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Kultur

Freya von Moltke – gegen Unrecht aufstehen

Widerstandskämpferin gegen Hitler, Wegbereiterin der Aussöhnung mit Polen, Witwe des hingerichteten Helmuth James von Moltke: Freya von Moltke. Zu ihrem hundertsten Geburtstag ein Gespräch mit Sohn Caspar.

Helmuth Caspar und Freya von Moltke im August 2009 (Foto: Dorothea von Haeften)

Deutsche Welle: Von September 1944 bis zu seiner Hinrichtung am 23. Januar 1945 war Ihr Vater im Gefängnis Tegel inhaftiert. In dieser Zeit hatten Ihre Eltern einen intensiven Briefwechsel. Beide waren damals sehr jung – 33 und 38 Jahre alt. Woraus haben Ihre Eltern in der extremen Situation Kraft geschöpft?

Helmuth Caspar von Moltke: Sie standen unter dem Imperativ, dass man gegen das Dritte Reich opponieren musste. 1940 feierte Adolf Hitler seine größten Triumphe und meine Eltern waren deswegen sehr deprimiert. Für sie war das ein Unrechtsregime. Deswegen leisteten sie Widerstand und sie haben von Anfang an gewusst, dass dies zum Einsperren und zur Hinrichtung führen könnte. Obendrein war für meine Eltern ihr christlicher Glaube immer wichtiger geworden. Die Briefe zeigen, dass der Glaube für meinen Vater in den letzten Monaten ein Angelpunkt war. Er hat im Gefängnis Tegel jeden Tag drei Kapitel aus der Bibel gelesen, meine Mutter las dasselbe draußen. Und sie sind beide gestärkt worden von dem Gedanken, dass sie unter Gottes Führung stehen und unter dem Motto "Dein Wille geschehe" diese letzten Monate zusammen verleben müssten.

Dialog durch Gefängnismauern

Helmuth James von Moltke mit Helmuth Caspar, Weihnachten 1938 (Foto: Nachlass Joachim Wolfgang von Moltke)

Helmuth James von Moltke mit Helmuth Caspar an Weihnachten 1938

Sie haben diese Briefe, zusammen mit Ihrer Schwägerin Ulrike von Moltke, in einem Buch herausgegeben, sich also auch professionell mit dem Material beschäftigen müssen. Wie lesen Sie sie heute? Unter dem Blickwinkel des Herausgebers, oder weiterhin als ein berührendes persönliches Dokument?

Auch für mich ist es noch immer ein zutiefst ergreifendes und erschütterndes Dokument. Ich kannte die Briefe meines Vaters aus dieser Zeit, aber die Briefe meiner Mutter hatte ich nie gelesen. Die hat sie uns im Grunde gar nicht so sehr unter die Nase gerieben. Wir haben diese Briefe nach ihrem Tode abgeschrieben und sie auch zeitlich mit denen meines Vaters verbunden, sodass ein Dialog zwischen meinen Eltern entstanden ist. Und das hat mich nochmals sehr berührt. Es ist ihnen gelungen, durch die Mauern des Gefängnisses Tegel hindurch miteinander einen enorm nahen, intimen, liebevollen und doch freudigen Dialog zu führen.

Geholfen hat Ihren Eltern damals der Gefängnispfarrer Harald Poelchau, der viele Briefe hin- und herschmuggelte, unter höchster Gefahr und dem Einsatz seines eigenen Lebens. Haben Sie Poelchau noch kennengelernt?

Sehr gut sogar. Harald Poelchau ist für unsere Familie nach dem, was er für uns geleistet hat, immer eine Lichtgestalt gewesen, eine für uns sehr bedeutende Person. Er hat uns auch als evangelischer Seelsorger beigestanden, hat meinen jüngeren Sohn James in der Dorfkirche Berlin-Dahlem getauft und er hat meinen Bruder und seine erste Frau Ulrike in Heidelberg verheiratet.

Kindheit in Kreisau

Sie waren 1944 ein Kind, haben mit Ihrem Bruder Konrad in Kreisau gelebt. Ihre Mutter war ständig zwischen Kreisau und Berlin unterwegs, sie unternahm alles, um die Hinrichtung Ihres Vaters abzuwenden, sie musste das Gut verwalten, eine Familie versorgen und es herrschte Krieg. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Ich bin in den Jahren doch in dem Kinder- und Jungenleben, das ich in Schlesien lebte, aufgegangen. Der Krieg hat bedeutet, dass viele junge Menschen aufs Land geschickt wurden und wir hatten in unserem Schloss lauter Familien einquartiert, zum Teil Angehörige, zum Teil Mitglieder des Kreisauer Kreises. So war etwa die Familie des Pädagogen und sozialdemokratischen Widerstandskämpfers Reichwein mit vier Kindern bei uns einquartiert, noch vor der Verhaftung und dem Tod von Adolf Reichwein. Ich hatte eine reiche Kinderschar um mich und das hat mich natürlich viel mehr beschäftigt als alles andere. Ich weiß, dass ich an dem Schicksal meines Vaters Anteil genommen habe, aber am Morgen war dann die Kinderschar wieder da und hat mich beschäftigt.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien "sorglos aufgewachsen". Hat das schwere Schicksal Ihres Vaters einen Schatten auf Ihr Leben geworfen?

Eindeutig nein. Ich bin sorgenlos aufgewachsen, durch den Krieg hindurch auf dem Lande sehr beschützt gewesen und als kleiner Junge hat man die Wirren des Krieges ja eher als etwas Aufregendes empfunden. Gedarbt haben wir nie, und danach bin ich sehr schnell aus Deutschland heraus gekommen und habe viele Jahre im Ausland gelebt. Dort war das Schicksal meines Vaters für mich eine Stärkung. Auch wenn Leute Ressentiments gegen die Deutschen hatten, so habe ich doch immer gewusst, dass das nicht auf mich zutrifft. Und insofern war mir das Schicksal meines Vaters von Anfang an eine Hilfe, nicht eine Last.

Freya mit ihren Söhnen Helmuth Caspar (links) und Konrad (Foto: Helmuth Caspar von Moltke)

Freya mit ihren Söhnen Helmuth Caspar (links) und Konrad 1956

Gegen das Vergessen

Ihre Mutter Freya von Moltke ist, hoch betagt, im Januar 2010 mit 98 Jahren gestorben. Wie haben Sie sie in Erinnerung?

Sie war ja Rheinländerin, 1911 in Köln geboren, und hat viel aus dem Rheinland mit gebracht. Sie war eine optimistische, dem Leben zugewandte Person, die ihr ganzes Leben lang auf Menschen immer positiv zugegangen ist. Ich habe meine Mutter, auch wenn sie in gewissen Phasen ihres Lebens durchaus Probleme gehabt hat, immer gesehen als einen positiven Mensch, der einen guten Einfluss nicht nur auf ihre Kinder, sondern auf ihre gesamte Umgebung ausgeübt hat.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Widerstand gegen den Nationalsozialismus zunächst kein Thema öffentlicher Debatten. Wie hat Ihre Mutter das empfunden?

Das Ziel meiner Mutter war immer, dass sie die Geschichte meines Vaters in die Zukunft tragen wollte. Sie wollte, dass das was mein Vater und seine Freunde in jenen Jahren gedacht haben, nicht in Vergessenheit gerät. Natürlich war die Bundesrepublik in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Krieg dafür nicht gerade aufgeschlossen. Aber wir haben das nicht als sonderlich störend empfunden, sondern im Grunde gedacht, das wird schon werden. Und so kam es dann auch. Ich habe durch mein ganzes Leben hindurch die Erfahrung gemacht, dass das Ansehen des deutschen Widerstandes, das Ansehen meines Vaters von der deutschen Öffentlichkeit in zunehmendem Maße anerkannt und respektiert wird.

Bundespraesident Horst Köhler, links, Freya von Moltke, Mitte, und Bundeskanzler Gerhard Schröder sitzen am 20. Juli 2004 im Ehrenhof des Bendlerblocks in Berlin bei einer Feierstunde zum 60. Jahrestages des fehlgeschlagenen Attentats auf Adolf Hitler nebeneinander (Foto: AP)

Feierstunde zum Gedenken an den Widerstand des 20.Juli 1944: der damalige Bundespräsident Köhler, Freya von Moltke und der ehemalige Bundeskanzler Schröder 2004 im Ehrenhof des Bendlerblocks Berlin

Deutsch - polnische Versöhnung

Die Aussöhnung mit Polen war für Ihre Mutter später ein wichtiges Thema. Sie hat dafür gesorgt, dass in Kreisau eine Begegnungsstätte entstand. Ist dies auch für Sie eine Lebensaufgabe?

Ja, das ist für mich ausgesprochen wichtig. Schon 1989 hat es mit Veranstaltungen und einem Versöhnungsgottesdienst begonnen. 1998 wurde dann das neue Areal der Stiftung Kreisau mit der Begegnungsstätte durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und Polens Regierungschef Jerzy Buzek eröffnet. Wir haben diese Aktivitäten immer mit großer Anteilnahme verfolgt. Wir haben von Anfang an gesehen, dass die Aussöhnung mit Polen nach der Wende eine der wichtigen Aufgaben Deutschlands sein würde. Und so haben wir uns sehr dafür engagiert. Besonders meine Mutter. Ich selbst habe schon in frühen Jahren eine Erklärung unterschrieben und so auf jegliche Ansprüche auf Eigentum in Polen verzichtet. Und ich habe aktiv an der Integration von Polen und Deutschland in die Europäische Union gearbeitet. Heute noch bin ich Vorsitzender der Freya-von-Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau. Diese Stiftung haben wir vor etwa sechs Jahren ins Leben gerufen und sie unterstützt die Begegnungsstätte in Kreisau finanziell. Mit Stiftungsgeldern und mit Spenden sorgen wir dafür, dass die Begegnungsstätte florieren kann.

Ein besonderes Erbe

War es für Sie eigentlich selbstverständlich, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten, das historische Erbe anzunehmen?

Ja, das war normal. Ich habe im Grunde mein ganzes Leben empfunden, dass ich durch dieses Erbe bevorzugt worden bin. Viele meiner Altersgenossen haben ihre Väter im Krieg verloren, sie haben nie erfahren, was ihre Väter gedacht haben. Ich habe immer den großen Vorzug gehabt, dass ich wusste, wofür mein Vater gestorben ist. Das empfinde ich als eine Bevorzugung.

Am 29. März wäre der 100. Geburtstag von Freya von Moltke. In ihrem Geburtsort Köln gibt es deshalb eine ganze Reihe von Veranstaltungen. Welche Botschaft verbinden Sie mit diesem Datum?

Ich glaube, meine Mutter hatte immer zwei Botschaften. Erstens: Man muss sich Unrechtssystemen persönlich widersetzen, dagegen aufstehen, sich wehren. Dieser Widerstand ist wichtig zum Erhalt von Demokratie und Bürgerrechten. Zweitens: Es kommt auf die jüngere Generation an. Die jungen Menschen, die sich heute in Kreisau treffen, die heranwachsen und ihren eigenen Lebensweg beschreiten, werden hoffentlich der Vergangenheit etwas Gutes abgewinnen können und das in ihre Zukunft tragen. Meine Mutter war weniger daran interessiert, wie die Vergangenheit von Historikern bearbeitet wird. Sie war auf die Zukunft fokussiert. Mit der Begegnungsstätte Kreisau ist uns das gelungen.

Das Gespräch führte Cornelia Rabitz

Redaktion: Marlis Schaum

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