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Kultur

"Französische Wähler sind unberechenbar"

Journalist und Autor Gérard Foussier warnt davor, Macron bereits als Sieger der Präsidentschaftswahl zu feiern. In der aufgeheizten Stimmung halten sich Kulturschaffende auffallend zurück, sagte er im DW-Interview.

Auf das Aufatmen folgt erneute Anspannung bei den französischen Präsidentschaftswahlen: Zwar prognostizieren aktuelle Umfragen Newcomer Emmanuel Macron als klaren Favoriten, aber noch ist und bleibt nichts entschieden. Sollte sich dennoch Euro-Gegnerin und EU-Skeptikerin Marine Le Pen durchsetzen, wären die Folgen für Europa dramatisch. Bereits jetzt ist die erste Wahlrunde mit ihrer klaren Abkehr von den etablierten Parteien eine französische Systemkritik mit Ausrufezeichen. Der Journalist Gérard Foussier ist deutsch-französischer Grenzgänger: 1949 in Orléans geboren, lebt er in beiden Ländern und besitzt beide Staatsbürgerschaften. In seinen Büchern und journalistischen Publikationen widmet er sich den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland - unter anderem als Chefredakteur der ältesten deutsch-französischen Publikation "Dokumente/Documents".

DW: Können wir nun tatsächlich aufatmen? Oder ist es Zeit für Kulturpessimismus? Immerhin hat mit Marine Le Pen eine rechtsextreme Populistin reelle Chancen französische Präsidentin zu werden. 

Gérard Foussier Chefredakteur Documents (privat)

Deutsch-französischer Journalist Gérard Foussier

Gérard Foussier: Bei allen Erfahrungen der vergangenen Monate mit den Prognosen der Umfrageinstituten bleibt Vorsicht geboten. Zwar behält Macron die besten Chancen, die Stichwahl zu gewinnen. Dennoch sind bei den unberechenbaren, französischen Wählern immer Überraschungen möglich. Wenn Neo-Gaullist François Fillon empfiehlt, am 7. Mai Macron zu wählen, aber gleichzeitig seinen Willen unterstreicht, seine ganze Kraft den Parlamentswahlen im Juni als Gegner von Macron zu widmen, irritiert er möglicherweise seine Anhänger, die eine klarere Position erwarten. Schließlich wurde oft kritisiert, dass die Wahlen der vergangenen Jahre nicht für, sondern gegen Kandidaten stattgefunden haben: gegen Jean-Marie Le Pen für Jacques Chirac (2002), gegen Ségolène Royal für Nicolas Sarkozy (2007), gegen Nicolas Sarkozy für François Hollande (2012) - und nun gegen Marine Le Pen für Macron? Viele Wähler aus dem bürgerlichen Lager werden möglicherweise doch lieber die Wahlurnen boykottieren. Ähnliches gilt für die extreme Linke um Jean-Luc Mélenchon: Seine Anhänger sind ausgesprochene Gegner des "Kapitals", aber nicht gerade Freunde der rechtsextremen Populisten. Deswegen hat er am Abend der Wahl keine Wahlempfehlung ausgesprochen und möchte lieber seine militanten Parteimitglieder befragen - Ergebnis offen. Auch der Sozialist Benoît Hamon, der mit einem Wahlergebnis von sechs Prozent ja eine historische Niederlage für eine Partei des Staatspräsidenten eingefahren hat, kündigte an, dass er nicht kampflos die politische Bühne verlassen will: Er will also am 7. Mai Macron wählen lassen, aber im Juni seinen Parteifreunden eine neue Chance in der Nationalversammlung gewähren. Wie sich die Wähler bei der Stichwahl verhalten, bleibt Spekulation - zwar werden die meisten Sozialisten auf Nachfrage der demoskopischen Institute wahrscheinlich verraten, dass sie doch noch für Macron - und damit eigentlich gegen Le Pen - sind. Dass sie am Tag der Wahl zu Hause bleiben, kann aber nicht ausgeschlossen werden.

Große Teile der amerikanischen Kulturlandschaft haben sich während des Wahlkampfes offen gegen den populistischen Kandidaten Donald Trump gestellt - wie engagieren sich die französischen Kulturschaffenden? 

Frankreich Paris nach der erste Runde der Präsidentschaftswahl 2017 (DW/Erin Conroy)

Presse-Auslese am Tag nach der ersten Wahlrunde

Der Vergleich mit den USA ist sicherlich schwierig, aber es darf nicht vergessen werden, dass von den elf Kandidaten acht Europa-skeptisch bis Europa-feindlich beziehungsweise Deutschland-kritisch bis Deutschland-feindlich sind. Alle Kandidaten, die während des Wahlkampfes die gleiche Sendezeit in Funk und Fernsehen hatten, konnten ihre Argumente erläutern - dabei hat das Bild Europas einige Kratzer bekommen. Die Kulturschaffenden haben sich aus der Debatte weitgehend herausgehalten. Wenn schon über Kultur geredet wurde, dann nur am Rande, zum Beispiel bei den Thema Öffnungszeiten der Bibliotheken. Selbst Macron, der anfangs gerne deutsche Philosophen zitierte, versuchte vergebens bei einem Besuch in Berlin zu punkten, indem er mit Habermas debattierte, auf Englisch übrigens. Schlagzeilen in der französischen Presse gab es nach dem Berliner Kurzbesuch nicht. Vielmehr interessierten sich die französischen Wähler für die deutsche Unterstützung der Kandidaten: Während Sigmar Gabriel, als ehemaliger SPD-Vorsitzender, Macron besonders herzlich begrüßte, zeigte sich sein Nachfolger Martin Schulz, als SPD-Kandidat für die Bundestagswahlen, solidarisch mit dem Sozialisten Hamon, den er angeblich "seit Anfang an" unterstützt hätte.

Traditionell legen die französischen Kulturschaffenden gerne den Finger in die Wunde und mischen sich in das politische Leben ein. Warum ist von französischen Intellektuellen und Künstlern nicht mehr Protest zu hören? 

Sicherlich eine Frage der Priorität: Frankreich muss reformiert werden, aber in Zeiten knapper Kassen ist den meisten Bürgern der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit wichtiger als neue Visionen der Kulturpolitik. Und wenn Kulturschaffende protestiert haben, dann in erster Linie, um den Status der zum Teil anonymen, aber lebenswichtigen Hilfen von Saison-Darstellern, sogenannte Intermittents, sozialgerechter zu klären. Nur bei den Vorstellungen von Le Pen hat es Streit gegeben, wenn sie wieder einmal von ihrem Lieblingsthema der "nationalen Präferenz" fabulierte - die Populistin hatte allerdings genug Themen in ihrem Programm, die für manche Wähler auch außerhalb des Le Pen-Umfelds "attraktiv" waren.

Was erwarten Sie von der französischen Kulturlandschaft für die kommenden zwei Wochen bis zur Präsidentenwahl? Wird es laut? 

In der Kürze der Zeit ist nicht viel zu erwarten. Mit Kultur kann man zur Zeit nicht viel bewegen und schon gar nicht Wähler mobilisieren. Auch tun sich mit Macron die Intellektuellen schwer, die ihm vorwerfen, zu sehr auf Finanzen und Wirtschaft fixiert zu sein.

Frankreich Wahl Emmanuel Macron Rede in Paris (Reuters/P. Wojazer)

Klarer Sieger in erster Runde - wird Macron auch die zweite bestehen?

Für wie realistisch halten Sie einen Sieg von Marine Le Pen? 

Ein Sieg Macrons könnte zu einer neuen Dynamik führen - aber für wie lange? Wenn man die ersten Ergebnisse vom 23. April analysiert, stellt man fest, dass er nur in Paris die meisten Stimmen bekommen hat. In der Provinz hat Marine Le Pen die Nase vorn. Schwer zu sagen, wie groß der Kater am Tag nach einer möglichen Wahl Le Pens wäre. Die Franzosen sind seit der Revolution sowohl Monarchisten als auch mit der gleichen Vehemenz Königsmörder, wenn es ihnen zu viel wird.

Der etablierte Machtwechsel zwischen der sozialistischen und der konservativen Partei in Frankreich hat gestern ein spektakuläres Ende gefunden. Es ist Wechselstimmung, so viel steht nach den Ergebnissen der Vorwahlen fest. Zur Wahl stehen am 7. Mai nun Vertreter zweier Parteien, von denen eine bislang nicht einmal im französischen Parlament vertreten ist. Begegnen wir während dieser Wahl einem neuen Frankreich? 

Frankreich Präsidentschaftswahl EU Flagge (picture alliance/Pacific Press/M. Debets)

Mehrheit der Franzosen will in der EU bleiben

Warten wir mal ab. Zunächst muss Macron, sollte er die Wahl gewinnen, was trotz aller Fragezeichen wahrscheinlich ist, seine vor einem Jahr gegründete Bewegung "En Marche!" in eine politische Partei umwandeln. Er hat schon sehr früh angekündigt, dass die zukünftigen Parteimitglieder nur eine "Visitenkarte" besitzen dürfen. Und die als Verlierer vom 23. April bezeichneten klassischen Formationen haben nicht vor, ihre Seele an den neuen Polit-Liebling der Nation zu verkaufen. Manche würden ohnehin als Dank für ihren Einsatz ein Zeichen der Anerkennung erwarten, das Macron ohnehin definitiv ausgeschlossen hat, um das alte "System" - ein Modewort in diesem Wahlkampf - zu beseitigen. Bei politischen Visionen allerdings hat das Wort definitiv meist eine begrenzte Lebenserwartung. Macron muss sich diesen Herausforderungen stellen - spätestens im Herbst, wenn seine Reformvorhaben umgesetzt werden müssen, möglicherweise ohne eigene Mehrheit in der Nationalversammlung.

Nicht nur deutsche Medien bezeichnen die Stichwahl als "Schicksalswahl für Europa". Wie wichtig ist dieses gesamteuropäische Bewusstsein in Frankreich? Spielt das bei der Entscheidung der Franzosen eine große Rolle? 

Es ist richtig, dass die Mehrheit der Franzosen, trotz aller kritischen Analyse, in der Europäischen Union bleiben will. Ich bin mir nicht so sicher, dass sie dieses gesamteuropäische Bewusstsein bis jetzt richtig eingeschätzt haben, zumal die nationalen Interessen in den Debatten im Vordergrund standen. Diese Debatte wird mit Sicherheit fortgeführt.

Das Gespräch führte Julia Hitz.

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