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Pakistan

Frauen begehren gegen männerdominierte Machtstrukturen auf

Im ländlichen Pakistan machen vor allem Männer das Gesetz. Frauen haben kaum etwas zu sagen und werden stattdessen häufig grausam behandelt. Eine Frauengruppe setzt sich dagegen zur Wehr.

Tabassum Adnan spricht vor der Frauen-Jirga (Foto: Khwendo Jirga)

Tabassum Adnan spricht vor der von ihre gegründeten Frauen-Jirga

Die grünen Hügel im Swat Distrikt in der pakistanischen Provinz Khyber. Hier in der ländlichen Gegend gilt, was die sogenannte Jirga beschließt. Die Versammlung fungiert sowohl als Gemeinderat wie als Gericht und entscheidet über strittige Themen. Traditionell haben hier ausschließlich Männer das Sagen.

Doch das ändert sich gerade. 25 Frauen sitzen auf dem Boden des kleinen Tagungsraumes und diskutieren über Themen wie Sorgerechtsfragen. 

Eine Frauen-Jirga fordert Mitspracherecht

Tabassum Adnan leitet die Gruppe. Im Jahr 2013 stellte sie die traditionellen pakistanischen Geschlechterrollen auf den Kopf, als sie die erste weibliche Jirga ins Leben rief. Es ist dieselbe Gegend, in der die Taliban einmal absolute Macht hatten: 2012 wurde etwa der 15-jährigen Aktivistin Malala Yousafzai in den Kopf geschossen, weil sie als Mädchen auf ihr Recht bestand, in die Schule zu gehen.

Tabassum Adnan kämpt für Gerechtigkeit in Swat Valley (Foto: Jabeen Bhatti)

Hat eine Frauen-Jirga gegründet: Tabassum Adnan

Auch Adnan erlebte, wie das traditionelle System beim Schutz einer Frau aus der Gegend versagte. "Ich habe es immer mit der Gnade gehalten", sagt Adnan. "Dann aber wurde ein junges Mädchen mit Säure angegriffen. Als ihr Fall einer männlichen Jirga vorgestellt wurde, versprachen sie ihre volle Unterstützung, aber sie haben überhaupt nicht geholfen". Der Täter wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Das Mädchen starb.

Traditionelle Strukturen halten sich

Pakistans oberstes Gericht hat die Jirgas 2012 offiziell verboten. Doch die entlegenen Gebiete hat das Urteil nicht verändert. Sie sind zu weit entfernt vom starken Arm des Staates.

Karte Swat Distrikt Pakistan DEU

Der Swat-Distrikt im Norden Pakistans

Die Groß-Jirga im Swat Distrikt besteht nach wie vor aus Männern. Sie wird bei Vergewaltigungs- und Mordfällen angerufen. Die 25-köpfige Frauen-Jirga beschäftigt sich hingegen mit häuslicher Gewalt, Erbschaftsfragen, dem Gesundheitswesen. Auch Kinderehen werden immer wieder diskutiert. 

Kinderehen sind in Pakistan nicht ungewöhnlich, sie sind Teil der Wani-Tradition. Dabei wird ein junges Mädchen als Kompensation für ein Verbrechen verheiratet, das von einem männlichen Verwandten begangen wurde. Die männlichen Jirgas entschieden in der Regel im Sinne der Männer, sagt Adnan.

Kinderehen sind nicht ungewöhnlich

Das Thema Kinderehen liegt Adnan besonders am Herzen. Sie selbst wurde im Alter von 14 Jahren mit einem 20 Jahre älteren Mann verheiratet. 20 Jahre lang bestand die Ehe - eine Zeit, während der Adnan drogenabhängig wurde, bevor ihr gelang, sich scheiden zu lassen. "Meine nächsten Verwandten haben mich nicht im Geringsten unterstützt", sagt Adnan. "Aber ich bin für mich selbst eingetreten und habe aufgehört, unglücklich zu sein."

Tabassum Adnan spricht mit einer jüngeren Frau (Foto: Khwendo Jirga)

Adnan wurde im Alter von 14 Jahren mit einem 20 Jahre älteren Mann verheiratet

Im ehemaligen Taliban-Territorium gewinnen die Frauen-Jirgas immer mehr an Bedeutung gewinnt, doch Konservative halten sie für überflüssig. "Unsere Gesellschaft kann mit einer Frauen-Jirga nichts anfangen", sagt Mehboob Ali, ein Bewohner des Swat Distrikts. "Diese Jirgas sind Fake, sie wollen einfach nur Geld bekommen. NGOs in Pakistan initiieren immer wieder solche Dinge, an die sich später niemand mehr erinnern kann.”

Andere sind da toleranter, etwa der ehemalige Führer einer Männer-Jirga, Inam-ur-Rehman Kanju. Viele glaubten an einen weiblichen Rat. "Wir beten für ihren Erfolg", so Kanju. "Manchmal laden wir sie auch zu unseren Treffen ein, damit sie lernen können, wie eine Jirga funktioniert. Wir haben keine Probleme mit ihrer Form der Jirga.”

Erste Erfolge zeichnen sich ab

Der Frauen-Jirga gelingt es bereits, Haltungen zu ändern: Adnan selbst wurde eingeladen, als erste Frau an der Groß-Jirga im Swat teilzunehmen. Und als ein Mann in das Haus einer Frau eindrang, sie ausraubte und ihre alle Zähne zog, sorgte die Frauen-Jirga dafür, dass er zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Adnan und die Frauen-Jirga wollen Polizei und Justiz für weitere Fälle sensibilisieren, in denen Frauen Opfer von Gewalt und Bedrohung werden.

Männer mit Waffen schützen die Frauen-Jirga (Foto: Khwendo Jirga)

Die Frauen-Jirga hat Todesdrohungen erhalten und muss beschützt werden

"Ich möchte die chauvinistische Tradition loswerden, die Frauen auf stereotype Rolle reduziert", sagte Adnan. "Ich möchte die weibliche Selbstverwirklichung fördern." Doch weil sie Todesdrohungen erhalten haben, müssen die Frauen-Jirgas derzeit im Geheimen stattfinden. 

Dieses Projekt wurde vom European Journalism Centre über sein Programm "Innovation in Development Reporting Grant" gefördert. 

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