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Nahost

Frauen im Irak - die großen Verliererinnen?

Die Gleichberechtigung der Frauen stand ganz oben auf der Agenda als die USA vor sechs Jahren die irakische Regierung stürzte. Doch für die meisten Frauen ist der Alltag in den letzten Jahren noch schwieriger geworden.

Irakische Frauen (Foto: AP)

Frauen leiden besonders unter der Situation im Irak

Wenn in diesen Tagen die Temperaturen in Bagdad auf 45 Grad im Schatten steigen und wieder kein Strom da ist, um Klimaanlagen und Kühlschränke zu betreiben, wenn jeder Tropfen Trinkwasser für teures Geld im Laden gekauft werden muss, wenn sich wieder die Nachrichten über neue Terroranschläge häufen, mit Dutzenden Toten, Verletzten, Verkrüppelten, die versorgt werden müssen, dann ist die Herausforderung für Frauen im Irak besonders groß. Denn im Irak leiden zwar alle Bürger unter dem Chaos und der Gewalt. Doch Frauen stehen wegen ihres Geschlechts zusätzlich unter enormem sozialem Druck. Und sie sind zunehmend auf sich allein gestellt. Nach Jahrzehnten voller Krieg, Sanktionen und Terror sollen laut dem irakischen Frauenministerium allein im Großraum Bagdad über 300.000 Witwen leben. Landesweit sollen es über 800.000 sein.

Die verfolgte Mehrheit

Viele Frauen im Irak müssen täglich Übermenschliches leisten, um das Überleben ihrer Familien zu sichern, doch gleichzeitig werden ihre Bewegungsmöglichkeiten und ihre Handlungsoptionen immer mehr eingeschränkt. Daran sind die unterschiedlichsten Akteure beteiligt, nicht nur islamistische Milizen, sondern auch die Besatzungstruppen, die Frauen teilweise unter Druck setzen, um Informationen über aufstandsverdächtige männliche Familienmitglieder zu erhalten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtete im März 2009, dass darüberhinaus auch die Gewalt in der Familie zugenommen habe, insbesondere Morde um der sogenannten "Ehre" willen. Oft blieben diese Morde ungesühnt, teils aus Gleichgültigkeit, vermutlich aber aus Angst der Polizisten vor Racheakten der betroffenen Familien. Auch der wirtschaftliche Aufschwung und die Integration vieler kurdischer Frauen in den Arbeitsmarkt und in die Politik habe daran nichts geändert, beobachtet die Psychologin Karin Mlodoch, die im Auftrag des Berliner Zentrums Moderner Orient (ZMO) über die Erinnerungskultur weiblicher Überlebender von Massakern der Baath-Diktatur in Irakisch-Kurdistan forscht und die darüberhinaus ehrenamtlich Frauenberatungszentren in Kurdistan unterstützt. "Die kurdischen Frauenorganisationen haben zwar erreicht, dass in den vergangenen Jahren einige Gesetze zugunsten von Frauen reformiert wurden. Es gibt zum Teil auch eine gute Zusammenarbeit zwischen der Polizei und den Frauenhäusern. Doch die Gesetze werden oft einfach nicht angewendet."

Frauen und Mädchen, die größten Verliererinnen der Invasion von 2003?

(Foto: AP)

Auf sich alleine gestellt: nach dem Krieg sind viele irakische Frauen Witwen

Nadje Al-Ali, Sozialanthropologin an der renommierten School of Oriental and African Studies (SOAS) und Autorin mehrerer Bücher über Frauen im Irak, hat gemeinsam mit der Politologin Nicola Pratt rund 120 Frauen im Irak nach ihren Erfahrungen seit 2003 befragt. Die Ergebnisse, die mittlerweile in Buchform vorliegen stimmen nicht optimistisch. Bis Anfang der achtziger Jahre hätten die Irakerinnen zu den bestausgebildeten, emanzipiertesten Frauen der arabischen Welt gehört, erklärt Nadje Al-Ali. Doch die Diktatur, der iranisch-irakische Krieg und besonders das ab 1990 verhängte Sanktionsregime hätten bewirkt, dass hunderttausende Irakerinnen ihre Arbeitsplätze und Bildungschancen verloren. Die Invasion 2003 und die anschließenden Gewaltexzesse hätten diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Heute gingen immer weniger Mädchen zur Schule – teils aus Armut, teils aus Angst vor Entführungen. Für Nadje Al-Ali ist klar: "Die Frauen im Irak sind die größen Verliererinnen der Invasion von 2003. Die Situation war schon vorher schlimm, aber das US-Empire hat die Kombination aus Militarismus und Hyper-Patriarchat potenziert."

Religiös-ethnische Fragmentierung schadet Frauen

Zur Zeit wird im Irak heftig über die Einführung eines neuen, religiös geprägten Personenstandsrechts debattiert. Das Personenstandsrecht regelt existentielle Dinge wie die Eheschließung und Scheidung, das Sorgerecht für die Kinder und das Erbe und hat deshalb in allen arabischen Ländern direkte, fühlbare Auswirkungen auf das Leben von Frauen. Noch gilt im Irak das alte, einheitliche Personenstandsrecht von 1959, das trotz vieler frauenfeindlicher Veränderungen während der Diktatur Saddam Husseins nach Ansicht engagierter Frauenrechtlerinnen immer noch recht fortschrittliche Elemente enthält. Doch der Artikel 41 der neuen irakischen Verfassung sieht vor, dass die Iraker ihren Personenstand künftig nach Maßgabe ihrer Religion oder ihres eigenen Ermessens individuell entscheiden sollen. Die bisherigen Erfahrungen in anderen arabischen und islamischen Ländern haben gezeigt, dass solcherart gespaltenes Personenstandsrecht für Frauen meist von Nachteil ist: denn es wird nicht klar definiert, welche Interpretationen des islamischen Rechtes zum Tragen kommen sollen und wer die Interpretationshoheit innehaben soll. "Faktisch läuft es meist darauf hinaus, dass konservative Männer festlegen, was Recht ist", schreibt Layla Al-Zubaidi, Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut in einem sehr informativen Papier zur Personenstandsrechtsdebatte im Irak. "Das Personenstandsrecht ist ein Testfall für die irakische Demokratie."

Keine Besserung der Lage in Sicht

Irakische Abgeordnete (Foto:AP)

Ein Viertel der Parlamentsmitglieder müssen Frauen sein

Mehr Demokratie und Rechte für Frauen hatte die US-geführte Kriegskoalition im Jahr 2003 versprochen. Für viele Frauen im Irak muss das heute wie blanker Hohn klingen – trotz kleiner Fortschritte wie der 25-Prozent-Frauenquote im irakischen Parlament. Dass sich an den existentiellen Problemen der Frauen im Irak nach einem Abzug oder einer Umgruppierung der Besatzungstruppen etwas ändern wird, glaubt die Genderforscherin Nadje Al-Ali nicht: "Damit herrscht noch kein Frieden im Irak." Das heisse aber nicht, dass man untätig bleiben solle. Nadje Al-Ali selbst arbeitet gerade an einem Projekt, um junge Akademikerinnen im Irak zu unterstützen. "Es gibt trotz der massiven Gewalt im Irak immer noch zahlreiche aktive Frauenorganisationen, von denen sich über achtzig in einem Netzwerk zusammengeschlossen haben." Diese Frauen seien dringend auf Know How und finanzielle Unterstützung angewiesen.

Autorin: Martina Sabra

Redaktion: Sarah Mersch

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