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Evangelische Kirche

Fremdeln mit dem Reformationsjubiläum

Nur noch drei Jahre, dann feiert die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihren Kirchengründer Martin Luther. Das 500. Reformationsjubiläum treibt schon jetzt seltsame Blüten, monieren Historiker.

Die Vorbereitungen zur 500-Jahrfeier der Reformation laufen auf Hochtouren: Vielerorts sind Ausstellungen, Tourismus-, Schul- und Musikprojekte geplant oder bereits verwirklicht. Eine auf zehn Jahre angelegte "Luther-Dekade" aus Veranstaltungen, Vorträgen, Publikationen und einem ausladenden Internetangebot behandelt wechselnde Themen rund um Martin Luther. In diesem, dem sechsten Themenjahr geht es um "Bild und Bibel". Dabei wird die Malerfamilie Cranach als "Markenzeichen der Reformation" präsentiert. Geschichtswissenschaftler zeigen sich befremdet über Art und Stoßrichtung des Gedenkens. Im Vorfeld des Reformationstages (31.10.) verschärften sie ihre Kritik.

Käßmann wirbt für die Lutherdekade. Foto: EKD

Wirbt für die Lutherdekade: Die frühere EKD-Vorsitzende Margot Käßmann

"Die Erinnerung an die religiöse Erneuerungsbewegung wird zu stark auf den Reformator Martin Luther zugespitzt" bemängelte etwa der Historiker Matthias Pohlig vom Excellenzcluster Religion und Politik" der Universität Münster. "Gerade solche Luther-Zentriertheit ist für eine historische Forschung, die sich seit Jahrzehnten bemüht, die sozialen, politischen und kulturellen Umbrüche um 1500 zu beschreiben, ohne in die Falle einer Geschichte großer Männer zu tappen, ein Problem", schrieb Pohlig in einem Beitrag für die Website seines Instituts.

Luther-Dekade mit "Auswüchsen"

Für "Auswüchse der Lutherdekade" hält Pohlig beispielsweise Luther-Raps bei youtoube, Ratgeber-Literatur, kitschige Bücher mit Luther-Zitaten oder auch das Aussenden von Schülern als "Lutherbotschafter".

Das Lutherjubiläum erhalte damit eine "Tendenz zur Eventisierung" von Geschichte. Ohnehin sähen Geschichstwissenschaftler in Formaten der Vermittlung wie Doku-Dramaas, Comics oder historischen Ivents die Gefahr einer Verflachung oder Verfälschung. Die Reformationsforschung fremdele mit dem Jubiläumshype. "Doch nicht aus akademischer Eitelkeit", so Pohlig, sondern weil die unterschiedlichen Ziele von Wissenschaft und Popularisierern "einfach nicht zur Deckung zu bringen" seien.

BdT Luther-Figuren Marktplatz Lutherstadt Wittenberg. Foto: Peter Endig

Luther-Figuren auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg.

Während die Kirche die Identifikationspotenziale der Reformation suche und einem Bedürfnis nach Identitätsstiftung und Selbstvergewisserung nachkomme, bemühten sich Historiker in kleinteiliger kulturhistorischer Forschung "um Dekonstruktion des allzu vertraut Scheinenden". Die verbreitete Vorstellung von einem "Luther der Moderne, Vorkämpfer von Freiheit und Toleranz" komme dabei ebenso wenig in Frage wie eine Darstellung des Reformators als "der Unmoderne, Repressive, der Intolerante", notierte Pohlig in seinem Beitrag "Vom Fremdeln mit dem Reformationsjubiläum 2017".

Internationale Dimension vernachlässigt

Zuvor hatte der Geschichtsprofessor Hartmut Lehmann angemerkt, auf Seiten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) fehle es an einem Programm, um das Reformationsjubiläum in der Gesellschaft zu verankern. So habe es die EKD versäumt, Gesprächsfäden über das eigene evangelisch-kirchliche Milieu hinaus zu knüpfen. Als Beispiel nannte er die Pfingstkirchen oder christliche Migrantengemeinden. "Und warum wurden keine transreligiösen Tagungen geplant," fragte Lehmann, "etwa mit jüdischen Wissenschaftlern aus den In- und Ausland, um mit Ihnen über ein so heikles Thema wie Luthers Judenschriften zu diskutieren?" Auch die internationale Dimension werde vernachlässigt, schrieb Lehmann in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Feierlichkeiten 500. Jahrestag der Reformation in Wittenberg. Foto: Jan Woitas/dpa

Eine Weltkugel zählt die Tage bis zum 500. Reformationsjubiläum 2017. Eindrücke aus Wittenberg.

Der EKD-Text "Rechtfertigung und Freiheit" ist dem Historiker zufolge "ein Zeugnis der Abgrenzung und nicht der Öffnung hin zu allen gesellschaftlichen Gruppen". Adressat der Schrift sei vor allem die evangelische Kerngemeinde, die aus fünf Prozent aktiver Kirchenchristen bestehe. Als ein Problem bezeichnete es Lehmann, dass Bund, Lutherländer und Städte die EKD nicht drängten, "auf ihre Politik einer bewussten Exklusion zu verzichten und stattdessen eine Politik der kulturellen Inklusion zu verfolgen".

Interreligiöser Dialog und Ökumene

Das im Mai veröffentlichte 112-seitige Dokument "Rechtfertigung und Freiheit" hatte eine heftige Diskussion ausgelöst. Fachleute beleuchten darin mit Blick auf das Reformationsjubiläum 2017 die Grundlagen der Theologie von Martin Luther (1483-1546), in deren Zentrum die Rechtfertigungslehre steht. Kritiker hielten der EKD daraufhin ein einseitiges und dogmatisches Reformationsverständnis vor.

Bereits in den Jahren 2006 bis 2008 hatten der Bund, mehrere Länder und einige mit der Tradition der Reformation verbundene Städte gemeinsam mit der EKD Gremien aus der Taufe gehoben, die das anstehende Fest vorbereiten sollten. Ein Wissenschaftlicher Beirat konzipierte eine Lutherdekade mit jährlich wechselnden Themenschwerpunkten. In einem gemeinsamen Antrag forderten die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen 2008, die Dekade zum Ausgangspunkt für einen deutschlandweiten "interreligiösen Dialog" und für eine Vertiefung ökumenischer Kontakte zu machen. Ob das bis 2017 gelingt, muss sich zeigen.