicht erholen kann. Auch politisch ist Esterházy nach der Wende von 1989 und dem Verlust des Feindbildes eher ratlos.

Schwimmer gegen den Strom

Péter Esterházy ist ein europäischer Luftgeist. Im Gegensatz zu einem schmalen Kerneuropa, das ein Jürgen Habermas bei uns vertritt, schwimmt er gleichsam gegen den Strom die Donau aufwärts und transportiert dabei mit seinen Büchern die alte wie die neueste mitteleuropäische Kultur.

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