1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Fremdsein als Lebensthema: Zum Tod von Peter Härtling

Er schrieb fesselnde Romanbiografien und das berühmte Kinder- und Jugendbuch "Ben liebt Anna". Nun ist Peter Härtling im Alter von 83 Jahren gestorben. Deutschland trauert um einen großen Schriftsteller.

Video ansehen 01:16

Schriftsteller Peter Härtling ist tot

Der neunjährige Schüler Ben verliebt sich in seine Mitschülerin Anna, die mit ihrer Familie als Aussiedlerin aus Polen gekommen ist. Es ist eine Geschichte über die erste Liebe, über das Heranwachsen und das Fremdsein in einem anderen Land. Tausende Kinder und Jugendliche in Deutschland sind mit dem schmalen Buch "Ben liebt Anna", das 1979 zu ersten Mal erschienen ist, aufgewachsen. Der Autor Peter Härtling konnte sich besonders gut in die Gefühlswelt von Kindern und Jugendlichen hineinversetzen. Er selbst hatte schon in jungem Alter mit dem Schreiben begonnen.

Das Schicksal machte ihn zum Vollwaisen

Als sein erster Gedichtband erschien, da war er gerade mal zwanzig Jahre alt. Er war Volontär bei der "Nürtinger Zeitung", jener Stadt, in die er 1945 aus Böhmen kommend, geflohen war. Der Vater war während der Flucht in russische Kriegsgefangenschaft geraten und starb im selben Jahr, die Mutter nahm sich ein Jahr später das Leben. Härtling wuchs als Vollwaise bei seiner Großmutter und bei Tanten auf, zu einer Zeit, als man in Deutschland voller Tatendrang nach vorne sah. Ein Schicksal, mit dem sich Peter Härtling ein Leben lang auseinandergesetzt hat.

Er habe viel gelesen, so hat der 1933 in Chemnitz Geborene immer wieder über diese Zeit gesagt. Auch als er schon Feuilleton-Redakteur bei der "Deutschen Zeitung" war, 1962. Im selben Jahr fand er, der bereits mehrere Gedichtbände veröffentlicht hatte (unter anderen den unvergessenen "Spielgeist - Spiegelgeist"), zu seinen großen Romanthemen: die deutsche Romantik und das beginnenden 19. Jahrhundert. Es war eine Zeit, in der die Weichen zu einer Industrialisierung des Lebens, zu den "Modernen Zeiten" gestellt wurden. Hier fand Peter Härtling sein Romanpersonal.

Verlorene Figuren an der Schwelle zu einer neuen Zeit

Es waren die großen verlorenen Figuren, die den Atem der Zeit zwar spüren, aber über die er gnadenlos hinwegfegt. Härtling schrieb in der ihm eigenen Weise Romane über die Dichter Lenau, Mörike, Hölderlin und Waiblinger, er schrieb in einer Art erfundener Romanbiografie, in der er sich diese historische Figuren anverwandelte, auch über Musiker wie Schubert und Schumann. Peter Härtling erklärte selbst: "Was mich reizt, mit Gestalten umzugehen, die es gegeben hat, das ist einfach und schwierig zugleich. Einmal, umzugehen mit Material, das Widerstand bietet. Das man aufreißen muss. Das man ergänzen muss. Denn die Fantasie ist da ständig gefordert. Zum anderen: Eine Figur zu finden, die aufs Merkwürdigste nah ist. Deren Ideen, Vorstellungen, Entwürfe nah sind. Mir nah sind und auch der Zeit, in der ich lebe."

Buchcover: Härtling - Leben lernen

Das Thema Erinnerung ist zentral in Härtlings Werk

In großen und beim Publikum sehr erfolgreichen Romanbiografien hat uns Peter Härtling das Leben dieser Wort- und Tonkünstler nahegebracht. Er fühlte sich, kein Zweifel, diesen Menschen verbunden. In ihnen sah er eine große Gemeinsamkeit zu seinem eigenen Schicksal aufleuchten und zu unserer technisierten Welt, der der Kontakt zur Natur abhanden gekommen ist. Und auch zur Fremdheit des Künstlers: "Dass sie Wanderer sind, alle. Und dass sie in ihre Zeit, weil sie oft über die Zeit hinausdenken und -arbeiten in ihrer Musik, in ihrer Poesie, dass sie in dieser Zeit oft als Fremde empfunden werden. Und diese Doppelung des Unterwegsseins und des Fremdwerdens, die interessiert mich an allen gleichermaßen."

Angst in Stärke verwandeln

In über 30 Büchern hat Peter Härtling dieses Fremdsein untersucht. Er war ein Aufklärer und wollte wissen, wie man das Fremdsein als, wie er sagte, "uns zeitgemäße Existenzform leben kann, ohne in Resignation zu verfallen". Er wollte herausfinden, wie man zum Fremden wird, welche Zwänge, Gewaltformen und Mechanismen dabei wirken. Für seine Werke wurde Peter Härtling vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem "Deutschen Bücherpreis für sein Gesamtwerk" und mit dem "Corine Ehrenpreis des bayerischen Ministerpräsidenten für das Lebenswerk". 2012 erhielt er den "Jacob-Grimme-Preis Deutsche Sprache", denn Peter Härtling zähle zu den vielfältigsten deutschen Schriftstellern der Gegenwart, so die Jury. 2015 erschien sein letzter Roman "Verdi - Ein Roman in neun Fantasien".

Nicht nur als Autor in der deutschen Literatur hat er sich einen Namen gemacht, sondern auch als Verfasser von Kinderbüchern, zu denen auch "Ben liebt Anna" gehört. Als Vater von vier Kindern sei er viel zum Erzählen angehalten worden, sagte er. Mehr als ein Dutzend Kinderbücher hat er geschrieben. Scheidung, Behinderung, Arbeitslosigkeit kamen auch hier vor. Härtling nahm Kinder so ernst wie Erwachsene: "Wenn Sie für Kinder schreiben, müssen Sie immer anschaulich schreiben. Sie können nicht abstrakt und theoretisch werden. Die würden das Buch zuschlagen. Und dieses Immer-bei-der-Sache-bleiben, Satz für Satz, das ist ein tolles Training." Das Erzählen für Kinder war für ihn eine Schule für jenes Erzählen, das er so meisterlich beherrschte, und das uns nun fehlen wird. Peter Härtling ist am Montag (10. Juli 2017) nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren in Rüsselsheim gestorben.

Audio und Video zum Thema