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Indien

Freier Fall für 50 Rupien: Die Klippenspringer von Bhedaghat

Sie springen ins Wasser, viele Meter tief. Aus Spaß. Aber auch für Geld. Mehrere Jungs in Indien haben eine gefährliche Möglichkeit gefunden, ein paar Rupien zu verdienen. Durch ein Video wird ihre Geschichte bekannt.

Video ansehen 01:14

Die Klippenspringer von Bhedaghat

Ajay steht am Abgrund. Fast senkrecht fallen die Klippen ab. Unten, sehr weit unten, fließt der Fluss Narmada. Dann breitet Ajay die Arme aus. Er nimmt zwei Schritte Anlauf – und springt.

Die Marmorklippen von Bhedaghat im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh sind eine Touristenattraktion, jeden Tag schippern Boote mit Gästen durch den Canyon und an den spektakulären Dhuandhar-Wasserfällen vorbei. Jeden Tag kommen auch Ajay und seine Freunde hierher. Wenn sie die Schiffe unten im Wasser sehen, rufen sie laut: "Wer will einen Sprung sehen? Kostet 50 Rupien."

50 Rupien, das sind umgerechnet 66 Cent. Allerdings: pro Boot, nicht pro Tourist. Fünf oder sechs Sprünge macht jeder der Jungs durchschnittlich pro Tag, erzählt Akhil. Das Geld für diesen Stunt schmeißt das Publikum einfach ins Wasser. Die Jungs springen von ihrer Klippe und sammeln die auf der Oberfläche treibenden Scheine ein, bevor sie wieder an Land schwimmen. Den Großteil des Geldes gibt Akhil seiner Mutter, nur ein bisschen behält er für sich. Er ist 16 Jahre alt, von der Schule abgegangen, ohne Abschluss. Sein Leben dreht sich um die Felsen, den Fluss und den freien Fall dazwischen.

Sieger beim Videoblog-Wettbewerb

Ajay, Akhil und die anderen springen alle schon seit mehreren Jahren von den Klippen. Und sie sind nicht die ersten. Vor ihnen haben das schon viele andere getan in Bhedaghat. Auch Filmemacher

Apurv Inamdar, Sieger des Videoblog-Wettbewerbs It happens only in India (A. Inamdar)

Apurv Inamdar: "Mein Team hat immer an mich geglaubt, auch wenn wir anfangs nicht wussten, ob das Projekt ein Erfolg wird - auch das war ein Vertrauensvorschuss"

Apurv Inamdar kann sich daran erinnern, es sind Bilder aus seiner Kindheit. Sein Onkel lebt in der Gegend, als Junge besuchte er ihn oft in den Ferien. Und sah dann immer wieder auch die tollkühnen Jugendlichen, die sich aus schwindelerregender Höhe in den Fluss stürzten. Heute arbeitet Inamdar als freier Autor und Regisseur – und hat in diesem Sommer einen Videoblog-Wettbewerb gewonnen, zu dem das große indische Webportal scroll aufgerufen hatte.

"It happens only in India" – "So etwas gibt es nur in Indien". Das war das Motto, zu dem die Teilnehmer fünfminütige Kurz-Dokumentationen einreichen sollten. Als er nach einem geeigneten Thema für seinen Wettbewerbsfilm suchte, da fielen Apurv Inamdar die Klippenspringer von Bhedaghat wieder ein. "Ihre Geschichte wollte ich erzählen. Ich wollte der Frage auf den Grund gehen, warum sie springen. Von Felsen, die ungefähr so hoch sind wie ein sechsstöckiges Haus." Inamdar reiste zu den Marmorklippen und sprach die Jugendlichen einfach an. Er wollte sie kennenlernen, ihr Vertrauen gewinnen. Auf die Frage, ob sie Lust hätten, in einem Dokumentarfilm mitzuwirken, sagten sie sofort ja. Dann führten sie den Regisseur von der Straße zu der Stelle, von der aus sie immer abspringen. 

Der Weg führt ungefähr einen Kilometer über Steine. "Es war April und brütend heiß. Aber die Jungs schien das gar nicht zu spüren", sagt Apurv Inamdar. "ich allerdings hatte schrecklichen Durst, als wir ankamen. Die Kinder sagen: 'Kein Problem, wir holen dir Wasser aus dem Fluss.' Ich habe erstmal einen Schreck bekommen, dachte: Oh nein, das Wasser ist nicht sauber. Ich darf doch jetzt vor dem Dreh auf keinen Fall krank werden."

Junge ab Absprungort auf den Klippen von Bhedaghat (A. Inamdar)

Von diesen Klippen springen die Jugendlichen mehrere Meter in die Tiefe

Eine Sache des Vertrauens

Er steckte in einem Dilemma. Eigentlich wollte er das Wasser auf keinen Fall trinken, andererseits aber die Kinder auch nicht vor den Kopf stoßen. "Sie versuchten mich zu beruhigen, sagten, es würde nichts geschehen, das Wasser sei in Ordnung. Die Menschen dort betrachten ihren Fluss als Göttin. Ich dachte: Wenn ich ihnen jetzt kein Vertrauen entgegenbringe, wie kann ich dann erwarten, dass sie sich mir gegenüber öffnen? Also habe ich das Wasser getrunken. Und tatsächlich passierte gar nichts."

Es ging um einen Vertrauensvorschuss, erklärt Inamdar. Ein Begriff, der sich insgesamt  wie ein roter Faden durch das Film-Projekt zog und dem Clip letztendlich auch seinen Namen gab: "Leap of Faith", so heißt der Film. Übersetzt: Vertrauensvorschuss. Denn Vertrauen spiele im Zusammenhang mit den Klippen und dem Dhuandhar-Wasserfall aus ganz verschiedenen Motiven immer wieder eine zentrale Rolle, erklärt Inamdar. "Die Jugendlichen vertrauen vor jedem Sprung darauf, dass sie heil unten ankommen und dort den Lohn für ihre Aktion einsammeln können." Verletzungen allerdings sind keine Seltenheit. Unter der Wasseroberfläche lauern unsichtbare Gefahren, Felsen, an denen sich die Kinder schon verletzt haben.

Neben den Springern und den Touristen, die das Spektakel sehen wollen, gibt es aber noch eine weitere Gruppe von Menschen, die es zu den Klippen zieht. Das erfuhr Apurv Inamdar während der gerade einmal sechs Stunden dauernden Dreharbeiten. "Diese Leute kommen aus einem anderen, ernsten Grund. Es sind Menschen, die sich dort das Leben nehmen wollen. Und darauf vertrauen, dass ihr Sprung in den Tod führt."

Lebensretter, wenn es drauf ankommt

Immer wieder, so berichten die Jungs im Film, kommt so etwas vor. Es verstört sie. Und es macht sie nicht nur traurig, sondern auch ein bisschen wütend. Sie fürchten, dass das dem Ort als Touristenziel schaden könnte. "Warum fahren die Leute nach Bhedaghat, um sich umzubringen? Das zerstört den ganzen Ruf, viele sprechen schon von einem Selbstmord-Spot."

Touristenboot im Canyon im indischen Bhedaghat (A. Inamdar)

Die Marmorklippen locken jeden Tag Touristen an - und die waghalsigen Jungs sind eine zusätzliche Attraktion

Manchmal allerdings scheitert so ein selbstmörderischer Plan. Dann nämlich, wenn die Jugendlichen rechtzeitig etwas davon mitbekommen. Wenn sie beispielsweise sehen, wie jemand zum Abgrund geht. "Sie versuchen dann, ihnen ihr Vorhaben auszureden. Oder sie springen einfach hinterher, ziehen ihn wieder an Land und übergeben ihn der Polizei", erzählt Apurv Inamdar. Die Tatsache, dass diese Kinder, die manch einem vielleicht als ungebildete Nichtsnutze gelten und oft keinerlei Ausbildung haben, gleichzeitig Lebensretter sind, fasziniert ihn.

Einmal Bhedaghat, immer Bhedaghat?

Ob er sich selbst auch trauen würde, die Klippen herunterzuspringen? "Niemals", sagt Apurv Inamdar wie aus der Pistole geschossen. Aber er wollte herausfinden, aus welcher Motivation heraus die Jungs es tun. Dass es nur wirtschaftliche Not ist, den Eindruck hatte er nicht. "Es macht ihnen auch Spaß, das merkt man. Aber ist das Klippenspringen wirklich alles, worauf sie hinleben? Geht es nur darum, immer höhere und spektakulärere Stellen auf den Klippen zu suchen und  dann von dort zu springen? Oder träumen die Jugendlichen insgeheim von einem anderen Leben?" Deshalb wollte er von ihnen wissen, was sie später einmal werden wollten.

Luftaufnahme der Marmorfelsen von Bhedaghat und vom Wasserfall Dhuandhar (A. Inamdar)

Die Klippen und der Wasserfall Dhuandhar sind ein beliebtes Touristenziel: Der Wasserfall ist den Jungs zu gefährlich, nur ein einziger Mann springt von dort ins Wasser, erzählen sie

Der 16jährige Akhil überraschte den Regisseur mit seiner Antwort. Die Frage hätte seine Lehrerin ihm und seinen Mitschülern in der 7. Klasse auch einmal gestellt. Viele seiner Klassenkameraden hätten geantwortet, sie wollten zur Polizei, zum Militär, Anwalt oder Arzt werden. Er selbst hält das alles für illusorisch. "Sie werden nichts davon werden. Das hier ist Bhedaghat, hier steckt man fest, egal wie sehr man sich anstrengt. Ich gehe nirgendwo anders hin, ich bleibe genau hier." Eines Tages möchte er ein Hotel am Wasserfall eröffnen.

"Keine Träume über den Tellerrand hinaus"

Mit so einer Antwort habe er nicht gerechnet, sagt Apurv Inamdar. "Er hatte diesen praktischen, aber auch nihilistischen und skeptischen Blick auf das Leben. Er hat das nicht traurig gesagt, es war eher eine Feststellung. Akhil akzeptiert sein Leben einfach so, wie es ist. Er schien auch nicht desillusioniert zu sein, einfach nur sehr reif. Vielleicht zu reif für sein Alter."

Akhils Mutter möchte, dass ihr Sohn einmal Bootsführer für die Touristen wird, so wie viele andere ehemalige Klippenspringer vor ihm. Sobald er alt genug ist, will sie ihn bei der Gemeinde als Bootsmann anmelden. So lange aber springt Akhil weiter von den Klippen. Mit Anlauf. Und mit Vertrauen.

 

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