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Nach Mord an Studentin in Freiburg

Freiburg: Schock in der heilen Welt

Sie engagierte sich in der Flüchtlingshilfe und wurde mutmaßlich von einem Flüchtling getötet. Der Mord an einer Studentin in Freiburg verunsichert die Stadt, in der Willkommenskultur sehr bewusst gelebt wird.

Gemalter Kapuzenmann lauert in Problemzone in Freiburg Stühlinger Kirchplatz (picture-alliance/dpa/R. Haid)

Bedrohliches Graffiti im Hausdurchgang - Hier am Stühlinger Kirchplatz fühlen sich viele unsicher

"Münster, Bächle, Köstlichkeiten und Wein gepaart mit Nachhaltigkeit - das alles ist Freiburg und noch viel mehr." So wirbt Freiburg im Breisgau im Internet um Touristen. Mit ihrer malerischen Altstadt hat die 225.000-Einwohner-Stadt etwas von einer heilen Welt. Sie liegt im wohlhabenden Südwesten Deutschlands inmitten von Weinbergen am Rande des Schwarzwalds und gilt als liberal und tolerant, jung und weltoffen. Rund 40.000 Studenten leben hier, die Universität ist Hauptarbeitgeber der Stadt. Freiburg hat eine lange Geschichte des Bürgerengagements. In den 1970er Jahren entwickelte sich hier eines der Zentren der Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegung. Seit 2002 hat Freiburg einen grünen Oberbürgermeister, als erste deutsche Großstadt überhaupt. Freiburg, das ist eine Stadt mit lebendiger Alternativkultur und aktiver Zivilgesellschaft - ob im Umweltschutz oder in der Flüchtlingshilfe.

Angst sickert in die Stadt

Die Freiburger Idylle wird nun erschüttert. Mitte Oktober war die 19 Jahre alte Studentin Maria L. vergewaltigt worden, ihre Leiche wurde im Fluss Dreisam gefunden. Die Medizinstudentin war mit dem Fahrrad auf dem Heimweg von einer Party gewesen, als sie Opfer des Verbrechens wurde. Am Wochenende wurde schließlich ein Tatverdächtiger festgenommen. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt sich um einen 17-jährigen unbegleiteten Flüchtling, der 2015 aus Afghanistan eingereist ist.

Die Stadt steht unter Schock. Maria L. war selbst in der Flüchtlingshilfe aktiv und wird nun mutmaßlich Opfer eines Täters, der Flüchtling ist. "Die Reaktionen schwanken, vor allem im Netz", sagt Uwe Mauch, Journalist bei der "Badischen Zeitung", im Gespräch mit der DW. "Da sind die einen, die sagen, das haben wir doch schon immer gewusst. Und die anderen, die sagen, dass das ein Einzelfall ist und pauschale Verurteilungen fehl am Platze sind." Insgesamt werde der Ton jedoch "rauer und ekliger".

Gegen Schwarz-Weiß-Perspektiven

Das bekam etwa eine Freiburger Studenteninitiative für Flüchtlinge zu spüren. Die Familie der getöteten Maria L. hatte in der Todesanzeige um Spenden für das Hilfsprojekt gebeten. Die Initiative wurde daraufhin von einem Shitstorm überzogen. Der Freiburger Bürgermeister Dieter Salomon versuchte, die Debatte zu versachlichen: "Dass der Täter voraussichtlich ein junger Mann aus Afghanistan ist, ist natürlich Wasser auf die Mühlen derjenigen, die immer schon wussten, dass Flüchtlinge böse Menschen sind. Aber ich bitte einfach darum zu differenzieren und ich glaube, dass die Freiburger dieses auch tun und wissen, da hat einer eine furchtbare Straftat begangen, aber das heißt nicht, dass alle anderen das auch tun."

Die Mehrheit der Freiburger steht in diesem Punkt offenbar hinter ihrem Bürgermeister. Viele wehren sich gegen pauschale Schlussfolgerungen. Als am Sonntagabend etwa 30 Personen dem Aufruf des AfD-Kreisverbandes zu einer Demonstration gegen die "Merkelsche Politik" folgten, stellten sich rund 300 Gegendemonstranten den AfD-Mitgliedern entgegen. Die AfD hatte zuvor in einer Pressemitteilung geschrieben, Maria L. sei Opfer der Willkommenskultur von Angela Merkel.

Insgesamt sei die Willkommenskultur in Freiburg sehr ausgeprägt, sagt Uwe Maucher. "In Freiburg hat sich seit Beginn der Flüchtlingskrise eine unglaublich breite Unterstützung gebildet", sagt Mauch. "Es gibt viele Initiativen, gerade auf Facebook, die ganz schnell und unkompliziert helfen. Das geht von Deutschkursen bis hin zu Freizeitaktivitäten. Das war von Anfang an so und ist auch immer noch so."

Trotz allem: Stimmung stabil 

Der Mord an Maria L. ist nicht der einzige, der die Stadt verunsichert. Wenige Wochen nach der Tat verschwand eine 27-jährige Joggerin in der Kleinstadt Endingen, ganz in der Nähe von Freiburg. Vier Tage später wurde ihre Leiche gefunden. Sie war Opfer eines Sexualverbrechens geworden. Der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt. Nichts deutet darauf hin, dass es Verbindungen zum Fall Maria L. gibt. Besonders Frauen fühlen sich jetzt bedroht. Viele trauen sich nach Angaben Mauchers nicht mehr zu joggen oder bilden Fahrgemeinschaften nach dem Kinobesuch.

Berittene Polizisten patroullieren an sozialen Brennpunkten in Freiburg (picture-alliance/dpa/W. Rothermel)

Sicherheit vermitteln - In Freiburg sind jetzt mehr berittene Polizisten unterwegs

"Dieses Unsicherheitsgefühl hat sich schon seit längerem aufgebaut", betont der Lokaljournalist. Am Stühlinger Kirchplatz westlich der Innenstadt etwa verkauften Dealer aus Gambia Drogen. "Das hat die Polizei auch im Blick, kriegt es aber nicht in den Griff. Das wird so zum No-Go-Area, da trauen sich viele nicht mehr lang." Zudem gebe es einen Anstieg an Taschendiebstählen. "Da muss man leider sagen, dass zum überwiegenden Teil Asylbewerber die mutmaßlichen Täter sind. Und darauf kamen jetzt diese Morde. Das verändert schon die Stimmung in der Stadt."

Die übergroße Mehrheit der Menschen, die in den vergangenen Monaten als Flüchtlinge nach Freiburg kamen, machen jedoch keine Probleme. Die meisten Flüchtlinge sind selbst schockiert von dem Mord an Maria L. und verurteilen Kriminalität. Droht die Stimmung wegen der Tat eines Einzelnen in Freiburg zu kippen? "Freiburg ist eine liberal-offene Stadt, das kippt nicht so schnell", sagt Mauch und fügt hinzu: "Wenn man allerdings das Internet als Gradmesser nimmt, würde ich die Hand dafür nicht ins Feuer legen."

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