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Amerika

Frauen im bewaffneten Konflikt in Kolumbien

Laut Präsident Uribe gibt es in Kolumbien keinen Bürgerkrieg. Für große Teile der Bevölkerung sieht die Wahrheit anders aus. Besonders Frauen geraten zwischen die Fronten. Die Gewalt gegen Frauen ist ein heikles Thema.

Eine Frau mit einem Netz-Schleier über ihrem Gesicht (Foto: AP)

Kreativer Protest in Bogota am "Tag gegen Gewalt gegen Frauen"

"Heute gibt es in Kolumbien keinen Paramilitarismus mehr. Es gibt nur noch Guerilla und Drogenmafia. Doch die wird nun einzig von der staatlichen Gewalt bekämpft" - so beschreibt Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe die Situation in seinem Land. Maria ist nicht die einzige, für die die Realität anders aussieht: "Sie kommen in die Dörfer, in Militäruniformen, aber es sind Paramilitärs", beginnt sie zu erzählen. Leise, aber bestimmt. Den Kopf etwas gesenkt, die Augen jedoch fest auf ihr Gegenüber gerichtet, erzählt sie eine Geschichte, wie es viele in Kolumbien gibt: "Sie kommen, nähern sich den jungen Mädchen, sagen: Oh, wie hübsch du bist, Kleine".

Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe (Foto: AP)

Bürgerkrieg in Kolumbien? Präsident Álvaro Uribe

Marias Stimme wird brüchig, als sie fortfährt und davon erzählt, wie nach den Schmeicheleien die Einschüchterungen kommen, Drohungen gegen die Familie, Drohungen, Gewalt anzuwenden, um Informationen zu erpressen, um noch viel mehr zu erpressen: "Sie sagen, wenn du nicht mit mir gehst, dann bist du wohl eine Guerillera. Dann vergewaltigen sie das Mädchen. Und wenn das Mädchen schwanger wird, befehlen sie ihr, abzutreiben."

Ihren wirklichen Namen nennt Maria nicht, ihr Gesicht versteckt sie hinter einem Wolltuch und ihre Geschichte unter dem Deckmantel der dritten Person. Doch es ist ihre Tochter, von der sie erzählt. 2002 ist sie "verschwunden", wie es in der offiziellen Sprache heißt. Irgendwo zwischen einem Dorf im kolumbianischen Tiefland und der Hauptstadt Bogotá, wohin sie mit dem Bus unterwegs war. Dort wartete Maria auf ihre Tochter, die 14 Jahre alt war, schwanger wurde und nicht abtreiben wollte. Dort in Bogotá wollte sie ihr ein Studium, ein neues Leben ermöglichen, dort wartet sie noch heute. "Bis ich in irgendeinem Graben den Kadaver meiner Tochter identifizieren muss, bleibt sie für mich lebendig."

Eine Frau mit einem Netz-Tuch über ihrem Gesicht (Foto: DW/Anne Herrberg)

Wider die "Schande des Krieges" - Tausende Frauen zogen durch die Straßen Bogotas

Der Körper als Schlachtfeld

Gewalt an Frauen gehört in Kolumbien zum Alltag, sagt Clara Elena Cardona Tamayo vom Frauenhaus in Bogotá und blättert in Statistiken der Gesundheitsbehörde. Sie hat viele Gesichter. Sieben von zehn Kolumbianerinnen kennen mindestens eines davon: Demütigungen, Diskriminierung, Vergewaltigung – zu Hause, auf der Arbeit, vor allem aber im Kriegsgebiet, denn im bewaffneten Konflikt werde Gewalt an Frauen bewusst und systematisch als Waffe eingesetzt. "Von allen bewaffneten Akteuren, da gibt es keine Ausnahme", betont Clara Cardona.

Polizei, Militär, Paramilitärs, Guerilla - es gehe darum, Macht zu zeigen, Kontrolle auszuüben, auf grausamste Art; Frauen, die mit Pfählen oder Tieren penetriert werden, denen die Geschlechtsorgane verstümmelt, die vergewaltigt und dann kaltblütig massakriert werden, benutzt und weggeworfen. All das erzählt Clara so nüchtern, wie es geht, täglich hat sie mit mit solchen Meldungen zu tun. "Man möchte das nicht wahrhaben, niemand will das wahrhaben, deswegen wird auch nicht darüber gesprochen." Der Ton ihrer Stimme wird rauer, klingt nicht mehr nach Routine-Interview. In Kolumbien schließe man gern die Augen. "Solange unser Präsident sagt, es geht uns gut, geht es uns gut und alle sind froh, wenn es sie selbst nicht betrifft, und schweigen."

Eine kolumbische Frau (Foto: Anne Herrberg/DW)

Die Guerilla verschleppte Lauras Tochter. Tagelang folgte die Mutter ihrer Spur

"Politik der demokratischen Sicherheit"

Für Präsident Álvaro Uribe gibt es in Kolumbien keinen Bürgerkrieg mehr. Nur noch einen "Krieg gegen den Terrorismus"; gemeint ist die Guerilla, gegen die seine Regierung mit harter Hand vorgeht. "Politik der demokratischen Sicherheit", so heißt das in der offiziellen Sprache. Städte und Hauptverkehrstraßen sind sicherer geworden. Die Mittelschicht dankt es ihm mit nach wie vor hohen Umfragewerten, die Medien feiern seine Erfolge. 2003 initiierte die Regierung Uribe einen Demobilisierungs-Prozess, dem sich mehr als 30.000 Paramilitärs anschlossen.

Das Gesetz 975 für Gerechtigkeit und Frieden regelt die Aufklärung ihrer Verbrechen. In so genannten Versiones Libres, freiwilligen Geständnissen, können ehemalige Kämpfer ihre Verbrechen gestehen und bekommen dafür Strafmilderung. Die Höchststrafe, egal für welches der Verbrechen, beträgt acht Jahre Gefängnis. Von fast 30.000 Anklagen, die bis März dieses Jahres bearbeitet wurden, betrafen nur 20 sexuelle Gewalt an Frauen. Davon sind ganze neun zugegeben worden. Und die Gewalt geht weiter.

Viele Frauen haben Angst, die Verbrecher zu denunzieren. Wer spricht, bezahlt, wie es heißt. "Sie töten dich oder machen andere grausame Dinge. Eine Frau im Dorf haben sie an einen Baum gefesselt, ihr die Brüste abgeschnitten", erzählt Maria. "Aber ich will Gerechtigkeit, ich will, dass diese Leute fühlen müssen, was sie getan haben, dass sie verurteilt werden".

Die Opfer haben keine Stimme

Sieben Jahre lang wurde Maria von Behörde zu Behörde geschickt, nichts geschah. Die Opfer haben im Prozess für Gerechtigkeit und Frieden kaum eine Stimme, sagt Carmen Mestizo, die als Anwältin des Frauenhauses Marias Fall vertritt. "Viele Fälle werden einfach zu den Akten gelegt, wir erleben immer wieder, dass Hinweisen nicht nachgegangen wird, oder dass die Fragen, die die Opfer im Prozess stellen wollen, nicht angenommen werden, oder verändert werden." Manchmal scheine es, als kenne sich die Staatsanwaltschaft kaum aus mit der an sich sehr fortschrittlichen Gesetzeslage zu sexueller Gewalt. "Was auf dem Papier steht, ist eine Sache, die Praxis eine andere", sagt Carmen Mestizo.

Machismus ist fest in der kolumbiansichen Gesellschaft verankert, auch bei Beamten. So komme es immer wieder dazu, dass Frauen die absurdesten Beweise dafür erbringen müssten, misshandelt worden zu sein. Warum bist du nicht in den 24 Stunden danach zum Arzt gegangen und hast es dir bescheinigen lassen? Oder der Vorwurf, keinen Widerstand geleistet zu haben – in einer Situation, in der fünf bewaffnete Männer das Opfer bedrängten. "Man glaubt den Frauen nicht“, sagt die Anwältin. "Man will ihnen nicht glauben, sie werden doppelt stigmatisiert".

Die eigenen Rechte kennen

Mittlerweile gibt es in Kolumbien mehrere Frauenorganisationen, die bis in die entlegensten Regionen fahren, um aufzuklären, Rechtshilfe und psychologischen Beistand zu geben. Denn viele Frauen kennen ihre Rechte nicht, bleiben allein mit ihrem Schmerz, werden krank, depressiv. "Weine nicht, zeige an!" stand auf dem Plakat, das Laura zur Organisation Ruta Pacífica - "Friedlicher Weg“ - geführt hat. Ihre Tochter ist 2002 im südlichen Departement Cauca von der FARC-Guerilla entführt worden.

Frauenrechtlerin Clara Elena Cardona Tamayo (Foto: Anne Herrberg/DW)

Frauenrechtlerin Clara Elena Cardona Tamayo setzt das Thema oben auf die Agenda

Laura ist ihnen gefolgt, fünf Tage lang, denn in den umkämpften Gebieten ist oft bekannt, wo die Guerilla gerade ihre Lager aufgeschlagen hat: "Ich habe versucht, meine Tochter zurückzuholen, niemand hat mir geholfen. Am Schluss habe ich den Kommandanten im Lager überrascht: Ihr könnt mich töten, aber ich gehe nicht ohne meine Tochter, sie ist minderjährig." Die kleine, schmächtige Frau gegen eine Gruppe bewaffneter Guerilleros. Am Ende durfte sie die Tochter mitnehmen. Sie flieht mit ihr in die Stadt, nach Popayan. Auf der Rückreise erzählt ihr die Tochter, dass sie am ersten Tag eine Spritze bekommen hätte, und dann, wie sie fünf Tage in Folge zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden sei. "Man sagte ihr, das sei hier Regel, sie müsse sich fügen". Die Spritze war eine Sterilisation.

"Wir haben doch alle Drohungen bekommen"

Auch Laura nennt ihren Namen nicht, aber sie zeigt ihr Gesicht, herausfordernd. Drohungen hat sie genug bekommen, genauso wie Clara, wie Carmen, wie jeder, der sich in Kolumbien für die Menschenrechte einsetzt. Wenn wir unsere Geschichten nicht öffentlich machen, passiert nichts, sagt Laura.

Deswegen hat sie am 25. November zusammen mit Tausenden von Frauen an einem Protestmarsch in Bogotá teilgenommen. Aus allen Teilen des Landes kommen sie nach Bogota. Sie trommeln, tanzen und rufen: "Nein zum Krieg! Nein zur Gewalt!". Manche haben sich als Schmetterlinge verkleidet, andere tragen Kreuze oder Bilder ihrer vermissten Angehörigen, Studenten haben sich dazugesellt, Kritiker der US-Militärbasen, Kritiker der Politik Uribes.

Die Senatorin Piedad Cordoba, Symbolfigur der Menschenrechts- und Friedensbewegung, hält die Abschlussrede auf der Plaza Bolivar; just gegenüber ist der Justizpalast. "Der Krieg ist eine Schande, der Krieg ist ein Gräuel!", ruft sie von der Bühne, und die Menge antwortet: "Keinen Peso mehr für den Krieg, keines unserer Kinder mehr für die Armee." Laura steht etwas abseits. "Es lebe der Frieden", steht auf ihrem T-Shirt. "Hoffentlich", flüstert sie dann. Morgen fährt sie zurück in den Cauca, einer der Regionen, in der fast jeden Tag ein Mensch zwischen die Fronten des Krieges gerät.

Autorin: Anne Herrberg

Redaktion: Sven Töniges