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Alltagsdeutsch – Podcast

Frauenfußball in Deutschland

Fußballspielende Frauen sind nichts Ungewöhnliches mehr. Bis dahin war es ein weiter Weg – auch in Deutschland. Fußballerinnen waren anfangs Anfeindungen, körperlichen Angriffen, Spott und Spielverboten ausgesetzt.

Sprecher:
Mädchen- und Frauenfußball ist in Deutschland inzwischen weitgehend anerkannt. Die Frauennationalmannschaft ist mehrfacher Welt- und Europameister. Der Nachwuchs, die U-20-Mannschaft, gewann 2010 die Weltmeisterschaft in Deutschland. Doch dieses Ansehen hatte der Frauenfußball hierzulande nicht immer. Noch um 1900 standen Frauen im Kreis und spielten sich den Ball zu. Und während der Frauenfußball in anderen europäischen Ländern bereits ab den 1920er Jahren großer Beliebtheit erfreute, gab es in Deutschland keine Möglichkeit, auf Vereinsebene zu spielen. Das änderte sich 1930, erzählt der Journalist Eduard Hoffman, der ein Buch über die Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland geschrieben hat:

Eduard Hoffmann:
„Nachweislich der erste Damenfußballklub entstand in Frankfurt. Die Metzgerstochter Lotte Specht gründet ihn 1930, gab ’ne Annonce in den ‚Frankfurter Nachrichten’ auf, und so um die 40 junge Frauen meldeten sich. Aber mangels Masse – es gab keine anderen Klubs, keine anderen Frauen, die Fußball spielten – wurde nach einem Jahr dieser Klub wieder eingestellt. Zu kam, dass gehetzt wurde, dass die Presse die Damen durch den Kakao gezogen hat, von Mannweibern sprach. Lotte Specht hat uns seinerzeit auch gesagt, dass sie mit Steinen beworfen worden sind.“

Sprecher:
Charlotte Specht war damals der Meinung, dass nicht nur Männer Fußball spielen können. In ihrer Heimatstadt Frankfurt am Main gründete sie deshalb im Jahr 1930 den „1. Deutschen Damenfußballclub“, den 1. DDFC. Bereits ein Jahr später musste er wieder aufgelöst werden. Er stellte seine Arbeit ein. Ein Grund war, dass keine Wettbewerbe ausgetragen werden konnten, denn es fehlten gegnerische Frauenmannschaften. Ein weiterer Grund waren die öffentlichen Reaktionen. Die Spielerinnen wurden beleidigt. Es wurde gegen sie gehetzt. Manche wurden sogar körperlich angegriffen. Und in den Zeitungen machte man sich über die Spielerinnen lustig. Man bezeichnete sie als Mannweiber, ein auch heute noch abwertend gemeinter Begriff für Frauen, die wie Männer wirken. Und man zog sie durch den Kakao. Die Redewendung verwendet das Wort „Kakao“ als Verharmlosung für das ähnlich lautende, aber tabuisierte Wort für Kot: „Kacke“. Nach dem Zweiten Weltkrieg und nachdem das deutsche Männerteam 1954 die Weltmeisterschaft gewann, kam in Deutschland die Diskussion um den Frauenfußball erneut auf. 1955 beschloss der Dachverband des deutschen Fußballs, der Deutsche Fußball-Bund DFB, den Frauen das Fußballspielen offiziell zu untersagen. Den Vereinen wurde verboten, eigene Abteilungen zu schaffen oder ihre Fußballplätze fürs Training zur Verfügung zu stellen. Hubert Claessen, der damals Mitglied im DFB-Vorstand war, nannte vor einigen Jahren den Grund:

Hubert Claessen:
„Das war ja für die schon ’ne schwere Sünde, nicht wahr, dass die Mädchen da mit ’nem wackeligen Busen übers Feld liefen und dann auch noch gegen ’n Ball traten. Man wollte einfach noch keine Damenabteilungen und keine Damenwettbewerbe, weil man sagte, das ist kein Sport, der sich für Frauen eignet, weil eine Frau weder physisch noch psychisch für einen solchen Kampfsport geeignet ist.“

Sprecher:
Die aus Männern bestehende DFB-Führung hatte ein sehr konservatives Frauenbild. Für sie war es ein Verstoß gegen gesellschaftliche Normen und Moral, eine schwere Sünde, wenn Frauen mit sich bewegenden, wackeligen, Brüsten über den Fußballplatz rennen. Sie seien körperlich und geistig, physisch und psychisch,nicht geeignet, weil Frauenfußball ein Kampfsport sei, und Kampf liege nicht im Wesen einer Frau. Doch spätestens seit 1957, als der Deutsche Bundestag die gesetzliche Gleichberechtigung von Mann und Frau beschloss, wollten sich die Frauen das Fußballspielen nicht mehr verbieten lassen, wie Eduard Hoffmann berichtet:

Eduard Hoffmann:
„Frauenfußball war relativ verbreitet, vor allen Dingen im Ruhrgebiet, und da kamen auch zwischen tausend, fünftausend, zehntausend Zuschauer. Es gab Länderspiele. Abseits des DFB formierten sich Nationalteams der Frauen. Das erste Länderspiel fand 1956 in Essen statt. Vor 18.000 Zuschauern spielte man gegen eine Auswahl aus Holland, gewann 2:1.“

Sprecher:
In den Städten des Ruhrgebiets im Westen Deutschlands, das durch Kohlebergbau und andere Industrie geprägt war, gab und gibt es sehr viele Fußballbegeisterte. Ungeachtet, abseits, des Verbots durch den DFB von 1955 bildeten sich vor allem dort Frauenmannschaften. Auch ein Sieg einer Auswahlmannschaft der Damen bei einem ersten inoffiziellen Länderspiel beeindruckte den Fußballverband nicht. Darüber hinaus waren die Spielerinnen weiter Anfeindungen ausgesetzt, wie sich einige erinnern.

Fußballspielerinnen:
„Da kamen Kommentare, also, da möchte ich heute gar nicht mehr dran denken: ‚Die blöden Weiber, die sollen lieber am Kochpott bleiben.’ Und dann sagte der Nächste: ‚Guck’ mal, das sind doch alles Mannsweiber.’ / Alles war ja neugierig, Damenfußball und so. Ja, und da musste man schon mal sich die Backe abputzen, wurd’ man angespuckt. Waren immer so ’n paar Quertreiber. / Mein erstes Spiel, das war natürlich ’n großes Gelächter, ja. Also, das hab’ ich jetzt noch in den Ohren, als wir aufliefen, wie dort gelacht wurde: ‚Guckt sie dir mal an, wie se aussehen und dann auch von der Figur her.’ Es war grausam.“

Sprecher:
Die Spielerinnen mussten sich von Quertreibern, von Menschen, die an allem etwas auszusetzen haben, schlimme Kommentare gefallen lassen. Wenn sie aufs Spielfeld liefen, aufliefen, bekamen sie zu hören, sie sollten lieber am Herd stehen und kochen. Sie sollten am Kochtopf oder Kochpott bleiben. Auch wurden sie beschimpft, angespuckt und wegen ihres Aussehens ausgelacht. Erst im Oktober 1970 hob der DFB das Frauenfußball-Verbot auf – wenn auch nur gezwungenermaßen wie Hubert Claessen sagte:

Hubert Claessen:
„Da hat man natürlich überlegt, wir müssen die Dinge in die Hand nehmen, sonst gibt’s da einen Wildwuchs, der unter Umständen sogar dem DFB Konkurrenz macht, und wir wollen die Dinge einfach in der Hand behalten.“

Sprecher:
Der Verband wollte die Kontrolle nicht verlieren, er wollte die Dinge in der Hand behalten. Denn sein Verbot von 1955 war nach und nach aufgeweicht worden. Es kam zu einem Wildwuchs – wie bei Pflanzen, deren Samen sich überall ausbreiten. So fanden weitere Länderspiele statt, ein eigener Damenfußballverband wurde gegründet, und in den Vereinen bildeten sich Frauenmannschaften. Der tatsächliche Durchbruch für den Frauenfußball kam allerdings erst spät, 1989, als die deutsche Frauennationalmannschaft die Europameisterschaft im eigenen Land überraschend gewann.

Eduard Hoffmann:
„Damals nahm wirklich etwas umfassender die Presse, die Medien, Notiz. Das Halbfinale wurde erstmals live übertragen und dadurch sehr viele eben auch sahen, dass Frauenfußball doch eigentlich ’n ganz schöner Sport ist und dadurch viele Eltern eben auch keine Angst mehr hatten, die Mädchen zum Fußball zu schicken.“

Sprecher:
In den Medien wurde die deutsche Frauenelf gefeiert. Man bemerkte sie, nahm Notiz von ihr. Fußball war plötzlich zu einem Sport geworden, den auch Mädchen mit Unterstützung ihrer Eltern ausüben durften. Der DFB ist mittlerweile vom größten Gegner zum größten Förderer von Frauen im Fußball geworden. Eine Gleichstellung mit dem Männerfußball hat bislang allerdings nicht stattgefunden. So ist das Niveau der Fußball-Frauen-Bundesliga noch stark verbesserungswürdig. Es gibt nur wenige Spitzenteams, die die Meisterschaft unter sich ausmachen. Zu den meisten Spielen kommen nur einige hundert Zuschauer. Auch die Medien berichten kaum über die Ligaspiele, es fehlt an Sponsoren und damit an Geld. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen sind die meisten Fußballerinnen keine Profis, sie müssen sich neben Training und Wettkampf auch noch auf ihre Ausbildung oder ihren Beruf konzentrieren. Immerhin bekommen sie heute für einen internationalen Titel einige Zehntausend Euro. Das ist immer noch deutlich weniger als bei den Männern. Aber 1989 erhielt jede Spielerin vom DFB nur ein Kaffeeservice.





Fragen zum Text

Um das Jahr 1930 gab es in Deutschland …
1. nur einen einzigen Verein, in dem Frauen Fußball spielen konnten.
2. nur einige wenige Frauenmannschaften.
3. genug Fußballspielerinnen.

Was stimmt nicht? In den Medien …
1. wurde Frauen empfohlen, sich um Heim und Herd zu kümmern.
2. zog man Fußballspielerinnen durch den Kaffee.
3. wurde erst spät objektiv über Frauenfußball berichtet.

Der Deutsche Fußballbund hat Frauenfußball offiziell zugelassen, weil …
1. der Verband physisch und psychisch am Ende war.
2. er von der Bundesregierung dazu aufgefordert worden war.
3. sich niemand mehr an sein Verbot hielt.


Arbeitsauftrag
Bearbeitet in eurer Klasse das Zitat eines Zeitungskommentars, das ihr im PDF findet. Der Autor äußert hier seine persönliche Meinung über den Sieg der deutschen Frauennationalmannschaft am 12. Oktober 2003 gegen Schweden. Analysiert den Kommentar. Dabei könnt ihr folgende Fragen beantworten: Warum wurde die Überschrift gewählt? Was will der Kommentator damit sagen? Welche Einstellung hat er zum Frauenfußball? Wie sieht er die Zukunft des Frauenfußballs?

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