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Bücher

Franziska Gräfin zu Reventlow: "Das gräfliche Milchgeschäft" (1897) und andere Kurzgeschichten

Franziska zu Reventlow (Montage: Philip Kleine / Peter Steinmetz)

"Gott bewahre, sie hat sich die unglaublichsten Geschichten geleistet. Da ist sie bei allen ihren Bekannten herumgegangen, die noch glücklich waren, silberne Löffel oder goldene Uhren zu besitzen und hat sich was zum Versetzen ausgeliehen...Und sie hat so überzeugend zu reden gewußt von momentaner Verlegenheit und den Leuten plausibel gemacht, daß ein Reklamelöffel mit der Inschrift: ›Trinkt Kath'reiners Malzkaffee‹ genau dieselben Dienste leistet wie ein echt silberner." (aus: "Das gräfliche Milchgeschäft")



Die Autorin

Franziska Gräfin zu Reventlow mit ihrem Sohn Rolf, 1903 (Foto: Filip Kester)

Franziska Gräfin zu Reventlow mit ihrem Sohn Rolf

Geboren am 18. Mai 1871 in Husum
Gestorben am 26. Juli 1918 in Muralto bei Ascona

"Herumtoben im Leben! Purzelbäume schlagen. Dazu bin ich geschaffen." Davon hat die junge Franziska Gräfin zu Reventlow reichlich Gebrauch gemacht. Sie gehörte zum Schriftsteller-Kreis der Münchner Bohème um die Jahrhundertwende – unangepasst und geistreich, rebellisch und umschwärmt, unbeirrt ihrem Freiheitsanspruch folgend. Auch wenn sie häufig am Rande des Existenzminimums zu kämpfen hatte. Geschäftsinn war ihr nicht in die Wiege gelegt worden.

Geboren wird sie auf einem Schloss, als Tochter eines preußischen Landrats. Gouvernanten und Hauslehrerinnen erziehen das eigensinnige Mädchen. Mit 19 fliegt sie aus dem Internat. Sie hat mit jugendlichem Eifer Ibsens "Nora" gelesen und möchte lieber emanzipierte Künstlerin werden als Spitzen klöppeln und Hauswirtschaften lernen, wie es für höhere Töchter vorgesehen ist. Die Eltern haben dafür kein Verständnis. Ihr bleibt nur das Lehrerinnen-Seminar, das sie widerwillig in Lübeck absolviert. Von ihren Träumen kann sie niemand abbringen. "Ich bin gelaufen, gelaufen, gefallen, wieder aufgestanden. Aber immer dahinter das Gefühl, ich muss noch was Großes zusammenbringen."

Endlich volljährig, vollzieht sie den Bruch mit der Familie und der adeligen Bürgerlichkeit. Die Bekanntschaft mit dem Gerichtsassessor Walter Ernst Lüpke nutzt sie, um sich von ihm ein Malstudium in München finanzieren zu lassen. 1894 heiraten sie, ein Jahr später trennt sich das ungleiche Paar wieder. Aber Franziska zu Reventlow hat ihre Welt entdeckt: Die Schwabinger Künstlerkreise ermöglichen ihr endlich ein unkonventionelles Leben.

Franziska zu Reventlow im 'Eckhaus' in der Kaulbachstraße 63 in München-Schwabing, wo sie gemeinsam mit ihrem Freund Bohdan von Suchocki und Franz Hessel von 1903-1904 in einer Wohngemeinschaft lebte (Foto: ullstein bild)

Leben in der Schwabinger Bohème: Franziska zu Reventlow in der Küche ihrer Wohngemeinschaft

Aber der Preis ist die Ärmlichkeit eines Künstlerdaseins: Sie lebt von gelegentlichen Übersetzungen, arbeitet als Animierdame, Aktmodell und Glasmalerin und betreibt zeitweise ein kleines Milchgeschäft. Aber das verkommt schnell zur Säuferkneipe, weil sie selbst gern dem Absinth zuspricht. Die ständige Geldnot hält sie aber nicht davon ab, auf großem Fuß zu leben. Sie genießt ihren Ruf als "wilde Skandalgräfin" und "Madonna mit dem Kinde", wie Schriftstellerfreunde wie Rainer Maria Rilke und Erich Mühsam sie nennen. Ihren unehelichen Sohn erzieht sie als Emanzipierte allein, wechselseitig von Liebhabern und treuen Weggefährten unterstützt.

In München trifft sie auch auf die "Kosmiker", einen elitären Künstlerkreis um den Dichter Stefan George. Dort kann sie ihren Gegenentwurf zur norddeutschen Strenge ihres Elternhauses ausleben: stilisiert zur Künstlermuse, die jeder Leidenschaft hemmungslos folgt. Sie schreibt in dieser Zeit viel über Mutterkult und weibliche Lebenspraxis und kritisiert in polemischen Schriften die damalige Frauenbewegung, der sie spießige Erotikfeindschaft vorwirft. 1898 wird "Das Männerphantom der Frau" von ihr veröffentlicht und ein Jahr später "Was Frauen ziemt". 1903 erscheint dann ihr erster viel beachteter Roman. Aber das bringt ihr kein Glück: Sie versinkt mehr und mehr in Depressionen und zieht sich aus den exzentrischen Künstlerkreisen bald zurück. Völlig am Ende flüchtet die "Gräfin" - hoch verschuldet - vor ihren Gläubigern in die Schweiz an den Lago Maggiore. Eine Scheinheirat mit einem skurrilen baltischen Baron verschafft ihr kurzfristig finanzielle Sicherheit. Aber die Tessiner Bank, bei der Franziska ihr kleines Vermögen angelegt hat, macht 1914 bankrott. Wieder steht sie völlig mittellos da. Als sie am 25. Juli 1918 - von der Literaturwelt inzwischen vergessen - nach einem Sturz vom Fahrrad im Krankenhaus stirbt, ist sie erst 47 Jahre alt.



Die Texte

Titelblatt der Satirezeitschrift Simplicissimus, 16. Jahrgang, Nr. 19, 7. August 1911

Fast alle Texte von Franziska zu Reventlow weisen autobiographische Züge auf. Sie hatte eine diebische Freude daran, ihre zahlreichen Liebhaber, Lebensbegleiter und Freunde in ihre literarischen Geschichten einzubauen, oft mit beißendem Spott oder tiefsinniger Ironie. Sie schrieb viel für in- und ausländische Zeitungen und für das Münchner Satireblatt "Simplicissimus". In dessen Autorenregister fanden sich zu ihrer Zeit Namen wie Thomas Mann, Rilke, Wedekind, Hamsun und Tschechow. Zwar wurde die Mitarbeit "dichtender Damen" vom Redakteur Ludwig Thoma nicht sehr geschätzt, aber die "schöne Gräfin" hatte sich mit ihrer spitzen Feder auch bei ihm Respekt verschafft.

Hier zu hören sind ihre satirischen Kurzgeschichten "Das feindselige Gepäck" (in: "Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel und andere Novellen" 1916/17), "Das gräfliche Milchgeschäft" (in: Neue Rundschau Jg 8, 1897) und "Tot" (in: "Simplicissimus" Jg 16, 1911).



Die Sprecherin

Die Schauspielerin Anja Niederfahrenhorst

Die Sprecherin Anja Niederfahrenhorst

Die Schauspielerin Anja Niederfahrenhorst könnte ihren Text auch flöten und in höchsten Tönen modulieren. Man merkt ihrer Sprecherstimme die Musikalität der professionellen Sängerin an. Und den Spaß an feinsinniger Ironie und subtilen Zwischentönen, mit der sie die Kurzgeschichten von Franziska von Reventlow unterfüttert. Sofort hat man beim Zuhören Szenerien mit amüsanten Wort-Scharmützeln vor Augen.

Geboren ist Anja Niederfahrenhorst 1959 in Ratingen. Ihre Schauspielausbildung hat sie an der Folkwang-Hochschule in Essen und Bochum absolviert und danach in zahlreichen Engagements in Tübingen, Wuppertal, Köln, Essen und Dortmund gespielt. Gern wagt sie sich an experimentelle Stücke der Off-Bühnen und arbeitet nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Regisseurin in freien Theater-Projekten. Auf der Bühne gehört sie seit Jahren dem Ensemble der Musikrevue "Liebesperlen" an - ein Kassenschlager im Dortmunder Theater. Seit über 20 Jahren ist sie auch eine gefragte Sprecherin für Radio- und Fernsehproduktionen.

Die Klassiker - Franziska Gräfin zu Reventlow: "Das gräfliche Milchgeschäft" und andere Kurzgeschichten
Sprecherin: Anja Niederfahrenhorst
Produktion: interface studios, Köln
Regie: Heike Mund
Online-Realisation: Claudia Unseld
Redaktion: Gabriela Schaaf

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