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Kultur

Fred Breinersdorfer: "Georg Elser war ein freier Geist"

Er hätte die Weltgeschichte verändert. Georg Elser baute eine Bombe und wollte Adolf Hitler töten. Doch wer war dieser Georg Elser? Ein bewundernswerter Charakter, meint Drehbuchautor Fred Breinersdorfer im DW-Gespräch.

Es war der 8. November 1939, Adolf Hitler und große Teile seiner Führung waren im Münchner Bürgerbräukeller zusammengekommen. Unter dem Rednerpult Hitlers tickte eine Bombe. Die ging auch los, tötete acht Menschen. Doch der "Führer" hatte die Gaststätte Minuten zuvor verlassen. Damit war das Attentat gescheitert.

Gebaut hatte die Bombe Georg Elser, ein Einzelgänger aus der württembergischen Provinz. Die Geschichte des Hitler-Attentäters ist bereits einmal verfilmt worden, 1989 von und mit Klaus Maria Brandauer. Jetzt kommt die Version von Regisseur Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") in die Kinos. Der Film feierte bei der Berlinale im Februar Welturaufführung und startet nach einigen Previews (am 30.3.) am 9. April in den Kinos. Wir sprachen mit Drehbuchautor und Produzent Fred Breinersdorfer.

Deutsche Welle: Es gab ja schon vor 25 Jahren die Brandauer-Verfilmung, warum nun noch einmal ein Spielfilm über Georg Elser?

Fred Breinersdorfer: Weil es wie bei jedem Film Aspekte gibt, die nicht erzählt werden. Brandauer hat einen Film darüber gemacht, wie Elser die Bombe gebaut hat. Wir haben einen Film gemacht darüber, warum Elser die Bombe gebaut hat. Das ist natürlich vom filmischen Standpunkt heraus eine tolle Herausforderung: eine historische Figur so zu erklären, dass sie zumindest im Umriss verständlich wird.

Filmstill Elser Er hätte die Welt verändert von Regisseur Oliver Hirschbiegel (Foto: Lucky Bird Pictures, Bernd Schuller)

Georg Elser (Christian Friedel) beim Tanztreff in seiner württembergischen Provinzheimat

Ihr Film ist ja auch ein psychologisches Porträt Elsers. Warum hat er also die Bombe gebaut?

Elser hat eines ausgezeichnet. Er hat einen ganz nüchternen Blick, einen klaren Verstand gehabt. Er hat einfach das zusammengezählt und zu einem Bild zusammengesetzt, was jeder sehen konnte. Ich als Mitglied der unmittelbaren Nachkriegsgeneration habe mir immer die Frage gestellt: Was hat dieser Mann gesehen, was meine Eltern nicht gesehen haben oder nicht sehen wollten?

Da gibt es viele Beispiele: Die Nazis haben die Verfolgung der Juden, den Antisemitismus, ja nicht verheimlicht. In der Reichspogrom-Nacht und in den Tagen davor und danach ist ein wahnsinniges Presseszenario und eine Propaganda aufgebaut worden, in der die Juden diffamiert worden sind. Das war ganz klar ersichtlich, was da passiert. Die Nazis haben auch geprotzt mit ihren Rüstungsanstrengungen. Das ist nicht im Geheimen passiert. Nur technisch gesehen - aber dass man aufgerüstet hat, auf Teufel komm raus, das war klar. Die Nazis sind auch nicht bei Nacht und Nebel unter Geheimhaltung in die Tschechoslowakei eingerückt. Es war auch nicht geheim, dass sie das erste Flächen-Bombardement ziviler Ziele, in Guernica, gemacht haben. Alles geschah mit einem riesigen Propaganda-Zirkus.

Fred Breinersdorfer (Drehbuchautor) (Foto: DW)

Fred Breinersdorfer

Wenn man das mal nebeneinanderstellt und überlegt, dass 1938/39 der 1. Weltkrieg gerade einmal 20 Jahre vergangenen war, der traumatische Erfahrungen, was Tote und Blut angeht, bei den Menschen erzeugt hat, wenn man das zusammenstellt, dann ist der Schluss geradezu zwangsläufig, dass das wieder passieren musste - wenn gerüstet wird, wenn Minderheiten diskriminiert und verfolgt werden, wenn Militarismus an allen Ecken und Enden aufblüht. Dieser klare Blick Elsers, der ist schon bewundernswert. Wenn man das so schrittweise sieht und zeigen kann, wie das im Dorf abgelaufen ist, dann ist das eine ganz spannende Filmgeschichte.

Was für ein Weltbild prägte Georg Elser?

Elser war nach Lage der Fakten auf der einen Seite Protestant und auf der anderen Seite Kommunist. Aber er war sehr kirchenkritisch und er war auch nicht in der Partei. Er war ein freier Geist. Aber er war auch ein hochmoralischer Mensch. Umso interessanter ist dann auch der Konflikt, den er durchzustehen hatte. Er musste natürlich wissen, wenn er eine Bombe legt in einem solch engen Raum, dass er unter Umständen hunderte Todesopfer in Kauf nimmt. Das war ein schwerer Gewissenskonflikt. Das machte es von der filmischen Seite ganz besonders reizvoll.

Nun ist "Elser" ein historischer Film. Man sieht ihn aber auch mit den Augen des heutigen Zuschauers. Was kann Georg Elser uns heute sagen?

Man muss einfach die Augen aufhalten! Man muss eine kritische Distanz haben zu dem, was passiert. Wir leben zwar heute nicht in einer Propagandawelt, aber in einer Medienwelt mit einer ungeheuren Überflutung an Informationen. Es ist wichtig, dass sich jeder sein eigenes individuelles, kritisches Bild von der Realität macht. Dafür kann Georg Elser ein Vorbild sein. Er kann auch ein Vorbild sein, weil er in hohem Masse Zivilcourage gezeigt hat. Wobei ich nicht davon ausgehe, dass jeder Zehnte mit einem Bombenaschlag daherkommen soll. Dafür sind bei uns die Zeiten nicht gegeben.

Filmstill Elser Er hätte die Welt verändert von Regisseur Oliver Hirschbiegel (Foto: Lucky Bird Pictures, Bernd Schuller)

Ein Einzelgänger mit klaren Vorstellungen: Christian Friedel (l.) als Georg Elser

Aber ein couragierter Mensch wird sich unter bestimmten Umständen dann auch irgendwann in einen Widerstand begeben. Wir haben natürlich auch heute Gründe widerständig zu sein. Das kann gegen Zivilprojekte sein wie "Stuttgart 21". Das kann auch gegen ideologisch Verblendete sein wie bei "Pegida".

Da ist noch mehr Spielraum drin in unserer Zivilgesellschaft - wenn ich das so sagen darf.

Der Widerstand gegen die Nationalsozialisten, man denke an die "Weiße Rose" und Sophie Scholl und an den Kreis um Stauffenberg, war immer viel bekannter. Georg Elser hingegen war auch lange nach dem 2. Weltkrieg weniger bekannt. Woran liegt das?

Er war nicht nur weniger bekannt, er war sogar verfemt. Das liegt daran, weil er eben keine Lobby hatte. Weil er ein Einzeltäter war. Der Kreis um Stauffenberg entstammte einem großbürgerlichen, aristokratischen Kreis, der nach dem Krieg natürlich an der Rehabilitation der verfemten Attentäter gearbeitet hat.

Bei der "Weißen Rose" war es ein bürgerlich-intellektueller Kreis. Auch das war kein Einzeltäter, es war eine Gruppe. Man hat sich zusammengeschlossen und daran gearbeitet, dass ein anderer Blick auf den Widerstand geworfen wurde.

Elser war Kommunist, er war weder unter der amerikanischen Besatzung noch in der Bundesrepublik vermittelbar.

Filmstill Elser Er hätte die Welt verändert von Regisseur Oliver Hirschbiegel (Foto: Lucky Bird Pictures, Bernd Schuller)

Die Nazis verhören und foltern Georg Elser

Man muss auch folgendes sehen: Elser ist der radikalste von den Widerständlern gewesen. Er war der einzige, der die Weltgeschichte hätte fundamental verändern können. Die "Weiße Rose": Das war einfach illusionär zu glauben, dass man gewaltlos mit Flugblättern auch nur im Ansatz gegen diese irrsinnige Mordmaschine hätte etwas erreichen könne, außer vielleicht ein paar Leute zum Nachdenken anregen. Aber es hätte nichts am System geändert.

Der 20. Juli kam schon so spät, dass eine fundamentale Veränderung des Ablaufs des 2. Weltkriegs gar nicht mehr möglich war. Es war geplant, ein Separat-Frieden mit dem Westen zu schließen, um dann den endgültigen Krieg mit der Sowjetunion durchzuführen. Auch das hätte natürlich die Weltgeschichte verändert, aber nicht in dieser Radikalität, als wenn Hitler und die ganze Bagage, die um ihn herum saß im Bürgerbräukeller, von einen auf die andere Minute ausgelöscht worden wäre.

Das Interview führte Jochen Kürten.

Fred Breinersdorfer ist Drehbuchautor und Filmproduzent. Sein bisher größter Erfolg war die Oscar-Nominierung des von ihm mit produzierten und geschriebenen Films "Sophie Scholl – Die letzten Tage". Das Drehbuch für den Film "Elser – Er hätte die Welt verändert" schrieb er zusammen mit seiner Tochter.

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