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Europa

Freiwillige an die Front

Weil die ukrainische Armee in einem desolaten Zustand ist, haben Freiwilligen-Armeen großen Zulauf. Sie werden unterstützt von Spenden aus allen Teilen der Bevölkerung, wie Anne Herzlieb aus Kiew berichtet

Mitten im Wald, zwei Stunden entfernt von der pulsierenden Hauptstadt Kiew, wo die Front weit weg zu sein scheint, werden sie ausgebildet: die freiwilligen Kämpfer für die Ostukraine. Ein Schild mit einem bunten Panzer und der Schriftzug "Truppenübungsplatz" weist den Weg. In der Ferne fallen Schüsse. Ein Militärjeep rollt vorbei. Hier trainiert die "Rechtsnationale Freiwilligen-Armee", eine von über 30 Freiwilligen-Bataillonen in der Ukraine.

Ein Befehlshaber der Rechstnationalen Freiwilligen- Armee

„Unsere Kämpfer werden hier optimal für den Krieg in der Ostukraine ausgebildet", sagt Roman Mykola

"Angriff" brüllt derjenige, der sich später als Roman Mykola vorstellen wird. Er ist hier der Befehlshaber. Fünfzehn Männer in Kampfmontur stürmen auf ein Haus zu, einer wirft eine Handgranate ins offene Fenster. Alle gehen in Deckung, es passiert nichts. Fünfmal wird das Ganze wiederholt. Denn die Granate verfehlt jedes Mal ihr Ziel. Es seien eben alles normale Bürger, die hier trainiert werden, keine ausgebildeten Soldaten, entschuldigt sich Mykola. Die Motivation sei dafür umso höher.

Tausende Ukrainer melden sich freiwillig für den Krieg

Ein Freiwilligen-Bataillon Kämpfer vor Sandsäcken

Freiwilliger Kämpfer Oleksiy: "Ich bin bereit für die Ukraine zu sterben"

Der 33-jährige Oleksiy aus Kiew etwa hat seinen Job als Architekt vorerst an den Nagel gehängt. Um für sein Vaterland zu kämpfen, wie er sagt: "Ich will, dass meine Kinder in einem freien Land aufwachsen und nicht Sklaven der Russen werden. Die Ukraine braucht mich jetzt, und ich bin bereit, notfalls in diesem Krieg zu sterben."

Um die hundert Kämpfer sind in den Kasernen hier untergebracht. Das Gelände, das einst der ukrainischen Armee gehörte, wurde der Freiwilligen-Armee vom Staat zur Verfügung gestellt. Gegründet wurde das Bataillon nach Aufstand auf dem Maidan im April dieses Jahres. Finanziert wird es, wie viele andere Freiwilligen-Armeen, von Oligarchen, Multimillionären und sogar Politikern. Seit der Annexion der Krim im März haben sich tausende Männer und Frauen im Land freiwillig gemeldet. Der desolate Zustand der ukrainischen Armee dürfte auch eine Rolle spielen.

Tarnnetze knüpfen und Geld sammeln

"Wenn wir nicht bereit wären für unser Land zu kämpfen, wer dann?", fragt Oleksiy, "dann würden die Russen schon vor Kiew stehen". So wie er denken hier viele. Eineinhalb Monate dauert die paramilitärische Ausbildung. Das Ziel ist, so viele Kämpfer wie möglich in die Ostukraine zu schicken, erklärt der Befehlshaber Mykola. Sorgen um die Qualität der Ausbildung müsse sich keiner machen, versichert er, sie sei sogar besser als die der regulären ukrainischen Armee. Und dank der vielen Spenden aus der Bevölkerung wie Uniformen, Nahrungsmittel und Decken gehe es seinen Kämpfern vergleichsweise gut.

Als Freiwillige knüpft Maria Tarnnetze für die ukrainische Armee

Als Freiwillige knüpft Maria Tarnnetze für die ukrainische Armee

Eine, die ihre gesamte Freizeit der Unterstützung der Freiwilligen-Bataillone widmet, ist Maria Kabatsiy aus Kiew. Im Keller einer Bibliothek in einem Hinterhof im Stadtteil Obolon knüpft sie nach Feierabend Tarnnetze. Über facebook hat sich die Gruppe "Net Sawing Volonteers" überall im Land organisiert, rufen Bürger auf, ihre alte Kleidung zu spenden. Sie wird dann olivgrün und braun eingefärbt und zu Netzen geknüpft. Tonnenweise werden diese Netze an die Front geschickt, erzählt die junge Journalistin stolz. "Ich leiste hier einen Beitrag zum Schutz unserer Soldaten", sagt die 31-Jährige. "Gegen die hochgerüstete russische Armee hat unsere doch keine Chance, deshalb musste ich etwas tun."

Ukrainische Armee in einem desolaten Zustand

Das bestätigt auch die Ukraine-Expertin Margarte Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin: "Die ukrainische Armee wurde anders als die russische Armee seit 20 Jahren nicht reformiert. Es fehlt an modernen Waffen und Ausrüstung, an adäquater Ausbildung und professioneller Führung. Quantitativ und qualitativ ist sie klar der russischen Armee unterlegen."

Auch deshalb gibt es auf dem Wochenmarkt im malerischen Kiewer Stadtteil Podil längst nicht mehr nur Trödel und Kleidung zu kaufen. Immer mehr Ukrainer nutzen den Markt, um selbstgemachte Dinge anzubieten. Der Erlös aus dem Verkauf geht direkt an die chronisch unterfinanzierte Armee. An einer Wäscheleine hängt Olga Bulygina-Lazebnikova Fotoposter auf. Jeder konnte sein schönstes Foto aus der Ukraine einsenden. Die Bilder wurden als Poster vergrößert und auf dem Markt verkauft. 8500 Euro kamen so bereits für die Armee zusammen, erzählt Olga: "Unseren Soldaten mangelt es an allem: warmen Socken, Kleidung und Medikamente. Deswegen helfen wir mit."

Freiwilligen-Armeen unterliegen keiner Kontrolle warnen Experten

Doch neben moderaten Kämpfern finden sich in den Freiwilligen-Armeen auch Neonazis, wie beispielsweise im Asow-Bataillon oder in der Aidar-Armee, denen Amnesty International in einem aktuellen Report Kriegsverbrechen im Norden Luhansk vorwirft. Formal sind die meisten Freiwilligen-Verbände dem Innenministerium unterstellt. Aber nicht alle werden tatsächlich auch kontrolliert, kritisiert die Ukraine-Expertin Klein: "Wenn sich die Bataillone bewusst der Kontrolle entziehen, dann droht die Gefahr, dass das staatliche Gewaltmonopol unterhöhlt wird. Auch können die Freiwilligenverbände zu Akteuren werden, die Druck auf den Präsidenten ausüben."

Ein Staat im Staate könnte also entstehen, befürchten einige Experten. Oleksiy Haran, Politikprofessor an der Kiew-Mohyla-Akademie der Nationalen Universität, meint dagegen: "Wenn der Westen und insbesondere die NATO die Ukraine in diesem Krieg unterstützen würde, dann bräuchten wir die Freiwilligen-Armeen nicht."

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