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Musik

Frauenpower im Rap

Im Hip-Hop haben Frauen nie eine große Rolle gespielt. Auf der Bühne dominieren Männer mit antiquiertem Frauenbild und Machoallüren. Doch es gibt Künstlerinnen, die sich in diesem Umfeld selbstbewusst behaupten.

Sookees Lieblingsfarbe ist lila – eine Farbe, die oft mit der Frauenbewegung assoziiert wird. So heißt auch ihr aktuelles Album "Lila Samt". Da singt sie unter anderem: "Ich weiß ja, ihr findet mich komisch/ Eine Zecke am Mikro erhält bestimmt euer Lob nicht/ Ihr versteht leider gar nicht wie diese Sookee am Start ist/ Wahnsinn, ich helf euch auf die Sprünge zentral wie ein Arschtritt."

Sookee alias Nora Hantzsch lässt sich nichts gefallen. Die Berlinerin hat schon 2003 ihre ersten Rap-Texte geschrieben, 2006 startete sie ihre Solokarriere. Und das in einem Genre, in dem Schwulenhass und frauenfeindliche Parolen immer noch an der Tagesordnung sind. Die Texte von Rappern wie Bushido, Sido oder dem als "Pornorapper" bekannten King Orgasmus One kamen lange nicht ohne sexistische Beschreibungen aus. Da heißt es dann zum Beispiel: "Halt dein Maul, Frau, du gehst mir aufn Sack/ Mach mir was zu essen und danach gehst du putzen, / so wie sich das gehört."

Solchen testerongesteuerten Sprüchen stellen sich Rapperinnen bewusst entgegen. Sokee zum Beispiel veröffentlichte 2010 ihren plakativen Titel "Pro Homo". In Talk-Shows ist die engagierte Kämpferin gegen Sexismus und Homophobie längst ein gern gesehener Gast, teilte sich das Podium auch schon mal mit Alice Schwarzer.

Hip-Hop mit Botschaft

Sängerin Sookee Foto: Florian Schuh/dpa

Sookee nimmt kein Blatt vor den Mund

Sokee ist nicht die einzige, die sich erfolgreich in der Männerdomäne Rap behauptet. Cora E. aus Heidelberg gewann schon mit 14 ihren ersten Breakdance-Wettbewerb. Die gelernte Krankenschwester stand 1988 erstmals auf der Bühne und brachte 1993 ihr Debüt "Könnt Ihr mich hör'n" raus. Vier Jahre später wurde man auch außerhalb der Szene auf sie aufmerksam. Ihr Song "Schlüsselkind" thematisierte ein oft totgeschwiegenes Problem der Gesellschaft: "...war erst zwölf, als ich das erste Bier probierte und auch die beste Mutter merkt nicht, dass ihr Kind nach Alkohol stinkt - wenn sie selber trinkt", rappte Cora. Mittlerweile hat sie sich von der Bühne zurückgezogen, gibt aber Rap-Workshops für Kinder und Jugendliche.

Erfolgsverwöhnte Schwester S.

Eine andere Vorreiterin in Sachen Hip-Hop ist Sabrina Setlur. 1995 ging sie mit Thomas Haas und Moses Pelham im "Rödelheim Hartreim Projekt" als Schwester S. an den Start, doch schnell emanzipierte sie sich von den Jungs. Die Tochter indischer Einwanderer wuchs behütet in bürgerlichen Verhältnissen auf und beweist eindrucksvoll, dass man auch ohne eine verkorkste Kindheit im Ghetto erfolgreich rappen kann. Gossenlyrik klingt anders, aber mit ihren Texten über Liebe, Wut und Loyalität trifft Setlur den Nerv ihres Publikums.

Sabrina Setlur / Photo by Malte Christians/Getty Images

Sabrina heizt ihren Fans ein

Sie versteht sich prächtig auf die Disziplin namens "Dissen"; in der Rap-Sprache bedeutet das so viel wie: klarstellen, dass man selbst der beste Rapper der Welt ist (in diesem Fall: die beste Rapperin) und alle anderen mickrig findet. Derartiges Geprahle aus weiblichem Mund machte Sabrina zum Star. Mit über zwei Millionen verkaufte Alben und zwei Echos als "Beste Nationale Künstlerin" ist sie die erfolgreichste Rapperin im Land.

Rappen auf Türkisch

Ungefähr zeitgleich mit Sabrina trat in Berlin eine andere "mächtige Schwester" ins Rampenlicht. Zum Mix aus fetten Beats und orientalischen Klängen feuerte die Türkin Aziza ihre Wortattacken ab. Mal türkisch, mal deutsch, mal beides. "Aziza-A tut das, was sie für richtig hält, auch wenn sie aus den Augen der ganzen Sippe fällt und niemand sie zu den gehorsamen Frauen zählt!" dröhnte es unmissverständlich aus den Boxen. "Es ist Zeit, steht auf! Angesicht zu Angesicht, erkennt: Wir haben das Gewicht!"

Mit sarkastischen Wortspielen prangerte Aziza die Lebenssituation türkischer Jugendlicher an und wendete sich gegen gängige Klischees über türkische Frauen. Kaum verwunderlich, dass ein türkischer Club mal einen Gig von ihr absagte, nachdem man das Textheft gesichtet hatte. "Okay, das ist Bestätigung Nummer eins!", kommentierte sie damals.

Nachwuchs am Start

Tic Tac Toe Foto: Horst Galuschka

Da waren sie noch ein Herz und eine Seele: Tic Tac Toe

Mitte der 1990er traten drei Mädels auf, die Macker-Typen "so richtig Scheiße" fanden. Die Band TicTacToe machte innerhalb kürzester Zeit aus "Scheiße" nicht nur Gold, sondern Platin. Scharenweise strömten junge Mädchen in ihre Konzerte. Dann begann der Zickenkrieg, und die Band zerbrach.

Doch der Nachwuchs stand längst in den Startlöchern. Die Münchnerin Fiva zum Beispiel, die schon das Publikum bei Rock am Ring zum Kochen brachte oder die Rostockerin Pyranja, die sich rappend für den Eurovision Song Contest bewarb. Relativ neu im Geschäft ist die in Berlin lebende Bulgarin Denitza Todorowa alias DENA, die schon 2013 bei South By Southwest" in Texas auftrat, dem weltweit größten Festival für Pop-Neuentdeckungen. Für Furore hatte sie ein Jahr zuvor mit ihrem Youtube-Video "Cash, Diamond Rings, Swimming Pools" gesorgt. Auf ihrem jetzt erschienen Debüt-Album "Flash" dominieren R&B und Hip-Hop-Beats - und englische Texte mit unverkennbarem Akzent. Politische Provokation sucht man bei ihr vergebens, ihr geht es eher um Alltagsgeschichten.

Femcees von Paris bis New York

Im Nachbarland Frankreich mit seinen heruntergekommen Vorstädten ist Hip-Hop noch das, was er in den USA mal war: der Aufschrei einer ganzen Generation benachteiligter Jugendlicher aus dem Ghetto. Zumindest im Fall der Rebellin Diam's, die mit intelligenten Texten und beeindruckender Stimme regelmäßig die Charts stürmt.

Nicki Minaj Photo by John Shearer/Invision/AP

Nicki Minaj weiß sich in Szene zu setzen: optisch und verbal

Und auch jenseits des großen Teichs stehen in New York "Femcees", die weiblichen Pendants des Masters of Ceremony, ihre Frau: Künstlerinnen wie Angel Haze oder Azealia Banks sind aus der Szene nicht mehr wegzudenken. Die 22-jährige New Yorkerin Angel rappt über Themen wie Kindesmissbrauch oder was es heißt, ein Außenseiter zu sein. Und Azealia legt sich auf Twitter mit Stars wie Lady Gaga oder Miley Cyrus an und bekent sich offen zu ihrer Bisexualität. Nicht zu vergessen Nicki Minaj, die mit diversen ausgelebten Alter Egos und Ghetto-Chic ihr Publikum zum Kreischen bringt.

Minaj hat seit ihrem Durchbruch vor fünf Jahren Millionen von Alben verkauft und steht mit einem geschätzten Jahresverdienst von 15 Millionen Dollar ganz oben in der Liste der reichsten US-Entertainer. Wobei sie wie viele weibliche Talente von heute gern Hip-Hop und Pop zusammenmixt. Nur reinreden lässt sie sich in ihre Kunst von niemandem gern. Ungezähmt weiblich eben.