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Asien

Frieden für die Kachin in Myanmar?

Sie galten als einer der härtesten Verhandlungspartner für ein Waffenstillstandsabkommen in Myanmar - die Unabhängigkeitsarmee der Kachin, kurz KIA. Jetzt haben sie dennoch unterzeichnet. Aber bedeutet das Frieden?

Ihr gelber Mantel ist bereits von weitem zu sehen. Abends wird es kalt in Myitkina, der Hauptstadt des Kachin-Staates. Die Frau will sich offensichtlich nicht verstecken. Und doch: Ihren Namen nennt sie nicht. Zu gefährlich.

Nennen wir sie also Ru. So hieß eine berühmte Kämpferin der Kachin Independence Army (KIA), die in den 60er Jahren durchsetzte, dass auch Frauen am Unabhängigkeitskampf teilnehmen konnten. Und das haben sie die vergangenen 50 Jahre getan. Jetzt könnte endlich Frieden herrschen. Zumindest ist mit dem

vorläufigen Waffenstillstandsabkommen

von dieser Woche ein erster Schritt dazu getan. Insgesamt 16 Rebellengruppen haben das Abkommen mit der Regierung Myanmars unterzeichnet. Darunter auch die KIA.

Seit Jahren hatte Präsident Thein Sein darauf gedrungen, einen landesweiten Waffenstillstand mit allen ethnischen Minderheiten zu erreichen – und zwar noch vor November. Denn dann finden in Myanmar Präsidentschaftswahlen statt.

Vergewaltigung und Mord – die Kachin sagen: Es war das Militär

Allein seit Februar dieses Jahres, so berichtete kürzlich die Zeitschrift "The Economist", seien mehr als 200 Menschen in den nordöstlichen Grenzregionen, wo die Kachin, Shan und Kokang leben, gestorben, sowie zehntausende vertrieben worden. Ru arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation, die junge Menschen aus Kachin-Dörfern in Seminaren für Universitäten im Ausland fit macht. Was sie besonders bewegt, ist der Mord an zwei jungen Kachin-Frauen Ende Januar im Shan-Staat, die zuvor vergewaltigt worden waren. Die beiden Lehrerinnen hatten im Auftrag der Kachin Baptist Convention in einem Dorf Kinder unterrichtet. Das Verbrechen an ihnen, sagt Ru, ist noch immer nicht abschließend aufgeklärt.

Irrawaddy-Fluss (Foto: DW)

Der Kachin-Staat ist reich an Bodenschätzen - doch die Bevölkerung sieht wenig davon

Von den rund 700.000 Kachin in Myanmar sind die Baptisten mit rund 400.000 Mitgliedern die größte Religionsgruppe. Jedes Jahr schickt die Gemeinde 50 freiwillige Lehrer in entlegene Gebiete im Kachin- und Shan-Staat, in denen es ansonsten keine Schulen gibt. Für den Vorsitzenden der Kachin Baptist Convention, Pfarrer Hkalam Samson, ist klar: Es waren die Soldaten des myanmarischen Militärs, die die beiden Frauen getötet haben. Vergewaltigungen seien Teil einer strategischen Kriegsführung des Militärs gegen die Kachin.

Es geht um politische Macht und um Bodenschätze

Bei dem Konflikt geht es nicht allein um politische Macht, sondern auch um die Kontrolle von Bodenschätzen, Edelsteinen und Edelhölzern. In Kachin sind etliche Jadevorkommen – die Region jedoch wird am Gewinn nicht beteiligt. Die Gewinne fließen an die Zentralregierung in Naypidaw. Ru und ihre Mitstreiter meinen: "Das Geld geht direkt ans Militär."

Lange hatte die KIA kritisiert, der Regierung Thein Seins gehe es nicht glaubhaft genug um einen politischen Dialog. Es komme nicht in erster Linie auf einen Waffenstillstand selbst an, sondern darauf, wie es danach weitergehe. "Wir wollen Garantien für die Zeit nach einem Waffenstillstand. Wir wollen das, was uns im Panglong-Abkommen versprochen wurde", sagten noch vor kurzem Vertreter der Kachin.

Warnschild am Flughafen von Mytkina (Foto: DW)

Nicht nur Edelhölzer und Edelsteine spielen eine Rolle im Konflikt, sondern auch illegaler Drogenhandel: Gleich außerhalb des Flughafens von Mytkina wird darauf aufmerksam gemacht

1948 hatte sich General Aung San – der Held der birmanischen Unabhängigkeitsbewegung und Vater der berühmten Oppositionspolitikerin Aung San Suu Kyi – im Anschluss an die Unterzeichnung eines Abkommens mit Großbritannien auch mit Vertretern ethnischer Minderheiten getroffen. Diese sicherten im Panglong-Abkommen dem neuen unabhängigen Staat ihre Unterstützung zu und sollten im Gegenzug regionale Autonomie erhalten. Aung San wurde kurz darauf ermordet – und die Ziele des sehr vage formulierten Abkommens nie umgesetzt.

Was passiert, wenn die KIA ihre Waffen abgibt?

Seither kämpften die Kachin und andere Minderheitenarmeen gegen die Zentralregierung. Daran hat sich auch mit dem offiziellen Ende der Militärdiktatur zunächst nichts geändert. Anders jedoch als der Name "Kachin Independence Organization / Army" (KIO/KIA) suggeriert, hat sich diese inzwischen von dem Gedanken eines unabhängigen Staates entfernt. "Wir wollen ein föderales System", sagte kurz vor Abschluss des vorläufigen Waffenstillstands einer ihrer Vertreter. "Wir wollen Wahlen für ein tatsächliches Regionalparlament, mit eigener Verfassung, eigenen Kompetenzen. Wir wollen, dass alles föderal strukturiert wird – auch das Militär." Ihre Waffen, dies machten die Vertreter des Beratungsteams klar, werde die KIA allerdings nicht abgeben.

Technische Beratungsteam der KIO (Foto: DW)

Das "Technische Beratungsteam" der Kachin Independence Organization (KIO)

Das sollten sie auch nicht, finden erstaunlicherweise die Vertreter der Nichtregierungsorganisationen in Mytkina. Die Bevölkerung traue der Regierung so wenig, so sagen sie in Mytkina, dass hinter einem Waffenstillstand sofort vermutet werde, die Regierung Thein Sein inszeniere diesen nur für ausländische Investoren. Danach aber wolle sie ihn gleich wieder brechen. Und wenn die KIA keine Waffen mehr trage, könne die Zivilbevölkerung der Kachin niemand mehr beschützen.

Dabei wünscht sich Ru nichts mehr als Frieden: "Jeden Tag passieren hier Überfälle, Vergewaltigungen. Wir kämpfen hier jeden Tag." Nie, sagt Ru, fahre sie alleine zu Veranstaltungen ihrer Organisation, nie begebe sie sich abends allein auf die Straße. Und im Bett, so erzählt sie, schlafe sie mit einem Messer unter dem Kopfkissen. Sie wünscht sich nichts mehr, als dass sich das schließlich doch noch ändert.

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