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Deutschland

Frauen organisieren sich in der rechten Szene

Brave Mädels - so ist das Image der Frauen, die in der rechtsextremen Szene agieren. Doch das Bild stimmt so nicht ganz, zeigte eine Veranstaltung der Friedrich Ebert-Stiftung in Berlin.

Junge Frauen laufen beim Demonstrationszug am 19.2.2001 durch Hamburg an der Spitze, (Quelle: dpa)

Es gibt heute ein weitaus vielfältigeres Angebot für Frauen in der rechten Szene

Bei der Diskussion über Ausländerkriminalität der letzten Wochen geriet in Vergessenheit, dass es auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft äußerst gewaltbereite Mitglieder gibt - die Rechtsextremisten. Nachdem rechtsextreme Frauen und Mädchen in letzter Zeit zumindest in der Außendarstellung der Szene zunehmend an Bedeutung gewonnen haben, beschäftigte sich die Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin damit, welche Rollen "Weiblichkeit" und "Männlichkeit" im Rechtsextremismus spielen.

Wie die Männer

Die Bilder, die in deutschen Medien von kahl geschorenen Neo-Nazis, die auf Ausländer einprügeln und Parolen skandieren, kursieren, zeigen immer junge Männer. Dabei gibt es durchaus auch Frauen, die in der rechten Szene mitmachen.

Der Grund dafür, dass Frauen sich von rechten Organisationen angezogen fühlen sei oft Langeweile, oder die Suche nach etwas Attraktivem, meint eine Mitarbeiterin der Mobilen Jugendarbeit in Ostprignitz, einer Region im Osten Deutschlands mit hoher Arbeitslosigkeit. Die Privatparties und Konzerte der rechten Szene zögen die Mädchen an, zumindest in ländlichen Regionen. Jedoch spiele auch das Gefühl der Annerkennung eine große Rolle, "die Lust der Mädchen, irgendwo in der Szene zu landen, wo sie stark sind und Angst machen können", sagt die Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Ein Teilnehmer einer Demonstration von Neo-Nazis traegt am 2. Sept. 2000 in Neumuenster die Zahl 88, stehend fuer HH - Heil Hitler, auf seiner Jacke, (Quelle: AP)

Frauen fühlen sich meist aus den gleichen Gründen wie Männer zu rechten Gruppen hingezogen

"In der Regel ist es nicht das Frauenbild, was sie vorrangig an dieser Szene anzieht, sondern die wichtigsten Bezugsgrößen sind oft die gleichen wie bei Männern: Volksgemeinschaft, Rasse, Nation", sagt Renate Bitzan von der Universität Göttingen. Aus dieser vorrangigen Orientierung entstünden dann Standpunkte darüber, welche Rollen Frauen zugeschrieben werden, meint das Gründungsmitglied des Forschungsnetzwerks "Frauen und Rechtsextremismus".

Demnach sollte eine Frau einen möglichst "rassereinen Nachwuchs" produzieren und diesen auch im nationalen Geist erziehen. Außerdem sollen Frauen sich als Kameradinnen auch am politischen Kampf beteiligen, also am nationalen Kampf, berichtet Bitzan von den gängigen Vorstellungen der Szene.

Meinungsunterschiede über die Frauenrolle

Allerdings gäbe es heterogene Auffassungen darüber, wie die Schwerpunkte zwischen diesen beiden Aufgaben gesetzt werden sollten. Während die Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF) stark auf Mutterschaft und völkische Argumentation fixiert ist, wehrt sich der Mädelring Thüringen gegen das Patriarchat und politische Unmündigkeit. "Die Frau von heute ist nicht nur Hüterin der Familie und des Heims, sondern auch gleichwertige Mitgestalterin des öffentlichen Lebens, das alle Lebensbereiche und Berufsfelder gleichermaßen beinhaltet", heißt es in den Leitsätzen der rechtsextremen Organisation.

Renate Bitzan sieht hier eine deutliche Schwerpunktverschiebung. Mutterschaft spiele zwar auch noch eine Rolle, aber im Vordergrund stünden Selbstständigkeit, freie Entfaltung, Kompetenz und eine deutliche Kampfansage an das Patriarchat und eine eigene Inanspruchnahme des Labels Feminismus.

Springerstiefel eines Teilnehmers einer Demonstration der rechten Szene, (Quelle:dpa)

Was Gewalt angeht, lassen die Frauen doch eher den Männern den Vorderrang

Was die Frage der Gewaltakzeptanz angeht, seien die Frauen nach wie vor zurückhaltender als die Männer. Renate Bitzan zufolge denken die Frauen zwar genauso rassistisch, antisemitisch und nationalistisch, jedoch überlassen sie die Sphäre der öffentlichen Politik und der gewaltförmigen Austragung ihrer Ansichten dann doch eher den Männern.

Dies schließt jedoch nicht aus, dass Frauen sich innerhalb der rechtsextremen Szene organisieren. Meistens seien Frauen in gemischtgeschlechtlichen Gruppen - also in Parteien, Kameradschaften, Vereinigungen - mitorganisiert, meint Bitzan. Zusätzlich hätten spezielle Frauenorganisationen oder -gruppen in den letzten zehn Jahren einen relativen Boom erlebt. Dies zeige, dass eine Ausdifferenzierung stattgefunden hat und es nun ein vielfältigeres Angebot für Frauen in der rechten Szene gibt, erklärt Bitzan.

Fehlende Mittel für Jugendarbeit

Beratungsstellen und Sozialarbeiter sind kaum auf die Arbeit mit jungen rechtsextremen Frauen eingestellt. "Insbesondere in der sozialpädagogischen Praxis mit rechtsextrem-orientierten Jugendlichen gibt es Projekte, die ausschließlich mit männlichen Jugendlichen arbeiten", sagt Esther Lehnert von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin. Projekte, die sich an rechtsextrem orientierte Mädchen wenden, seien bisher dagegen eher selten.

Gabi Elverich vom Deutschen Jugendinstitut Halle sieht auch als problematisch an, dass viele Lehrkräfte in Schulen nicht auf die Auseinandersetzung mit Rassismus vorbereitet seien. "Das ist gerade der Bereich, wo sehr viel Handlungsbedarf besteht, frühzeitig einzugreifen wenn rechtsextreme Weltbilder zum Ausdruck kommen", sagt sie.

Doch um diese Art von Jugendarbeit zu fördern, braucht man finanzielle Mittel, und diese stehen momentan nicht an erster Stelle, wenn in den Kommunen und Bundesländern der Haushalt gemacht wird.

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