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Aktuell Europa

Freispruch nach Tod von Jugendlichen

Nach dem Tod zweier Jugendlicher standen französische Vororte wochenlang in Flammen. Auch Ex-Präsident Sarkozy geriet in die Affäre. Zehn Jahre später wurden jetzt zwei Polizisten freigesprochen.

Abdel Benna (Artikelbild l.), der Bruder eines der getöteten Jugendlichen, klagte nach dem Urteil von Rennes: "Es gibt keine Gerechtigkeit auf Erden". Der Anwalt der betroffenen Familien, Jean-Pierre Mignard, sprach von einem "Schock" und kündigte an, trotz aller juristischen Hindernisse gegen die Entscheidung vorgehen zu wollen. Zehn Jahre nach dem Tod zweier Jugendlicher bei einer Verfolgungsjagd nahe Paris und den darauf folgenden wochenlangen Vorstadt-Krawallen in ganz Frankreich wurden zwei Polizisten vom Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung freigesprochen.

Brennpunkt Clichy-sous-Bois

Der Tod des 17 Jahre alten Zyed Benna und des 15-jährigen Bouna Traoré im Herbst 2005 war Auslöser einer landesweiten Welle von Jugendrevolten in den Migranten-Banlieues: Tausende Autos gingen in Flammen auf, zahlreiche Polizisten wurden verletzt, die Regierung verhängte zwischenzeitlich sogar den Ausnahmezustand. Die Jugendlichen, die offenbar zu Unrecht eines Diebstahls verdächtigt wurden, hatten sich bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei in der Pariser Vorstadt Clichy-sous-Bois in einem Transformatorenhäuschen versteckt. Sie wurden durch einen Stromschlag getötet. Ein dritter Jugendlicher erlitt schwere Verbrennungen.

Ex-Innenminister und Ex-Präsident Nicolas Sarkozy (archiv: rtr)

Versuchte sich mit hartem Vorgehen gegen Ausländer und Migranten zu profilieren: Nicolas Sarkozy

Sarkozy: "Mit Kärcher gegen Gesindel"

Der Tod der Jugendlichen und die durch ihn ausgelösten Unruhen hatten ein Schlaglicht auf die von Armut und sozialer Ausgrenzung geprägten französischen Vorstädte geworfen. Der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy wurde nicht nur wegen des Notstandsrechts und der Ausgangssperren kritisiert. Bis hin zu seiner Kandidatur zum Präsidenten wurde Sarkozy immer wieder vorgeworfen, die Jugendlichen als "Diebe" diffamiert zu haben. Zudem habe er mit seiner Forderung, die Vorstädte mit dem Hochdruckreiniger Kärcher "von dem Gesindel zu befreien", die Konflikte mit den arabischen und islamischen Einwanderern nur noch angeheizt.

Unterlassene Hilfeleistung?

Einer der nun freigesprochenen Polizisten hatte die Jugendlichen verfolgt bis diese auf ein abgesperrtes Gelände des Strombetreibers EDF kletterten. In einem aufgezeichneten Funkspruch, der später für viel Wirbel sorgen sollte, sagte er seinen Kollegen: "Wenn sie auf das EDF-Gelände gehen, dann gebe ich nicht viel auf ihr Leben." Nach eigenen Angaben ging er nach einer Überprüfung letztlich davon aus, dass die Jugendlichen sich dort nicht mehr aufhielten.

Seine am Montag ebenfalls freigesprochene Kollegin verfolgte die Vorgänge über Funk. Auch ihr war vorgeworfen worden, von der Gefahr für die Jugendlichen gewusst, aber nichts unternommen zu haben. Auch sie beteuerte, sie habe nicht geahnt, dass die Jugendlichen in Gefahr schwebten.

Die Staatsanwaltschaft glaubte den Ausführungen der beiden Beamten und plädierte daher während des Prozesses im März auf Freispruch. Mit Blick auf den Polizisten vor Ort sagte Staatsanwältin Delphine Dewailly vor Gericht: "Weil er sich keiner Gefahr bewusst war, kann ihm nicht vorgeworfen werden, nicht gehandelt zu haben." Den Polizisten hatten fünf Jahre Haft und eine Geldstrafe von 75.000 Euro gedroht.

Über die juristische Aufarbeitung des Todes der Jugendlichen hatte es ein jahrelanges Hin und Her gegeben, mehrere Staatsanwaltschaften und Gerichte wollten das Verfahren gegen die Polizisten zu den Akten legen. Dann kam es aber doch zum Prozess gegen die beiden Beamten...

SC/qu (afpe, dpa, rtre)