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Politik

Fremdenfeindlichkeit in Russland weiter stark

Russland hat ein Problem mit Rassismus. Vor allem in Moskau und St. Petersburg werden jedes Jahr hunderte Ausländer Opfer von rechter Gewalt. Doch langsam gehen die Behörden entschiedener gegen ultrarechte Gruppen vor.

Du bist Russe. Sei stolz darauf. Rechtsradikales Graffiti in Wladiwostok (Foto: DW)

"Du bist Russe. Sei stolz darauf." Rechtsradikales Graffiti in Wladiwostok

Laut geht es auf dem Sportplatz der Universität in Wladiwostok zu. Zwischen den hohen Zäunen trainieren ein paar Dutzend Studenten. In einer Ecke spielt eine Gruppe chinesischer Austauschstudenten Basketball auf einen Korb. Hier am russischen Pazifik ist die Grenze nach China nur 60 Kilometer entfernt.

Wohnheim der Universität von Wladiwostok (Foto: DW)

Chinesische Studenten verlassen das Wohnheim der Universität von Wladiwostok meist nur in Gruppen.

Und doch ist Russland für die Studenten fremd geblieben. "Die haben hier Angst um ihre Sicherheit", erzählt ein russischer Kommilitone. "Deshalb halten sie sich ganze Tage lang nur im Wohnheim oder hier in der Nähe auf." Wohnheim, Uni, Sportplatz - weiter trauen sich die chinesischen Studenten nur in Gruppen durch Wladiwostok.

Angst vor rechten Schlägern

Die Angst vor dem aufstrebenden Nachbarn, Sorge vor Überfremdung und die wirtschaftliche Krise geben Rechtsradikalen in Wladiwostok Auftrieb. Viele Ausländer haben schon Erfahrungen mit rechten Schlägern gemacht. "An die zehn junge Männer haben meinem Freund die Nase zerschlagen. Einfach so, ohne etwas zu sagen", erzählt eine chinesische Studentin. Ihren Namen will sie nicht nennen. Ihr Freund ist vor der Gruppe geflüchtet. "Erst hier in der Uni konnte er sich in Sicherheit bringen."

Alexander Werchowski, Direktor des Zentrums zur Erforschung des Rassismus (Foto: DW)

Alexander Werchowski, Direktor des Zentrums zur Erforschung des Rassismus

Etwa 70 Menschen sind nach Erkenntnissen des Moskauer Zentrums für die Erforschung von Rassismus (SOWA) in Russland im vergangenen Jahr von Rassisten ermordet worden. Mehr als 300 wurden verletzt. Vor allem in Moskau und St. Petersburg ist es für Menschen aus Zentralasien und dem Kaukasus gefährlich. Doch immerhin ist der Trend rückläufig. 2008 waren die Opferzahlen noch um ein Drittel höher.

Mittlerweile gehen Polizei und Justiz mit Sonderkommissionen härter gegen die Ultrarechten vor, sagt Alexander Werchowski von SOWA. Diese machten gezielt Jagd auf gewalttätige Gruppierungen und nähmen dort viele fest. "Das hat einen großen Effekt", sagt Werchowski. Denn solche Gruppierungen verübten in der Vergangenheit die meisten Überfälle. "Jetzt haben die endlich einmal Angst."

Umdenken nach den Pogromen von Kondopoga

Nur langsam hat die russische Führung erkannt, welche Gefahr von den Ultrarechten ausgeht. Lange hatten Beobachter den Eindruck, dass beim Versuch, Russland wieder zu alter Größe zu führen, dem Kreml nationalistische Parolen besser passten als die der demokratischen Opposition.

Doch dann kam Kondopoga. In der Kleinstadt in Karelien kam es 2006 zu Pogromen gegen Geschäfte und Restaurants, die von Kaukasiern betrieben wurden. Mehrere Menschen starben. Für den Kreml wurde Kondopoga zum Wendepunkt seiner Politik gegenüber Nationalisten, sagt Werchowski. Denn in Kondopoga hatte die Staatsmacht de facto einen ganzen Tag die Kontrolle über die Stadt völlig verloren. "Das hat die Staatsmacht sehr beunruhigt", sagt der SOWA-Direktor. "Denn das ist eine politische Bedrohung."

Autoritarismus verhindert politische Diskussion

Ein Uni-Plakat wirbt für multikulturelles Zusammenleben (Foto: DW)

Vielfalt bleibt Illusion: Ein Uni-Plakat wirbt für multikulturelles Zusammenleben

Kampf gegen Rassismus ohne Überzeugung, sondern nur zur Machtabsicherung? Für Alexander Werchowski liegt das Problem tiefer. Russlands Gesellschaft kämpfe immer noch damit, nach dem Zerfall der Sowjetunion ein neues Nationalstaatsbewusstsein zu schaffen.

Doch das autoritäre politische Klima des Landes verhindere eine gesellschaftliche Diskussion zu dem Thema. Dadurch hätten viele radikale Gruppierungen den Eindruck, dass große Teile der Gesellschaft hinter ihnen stünden, sagt Werchowski. "Diejenigen, die Menschen umbringen, fühlen sich als Vorkämpfer für die Sache des Volkes."

In der Tat ist deren Gedankengut tief in der Gesellschaft verankert. Umfragen zufolge denken 55 Prozent der Russen, Ausländer vor allem aus dem Kaukasus oder Zentralasien müssten in ihren Rechten beschränkt oder gar deportiert werden. Dabei ist die russische Wirtschaft stark auf billige Arbeitskräfte aus diesen Ländern angewiesen.

Und auch auf dem Sportplatz in Wladiwostok ist vielen klar: Der Schlüssel zu wirtschaftlichem Wohlstand in der Pazifikregion liegt in China.

Autor: Erik Albrecht
Redaktion: Kay-Alexander Scholz