1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Freudentränen im chinesischen Internet

Chinas Internetgemeinde feiert die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo, doch in die Meldungen mischt sich Nachdenklichkeit.

Screenshot der Twitter-Seite (Quelle: Twitter)

Sekündlich twittern die chinesischen User anlässlich des Friedensnobelpreises für Liu Xiaobo

Um Punkt 11 Uhr trat der Nobelkomiteevorsitzende Thorbjoern Jagland in Oslo ans Rednerpult und informierte nüchtern darüber, dass der Friedensnobelpreis in diesem Jahr an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo geht. Zwei Minuten später twittert der Blogger Michael Anti, der sich gerade in Japan aufhält: "Ich habe mitten in Tokio als einziger laut geweint". Und gleich dazu die Forderung, Liu jetzt freizulassen. Tränen flossen auch bei anderen Internetaktivisten.

"Die Journalisten sind rausgegangen, und ich sitze im Teehaus und schluchze ganz leise", schreibt der Analyst Mo Zhixu, der die Preisverleihung in einem Teehaus gegenüber der Wohnung Liu Xiaobos verfolgt, in der sich dessen Frau Liu Xia aufhält. Kurz vor der Preisverleihung hatte er sich noch darüber lustig gemacht, das keiner der internationalen Pressevertreter auf die Idee gekommen sei, dass sich unter den Gästen des voll besetzen Teehauses die Freunde des Dissidenten eingefunden haben könnten. "Die Damen und Herren von der internationalen Presse halten uns wahrscheinlich für Agenten der Staatssicherheit."

Symbolbild China Internet Internetcafe lan party zensur

Internetcafe in China

Eine Auszeichnung für Chinas Dissidenten insgesamt

Schon zuvor hatten Internetnutzer berichtet, dass der Geheimdienst die Wohnung des inhaftierten Preisträgers abgeschirmt habe. "Habe gerade mit Liu Xia telefoniert. Drei Männer sind bei ihr, um mit ihr zu sprechen. Sie kann nicht rausgehen", hatte die deutsche Journalistin Kristin Kupfer zuvor getwittert. Für andere Nutzer war kurz darauf Liu Xias Telefon nicht mehr zu erreichen.

Gratulationen, kurze Freudenbekundungen und die Aufforderung an die Regierung, Liu Xiaobo zur Preisverleihung reisen zu lassen, laufen im Sekundentakt auf Twitter ein, das sich zur wichtigsten Plattform für die kritische Öffentlichkeit in China entwickelt hat. Der Dissident Chen Wei etwa schreibt, die Ehre für Liu Xiaobo sei auch eine Auszeichnung für Chinas Dissidenten insgesamt. Doch hier und da mischt sich unter die Freude auch Nachdenklichkeit. Der Kantoner Blogger Bei Feng jedenfalls ist nicht nur glücklich über die Auszeichnung. "Wenn jemand dafür, dass er in Einklang mit der Verfassung seine Rechte wahrnimmt und seine Meinung vertritt, in China den Friedensnobelpreis bekommen kann, dann weiß ich nicht, ob das eine Ehre für China ist, oder nicht vielmehr eine Tragödie."

Weiß der Preisträger von seiner Ehrung?

Friedensnobelpreisträger 2010: Liu Xiaobo (Foto: AP)

Friedensnobelpreisträger 2010: Liu Xiaobo

Die chinesische Regierung, die im Vorfeld Druck auf das Nobelpreiskomitee ausgeübt hatte, hat zu diesem Zeitpunkt bereits schmallippig mitgeteilt, sie nehme die Entscheidung zur Kenntnis. "Liu Xiaobo wird vielleicht der letzte sein, der erfährt, dass er Friedensnobelreisträger ist", mutmaßt der Blogger Zuola. Zuvor hatte seine Frau Liu Xia ausländischen Journalisten noch erzählt, dass sie davon ausgeht, dass Liu Xiaobo nichts von seiner Nominierung wisse.

Bei ihrem letzten Besuch im Gefängnis in der Stadt Jinzhou sei ihr nur erlaubt gewesen, über Privates zu sprechen. Dann scheinen die Freunde des Dissidenten sie schließlich doch noch zu erreichen. Kurz nach 13 Uhr twittert Mo Zhixu: "Schwester Xia fährt morgen früh nach Jinzhou. Ich wünsche ihr eine gute Reise."

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Esther Broders