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Landwirtschaft

Freilandmilch von glücklichen britischen Kühen

Ein englischer Milchbauer hat es satt: Im Supermarkt soll endlich wieder mehr Milch von Kühen stehen, die draußen auf grünen Weiden grasen - statt ständig im Stall eingesperrt zu sein. Daher hat er sich was überlegt.

Clips auf You Tube zeigen, was passiert, wenn Kühe nach einem langen Winter im Stall wieder nach draußen dürfen: Sie hüpfen buchstäblich vor Freude. Endlich können sie wieder grasen. Aber viele Kühe sehen heutzutage überhaupt keine Weiden mehr. Immer mehr europäische Großbetriebe wollen größere Profite und investieren in die reine Stallhaltung ihrer Milchkühe.

Die Bewegung hin zum US-System der Riesenhöfe, die ein- bis zweitausend Kühe unter fabrikähnlichen Bedingungen beherbergen, wurde durch eine der schlimmsten Krisen im Milchsektor verschlimmert.

Mitschuld daran war, dass die EU die nationalen Milchquoten abschaffte. Vor drei Jahren stürzte der Marktpreis für Milch auf etwas mehr als die Hälfte ab, gleichzeitig kam es zu einer Überproduktion, verursacht durch einen Nachfragerückgang in China und Russland. Die Krise drängte tausende von Milchbauern aus dem Geschäft.

Harter Konkurrenzdruck

In Großbritannien ist die Zahl der Milchbetriebe durch den harten Konkurrenzdruck im letzten Jahrzehnt um zwei Drittel auf etwa 9500 gefallen. Diejenigen, die überlebt haben, werden zunehmend von der Notwendigkeit getrieben, noch effizienter zu arbeiten, um den Wunsch der großen Supermarktketten nach den niedrigsten Preisen zu befriedigen. 

Ian Woodhurst (World Animal Protection)

Woodhurst: "Stallkühe haben vermehrt Euterinfektionen"

Das, sagen Umwelt- und Tierrschützer, führe zu einer stärkeren Umweltverschmutzung und einem größeren ökologischen Fußabdruck; außerdem schade es den Kühen.  

Großbritanniens National Farmers Union, eine Industrieorganisation für Landwirte, spielt den Einfluss der Großbetriebe jedoch herunter. Der durchschnittliche Milchbetrieb im Vereinigten Königreich habe lediglich 148 Kühe.

"Ja, wir haben größere Höfe mit bis zu 1000 Kühen und einige von ihnen bleiben das ganze Jahr über drinnen", sagt Sian Davies, Experte für Milchwirtschaft bei der NFU, gegenüber der DW. "Aber das bedeutet nicht, dass die Standards hinsichtlich Gesundheit, Wohlbefinden und Milchqualität der Tiere beeinträchtigt sind."

Großbritannien ist noch weit entfernt vom Ausmaß einiger US-Mega-Milchbetriebe, die bis zu 40.000 Kühe halten. Trotzdem verspüren auch die Landwirte hier einen extremen Preisdruck. Einige Analysten glauben, dass dieser Druck zu größeren Betrieben führen wird.

Laut der Tierschutzorganisation World Animal Protection sterben traditionelle Milchherstellungsmethoden in Großbritannien viel schneller aus als ursprünglich gedacht. Das zeigten Zahlen des Ministeriums für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten. "Demnach glaubten nur 30 Prozent der Höfe, traditionelle Milchbetriebe mit Weidehaltung zu sein", sagt Ian Woodhurst, Kampagnenmanager für Landwirtschaft bei der Tierschutzorganisation World Animal Protection, gegenüber der DW. "Es ist nicht klar, wie es wirklich aussieht und an wie vielen Tagen die Kühe tatsächlich draußen sind."

Kuh (AP)

Garantiert 180 Tage draußen - das verspricht Neil Darwent seinen Kühen

Einige Landwirte bestehen darauf, dass ihnen nur die intensive Stallhaltung eine Chance bietet, mitzuhalten.

Tierrechtsgruppen aber warnen, dass die Milchkühe an ihre körperlichen Grenzen gebracht werden, um noch mehr Milch zu produzieren. "Die Forschung an Stallkühen zeigt ziemlich klar, dass die Kühe zunehmend lahm werden, weil sie auf Beton stehen", so Woodhurst. "Außerdem haben die Tiere vermehrt Euterinfektionen."

Reine Stallhaltung könne zu solch beengten Bedingungen führen, dass einige Kühe aggressiv werden und den Rest der Herde verletzen, fügt Woodhurst hinzu. Das geringe Platzangebot verändere die Sozialstruktur der Tiere.

Aktivisten warnen, dass intensive Betriebe die Umwelt stark belasten könnten. Sie verschmutzen möglicherweise das Wasser und den Boden. Höfe mit reiner Stallhaltung benötigten zudem riesige Mengen Tierfutter. "Offensichtlich fressen die Kühe kein Gras", sagt Woodhurst. "Also muss man in Betracht ziehen, woher das Futter stammt und wie es hergestellt wird." Tierfutter anzubauen benötige viel Platz. Hinein spielten Faktoren wie die Entwaldung und der Einsatz von Pestiziden, Unkrautvernichtern und Düngemitteln.

180 Tage lang auf der Weide

Während viele seiner Kollegen ihre Herden nach drinnen verlagern, geht Landwirt Neil Darwent einen anderen Weg: Er schwört auf eine umfangreiche Weidezeit für seine Kühe. Unverblümt äußerte er sich über den Trend hin zu Riesenbauernhöfen und erschuf vor drei Jahren das Freiland-Label "Pasture Promise" (Weideversprechen). Es zeichnet Milch von Kühen aus, die die längstmögliche Zeit draußen auf der Weide verbringen - in Großbritannien sind das 180 Tage pro Jahr.

Mehr Zeit auf der Weide verbessere den Nährwert der Milch, glaubt Darwent. Er ist überzeugt, dass die Menschen auch bereit sind, dafür mehr zu bezahlen. "Viel zu lange haben Landwirte Tanks voll von dem weißen Zeug produziert und ihm zugewinkt, wenn ein Lastwagen die Tanks vom Hof abgeholt und wer weiß wohin gebracht hat", sagt Darwent, der mehrere Höfe im Westen Englands leitet. Die Freilandbauern, die sich seinem Label angeschlossen haben, möchten gerne wissen, wo ihre Milch landet, sagt er der DW.

Großbritannien Kühe beim Melken (picture-alliance/PA Wire/S. Parsons)

Viele Kühe verbringen ihr ganzes Leben im Stall

Landwirte kämpfen ums Überleben

"2015 und 2016 waren zwei der härtesten Jahre, an die ich mich erinnern kann", sagt Darwent. "Die Preise fielen von irgendwas über 30 Pence (33 Eurocent) pro Liter auf 18 Pence." Auch wenn sich die Milchpreise inzwischen wieder etwas erholt haben - der Landwirt aus Somerset glaubt, dass es einen Aufpreis von 2 oder 3 Pence pro Liter auf Freilandmilch braucht, damit Kleinbauern überleben können.

Einige von Großbritanniens größten Supermärkten sind beim Freilandmilch-Label bereits mit an Bord, darunter Asda, Teil des US-Giganten Walmart. Geholfen habe, dass die Öffentlichkeit sich inzwischen mehr darüber bewusst sei, auf welche Art Milch herstellt werden kann, glaubt Darwent. "Es gibt unterschiedliche Schätzungen, aber man sagt, dass 15 bis 20 Prozent aller Kühe im Vereinigten Königreich überhaupt nie nach draußen kommen. Und es gibt auch welche, die zwar raus kommen, aber trotzdem nicht grasen."

Kühe im Stall (picture-alliance/empics/R. Remiorz)

Heu statt frisches Gras

Sorgen um die Umwelt

Laut Darwent werden die Landwirte, die unter dem Freilandlabel produzieren, regelmäßig überprüft, um sicherzustellen, dass sie sich auch an ihr 180-Tage-Versprechen halten. Viele hielten ihre Tiere sogar noch länger draußen.

Das Klima in Großbritannien lasse allerdings keine ganzjährige Weidehaltung zu. "Wir wissen alle, dass Kühe glücklich sind, wenn sie im Sonennschein grasen können", sagt Darwent. "Aber im Winter wird es nass und matschig und das Gras wächst nicht mehr. Zu bestimmten Zeiten im Jahr ist es daher definitiv besser, die Kühe drinnen zu halten."

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