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Kultur

Freuds Erbe

Weltweit wird an den 150. Geburtstag Sigmund Freuds erinnert. Ausstellungen, Symposien und Filmreihen beschäftigen sich damit, wie aktuell die Theorien des Vaters der Psychoanalyse noch sind.

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Hat immer noch Einfluss: Simund Freud

Von Ägypten über China, Italien und Deutschland bis zu den USA und Vietnam. An Universitäten, Museen oder im öffentlichen Raum. Organisiert von seinen Liebhabern oder gar unter Anteilnahme derjenigen, die seine Theorien für völlig überholt halten. In einem Symposium an der Universität Peking oder in der Budapester Freud-Filmwoche. Durch ein Künstlermanifest oder eine Photoausstellung über den kulturellen Kontext des fin de siècle in Wien: Freud wird überall gefeiert. 150 Jahre nach seiner Geburt und mehr as sechs Jahrzehnte nach seinem Tod am 23.9.1939 gibt es kaum einen Bereich der Geisteswissenschaften, der ihn unbeachtet lässt. Für die österreichische Schriftstellerin und Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist Freud sogar einer der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller aller Zeiten.

Die Couch auf der Couch

Die Couch von Sigmund Freud

Die Couch von Sigmund Freud

Die Stellung Freuds als “Denker des 20. Jahrhunderts“ par excellence scheint trotz aller Revisionen und "Korrekturen“ der letzten Jahrzehnte unbestritten. Das zeigte sich deutlich in der Polemik um das "Schwarzbuch der Psychoanalyse. In dem Buch behaupten die Autoren, die fast alle aus dem angloamerikanischen Raum stammen, die Psychoanalyse habe “Tausende von Menschen” auf dem Gewissen, insbesondere was Autismus, Drogensucht und Homosexualität angeht. Die Kritiker des Buches und Verteidiger Freuds sahen in dem Band einen billigen Versuch, sich den soziopolitischen Komponenten des freudianischen Denkens zu widersetzen. Die Diskussion alleine zeigt, dass Freuds Erbe ins Museum gehören mag, aber nie als vergessenes Archiv betrachtet wird.

Wien: ambivalentes Verhältnis

Das polemische "Schwarzbuch" verkaufte sich in Frankreich innerhalb weniger Wochen mehr als zwanzigtausendmal. In Österreich, wo Freud fast 80 Jahre lebte, bevor er während des Nazi-Regimes fliehen musste, schlugen die Wellen nicht ganz so hoch. "Allerdings widmen sich die psychoanalytischen Kreise in Österreich weniger der Diskussion und Forschung als eher der Erinnerung und der Bewahrung – vielleicht auch aus übertriebener Vorsicht, weil sie in Freud ein Unterkapitel des Holocaust sehen“, schrieb die spanische Zeitung "El País". Wien wird Freuds 150. Geburtstag zwar im großen Stil zelebrieren, hat aber interessanterweise nie einen Lehrstuhl für Psychoanalyse gehabt. In Berlin, wo Freuds Bücher verbrannt wurden, eröffnet das Jüdische Museum am kommenden Donnerstag (6.4) die Ausstellung PSYCHOanalyse, die das Leben Freuds in verschiedenen Stationen rekonstruiert und die Couch als eins der zentralen thematischen Motive seiner Vita darstellt.

Schnittstellen

Die Quintessenz von Freuds Nachlass liegt aber sicherlich weit weg von der Couch. Möglicherweise würde er heute selber die Lücken in den klinischen Anwendungen seiner Theorien aufzeigen. Zu Lebzeiten sah er die größte Bedeutung seiner Schriften nicht in der Therapie, sondern in den kulturellen Auseinandersetzungen, die von der Psychoanalyse ausgingen. Die Bedeutung Freuds liegt heute insbesondere in den Schnittstellen zwischen Psychoanalyse und Literatur, Philosophie, Ethnologie und Filmtheorie. Das erklärt auch, warum sein Name, mit oder ohne Schwarzbücher, einen Ehrenplatz in den französischen Geisteswissenschaften hat. Im Heimatland von Jacques Lacan haben nicht wenige Philosophen eine Archäologie des freudianischen Wissens betrieben: von Michel Foucault über Gilles Deleuze bis hin zu Jacques Derrida.

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