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Art of Freedom. Freedom of Art.

Freiheit unter Aufsicht in Nigeria

Kultur und Medien sind in Nigeria eigentlich frei. Die staatliche Zensurbehörde hat allerdings ein wachsames Auge. Ihr Recht auf freie Meinungsäußerung lassen sich die Nigerianer dennoch nicht nehmen.

Ein Schild mit der Ankündigung einer Filmvorführung in Battor Korpe, Nigeria (Foto: dpa)

"Nollywood"-Filme aus der nigerianischen Traumfabrik packen selten unerwünschte Themen an

Schon seinen Wahlkampf hatte Nigerias Präsident Muhammadu Buhari ganz auf "Change" ausgerichtet. Bei seinem Amtsantritt im Mai 2015 erklärte er dann der grassierenden Korruption im Land sowie der radikalislamischen Terrorgruppe Boko Haram den Krieg. Auch den Mediensektor und die Meinungsfreiheit wollte er stärken. "Viele Kulturschaffende reagierten damals mit Erleichterung", berichtet Marc-André Schmachtel, der Direktor des Goethe-Instituts in der Wirtschafts- und Kulturmetropole Lagos. Eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Nigerias, Lola Shoneyin ("Die geheimen Leben der Frauen des Baba Segi"), hatte sogar offen Wahlkampf für Buhari gemacht.

Die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Lola Shoneyin (Foto: DW/Jan-Philipp Scholz, Adrian Kriesch)

Lola Shoneyin hofft auf mehr künstlerische Freiheit

Seit dem Regierungswechsel hat Marc-André Schmachtel keine großen Einschränkungen in der Medienfreiheit beobachten können. Es seien weder Berichterstattungen zurückgezogen worden, noch habe es Einschüchterungsversuche gegenüber Medienschaffenden gegeben. "Soweit ich das beurteilen kann, ist die Meinungsfreiheit relativ offen geblieben, und ich glaube auch, dass das bewusst von der Regierung gehandhabt wird."

Zensur mit Vorgeschichte

Das überrascht, denn als Militärdiktator war Muhammadu Buhari in den 1980er Jahren selbst gegen abweichende Meinungen sehr hart vorgegangen. Auch sein Vorgänger hatte ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Freiheit von Kultur und Medien. Noch im Februar 2015 warnte die Organisation "Reporter ohne Grenzen": "Präsident Goodluck Jonathans ausweichende Art, wenn es um die Medien geht und um das Recht der Öffentlichkeit im Allgemeinen, ist sehr besorgniserregend." In- und ausländische Medien waren daran gehindert worden, über den Anti-Terror-Kampf im Nordosten Nigerias zu berichten.

Der nigerianische Präsident Muhammadu Buhari (Foto: dpa)

Präsident Muhammadu Buhari hat verspricht Reformen

Dies soll nun ein Ende haben: Kurz nach seiner Ernennung zum Informationsminister im November 2015 hat Lai Mohammed klar gemacht, dass er Einschüchterungen dieser Art nicht dulde. Er kündigte eine engere Zusammenarbeit zwischen Regierung, Militär und Medien an, von der vor allem Journalisten durch zuverlässige Informationen profitieren sollen.

Mohammed ermutigte die staatlichen Medien zu einer ausgewogenen und fairen Berichterstattung. Sie sollten auch kritisch über Regierungsangelegenheiten berichten können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Diese Ansage hat in den nigerianischen Medien für Furore gesorgt. "Genau das brauchen wir, um die Qualität der Nachrichten sichern zu können", sagt Ifeyinwa Omowole, Redakteurin der nigerianischen Nachrichtenagentur NAN. "Damit bleibt kein Raum für spekulativen Journalismus."

Parteiische Medienkontrolle

Während die gedruckten Medien in Afrikas bevölkerungsreichstem Land schon in der Vergangenheit und selbst unter Militärregimen nur selten ein Blatt vor den Mund genommen haben, stehen die noch vergleichsweise jungen privaten Fernseh- und Radiosender noch unter Druck. Über sie wacht nämlich die Nigerianische Rundfunk-Kommission (Nigerian Broadcasting Commission, NBC).

Das Logo des nordnigerianischen Privatsenders Freedom Radio Nigeria 2, ein blauer Papagei (Foto: Freedom Radio)

Das Logo des nordnigerianischen Privatsenders "Freedom Radio"

"Das Problem ist, dass der Vorsitzende allein vom Präsidenten ernannt wird", kritisiert Umar Saidu Tudunwada, Manager beim nordnigerianischen Privatsender "Freedom Radio". Deshalb diene die NBC immer wieder dazu, die Position der regierenden Partei durchzusetzen. Da die Regierung die staatlichen Medien ohnehin direkt kontrolliere, gerieten vor allem progressive private Medien schnell ins Visier der Medienaufsicht. Tudunwada fordert deshalb, dass die Kommission in Zukunft vom Parlament berufen werden solle. "Dann kann wenigstens nicht der Präsident alleine einfach aus einer Laune heraus den Vorsitzenden abberufen", begründet er seine Forderung.

Vorsicht bei sensiblen Themen

Hinzu kommt, dass private Zeitungen und Rundfunksender sehr oft Mitgliedern der nigerianischen Oberschicht gehören, die eng mit der einen oder anderen politischen Partei verbunden sind. Viele Beiträge werden ganz direkt von Organisationen oder religiösen Gruppen bezahlt oder gar selbst produziert. Im tief religiösen Nigeria üben Pastoren und Imame auch direkt Druck auf die Medien aus. Themen, die die Religion, die Frauenrechte oder Homosexualität behandeln, sind in Nordnigeria ein Tabu. "Wenn man nicht vorsichtig ist, mobilisieren sie die Straße und machen richtig Ärger", berichtet Umar Saidu Tudunwada von "Freedom Radio", das seinen Hauptsitz im streng muslimischen Kano hat.

Der nigerianische Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka sitzt vor einem Bücherregal (Foto: imago/Gallo Images)

Wole Soyinka hält Buhari für das kleinere Übel

Die nigerianischen Schriftsteller, die seit einigen Jahren wieder international ins Bewusstsein gerückt sind, können freier agieren und tabuisierte Themen eher ansprechen. Sie schreiben meist in der Amtssprache Englisch und haben ihr Publikum vor allem in der Bildungselite. Der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka ist optimistisch. "Es gibt bei uns enorm viel schriftstellerisches Talent, vor allem bei unseren jungen Autorinnen." Dass Literatur zu einer positiven Entwicklung des Landes beitragen kann, da ist sich Soyinka sicher: "Literatur kann Bewusstsein schaffen. Mit den Mitteln der Literatur kann man auch einer Regierung bewusster machen, dass sie ihren Bürgern gegenüber verantwortlich ist und dass es ihre Aufgabe ist, die Spaltung zwischen Arm und Reich zu überwinden."

Zensurbehörde wacht über "Nollywood"

Sehr viel populärer als Bücher sind die im eigenen Land produzierten Videofilme. Nigerias Filmindustrie "Nollywood" gilt inzwischen nach den USA und Indien als produktivste weltweit. Die Popularität der Filme hat auch bei diesem Massenmedium das Kontrollbedürfnis des Staates geweckt. Das Aufsichtsgremium nennt sich sogar ganz offiziell "Zensurbehörde": National Film and Video Censors Board (NFVCB). In der Regel läuft die Arbeit der Zensoren unauffällig ab. Vor zwei Jahren gab es allerdings einen Aufschrei, als der Bürgerkriegsfilm "Half of a Yellow Sun", der die Abspaltung der Region Biafra thematisierte, nicht aufgeführt werden durfte. Nach vielen öffentlichen Diskussionen lief er dann doch, allerdings in geänderter Fassung.

Der Einfluss von Boko Haram

Der Direktor des Goethe-Instituts Lagos, Marc-André Schmachtel, sitzt an seinem Schreibtisch (Foto: Goethe-Institut)

Marc-André Schmachtel versucht Zensur zu umgehen

Das Goethe-Institut erfährt in seiner Arbeit in der Megacity Lagos keine direkten Einschränkungen. Trotzdem gebe es Themen, die eine besondere Sensibilität verlangten, betont Marc-André Schmachtel: "Mit Homosexualität zum Beispiel sind wir sehr vorsichtig." Veranstaltungen, die im relativ freizügigen Lagos ohne großes Aufsehen stattfinden können, würden in anderen Landesteilen wohl auf Widerstand stoßen, meint der Leiter des Goethe-Instituts.

"Manchmal müssen wir die Dinge etwas anders verpacken, um die Spielräume nutzen zu können", erklärt Schmachtel und spielt auf die Erfahrungen mit dem Verbindungsbüro im nordnigerianischen Kano an. Über Musik- und Videoprojekte konnte das Goethe-Institut dort zwischen 2008 und 2012 auch heikle Themen aufgreifen. Wegen der Terroranschläge von Boko Haram war die Entführungsgefahr für den deutschen Büroleiter dann allerdings zu groß. Der nordnigerianische Ableger musste nach kaum vier Jahren wieder schließen.

Immer noch wütet die radikalislamische Gruppe im Nordosten des Landes - verbrennt Bücher und Instrumente, zerstört Kulturstätten und alles, was in ihren Augen "heidnisch" ist. Auch Journalisten und Musiker sind Zielscheibe der Terroristen. Für Nordnigeria kommt es deshalb vor allem darauf an, ob der neue Präsident den Terror beenden kann, erst dann dürften sich dort wieder größere Freiräume für Kultur und Medien eröffnen.

Thomas Mösch leitet bei der Deutschen Welle das Programm in der Haussa-Sprache, die vor allem in Nordnigeria und Niger gesprochen wird. Gwendolin Hilse ist Mitarbeiterin dieser Redaktion. Die Zitate von Wole Soyinka stammen aus einem Interview von Sabine Peschel. Der Text entstand in Kooperation mit der Zeitschrift "Politik und Kultur" für das Projekt "Art of Freedom. Freedom of Art".

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