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Politik

Freunde fürs Leben?

Gerd und Wolodja: Wäre einer von ihnen weiblichen Geschlechts, könnte man schon fast von einer Liebesbeziehung reden, aber angesichts der biologischen Tatsachen, trifft die Umschreibung "Männerfreundschaft" genauer.

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Nach fünf Jahren geht die ungewöhnlich enge Beziehung zwischen dem Präsidenten und dem Noch-Kanzler in eine neue Phase. Gerd spülte die Welle der Begeisterung 1998 an die Spitze der deutschen Regierung. 16 Jahre Kanzler-Kohl waren den Deutschen mehr als genug. Gerd war ihr Hoffnungsträger. Doch kaum oben angekommen, überwarf er sich mit einigen wichtigen Figuren in seiner eigenen Partei, in der rot-grünen Koalition und einige Zeit später, sogar mit dem Dauerverbündeten der Deutschen, den USA. Gerd war in einer misslichen Lage, er war einsam und er brauchte jemanden, der ihm zuhört – Gerd brauchte einen echten Freund.

Gespräche ohne Dolmetscher

Wie der Zufall so will, erfüllte die Geschichte das tiefe Verlangen des deutschen Kanzlers. Im Jahr 2000 wurde in Russland ein Mann zum Präsidenten gewählt, der das Herz von Gerd schon bald erobern sollte – Wladimir Putin, die Russen nannten ihn zärtlich Wolodja.

Wolodja kannte die Deutschen, besonders die im Osten des Landes. Schließlich war er in Dresden als KGB-Agent fleißig. Die deutsche Ordnungsliebe und Disziplin hatten es ihm seitdem besonders angetan. Gerd fand Wolodja von Anfang an Klasse. Endlich ein Kreml-Herr mit dem man sich ohne Dolmetscher unterhalten konnte, einer der Deutschland mag. Gerd dachte sich, mit dem freunde ich mich an!

Der gute Zar

Die Deutschen beeindruckte der Präsident mit seiner tollen Rede vor dem Bundestag. Diese zarte Tenorstimme und das lupenreine Deutsch! Fortan war Wolodja für die Deutschen die personifizierte tiefe russische Seele, mehr noch, er war eine Art guter Zar. Und für Gerd war es der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Gemeinsame Auftritte

Gerd und Wolodja nutzten von nun an jede Chance um sich zu sehen. Dutzende Male begegneten sie sich bei Gipfeln, Regierungskonsultationen und Festlichkeiten. Sie fuhren gemeinsam Schlitten, feierten miteinander Geburtstage und traten in Talkshows auf. Gemeinsame Ansichten verbanden die beiden, die Ablehnung des Irak-Krieges etwa, Gerd sprach von "Grundvertrauen".

"Lupenreiner Demokrat"

Wolodja bekam von Gerd viele Komplimente. Kritik gab es nur hinter verschlossenen Türen. Von "Lautsprecherpolitik" hielt Gerd gar nichts. Da wurde schon mal aus gefälschten Wahlen "ein Schritt in Richtung politischer Lösung" und bei der blutigen Tschetschenien-Politik Wolodjas warb Gerd um "differenziertere Beurteilung". Schließlich sei der russische Präsident ein "lupenreiner Demokrat". Gerd hatte das Wohl Deutschlands im Sinn, die deutsche Wirtschaft sollte weiterhin gute Geschäfte in Russland machen und nicht zu vergessen, ohne russisches Gas und Öl würden in Deutschland die Lichter ausgehen – da mussten schon mal die Menschenrechte hinten anstehen.

Erfolgloser Wahlhelfer

Doch dann kam die Wahlschlappe für Gerd, obwohl Wolodja noch kurz vor jenem September-Wahlsonntag in Deutschland als Wahlhelfer auftauchte. Es sollte ein Freundschaftsdienst werden. Doch er hätte es lieber gelassen. Schon in der Ukraine wollte Wolodja ein Jahr zuvor seinem alten Kumpel, Präsident Kutschma helfen, am Ende stand die orange Revolution und Kutschma weit im Abseits. Wolodja bewies damals wie heute keine glückliche Hand. Jedenfalls, Gerd will nach seiner Wahlniederlage nicht mehr oben mitspielen. Angela wird ihn ersetzen. Die wird sich mit Wolodja ebenfalls ohne Dolmetscher unterhalten können, und das sogar auf Russisch!

Geburtstagsgeschenk

Tja, und die Männerfreundschaft zwischen Gerd und Wolodja? Nun, das letzte Wort ist da noch nicht gesprochen. Kurz vor seiner Abdankung feierte Gerd mit seinem 53-jährigen Duzfreund gemeinsam dessen Geburtstag in St.Petersburg. Für Wolodja "das schönste Geschenk". Mit an der Tafel saßen nur die engsten Freunde des russischen Präsidenten. Allesamt "lupenreine Demokraten", wie Gerd es wahrscheinlich selbst ausgedrückt hätte: darunter Leonid Kutschma und Wiktor Janukowitsch aus der Ukraine.

Gerd muss es bei Wolodja auch diesmal prima gefallen haben, denn nach dem Präsidenten-Geburtstag verkündete er nachdenklich: "Wer sagt denn, dass dies meine letzte Reise nach Russland ist?" Solche Männerfreundschaften halten nun mal ein Leben lang.