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Politik

Französische Kriegserinnerungen

Frankreich feiert alljährlich am 8. Mai den Sieg über Hitler-Deutschland. Bei den Gedenkfeiern erinnert man sich lieber an die Befreiung von den Besatzern, als an das Regime von Vichy, das mit Hitler paktierte.

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Paris feierte am 7. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation Deutschlands

Frankreich hat drei Nationalfeiertage: am 14. Juli werden die Französische Revolution und der Sturm auf die Bastille gefeiert; am 11. November wird an die deutsche Kapitulation und das Ende des Ersten Weltkrieges erinnert; am 8. Mai schließlich wird das Ende des Zweiten Weltkrieges zelebriert.

Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing hatte es gut gemeint mit der deutsch-französischen Versöhnung, als er 1975 entschied, den 8. Mai als Nationalfeiertag abzuschaffen. Hiermit wertete er zwar die Bedeutung des 11. November 1918 auf, schockierte aber die Veteranen und Widerstandskämpfer des Zweiten Weltkrieges, die die zweite deutsche Kapitulation des 20. Jahrhunderts weiterhin feiern wollten. Er musste seine Entscheidung rückgängig machen.

Bitterer Beigeschmack

60 Jahre Danach - Bildgalerie - Paris 09/20

29. August 1944: Französische Soldaten kehren nach Paris zurück

Nicht nur die wieder erlangte Freiheit, der Sieg über den Faschismus oder das Ende eines grausamen Weltkrieges werden an diesem Tag mit Kranzniederlegungen, Festreden und Militärparaden gewürdigt, sondern vielmehr das gute Gewissen eines Landes, das sich nicht aus eigener Kraft hatte befreien können.

Der 8. Mai, auch wenn er noch pompös gefeiert wird, hat im Unterbewusstsein der Franzosen einen bitteren Beigeschmack. Im Mai 1940 marschierte die deutsche Wehrmacht in Frankreich ein. Einige Wochen später löste sich die Dritte Republik auf und die Pariser Nationalversammlung übertrug die Vollmacht an den greisen Marschall Philippe Pétain, der sofort eine neue Regierung mit Sitz in Vichy einsetzte und eine Politik der Kollaboration mit dem Hitler-Deutschland praktizierte.

Schwach und machtlos

Die Besatzung des gesamten Landes durch deutsche Truppen 1943 und die Befreiung französischer Städte durch alliierte Truppen nach der Landung in der Normandie im Juni 1944 haben die Schwächen Frankreichs in aller Welt deutlich gemacht und die Bedeutung des Widerstands relativiert. Erst nach einem Aufruf von General de Gaulle aus London bildeten sich einzelne Gruppen von Kämpfern, die die Alliierten und die Exilgruppen schließlich bei der Rückeroberung des Landes unterstützten.

Während Deutschland nach 1945 von der Angst geplagt wurde, es könnte einmal wieder so stark und gefährlich wie unter Hitler werden, bemühte sich Frankreich, alles zu unternehmen, um nie wieder so schwach und machtlos wie 1940 zu sein. Für die „Grande Nation“ – übrigens eine Erfindung des deutschen Wochenmagazins „Der Spiegel“ – ist der 8. Mai der Beginn eines neuen Selbstbewusstseins, das zwar mit Jeanne d’Arc und Napoleon die Geschichte prägte, aber unter Pétain ein vorläufiges Ende fand. Der heute oft belächelte Hang zu Prestige ist eine direkte Folge dieses historischen Schwächeanfalls, der mit dem 8. Mai endete.

De Gaulle

Als Roosevelt, Churchill und Stalin die Weltordnung neu regelten, war Frankreich nicht am Tisch; die französischen Niederlagen in Indochina; die Schwierigkeiten in jener Zeit, wo das westliche Deutschland sein Wirtschaftswunder erlebte; der Algerienkrieg – dies waren deutliche Zeichen dafür, dass Frankreich seine Machtposition in der Welt doch verloren hatte.

Erst die Rückkehr von General de Gaulle im Jahre 1958 deutete auf den lang ersehnten Aufschwung hin: Frankreich wurde Atommacht, den Kolonien in Afrika wurde die Unabhängigkeit ermöglicht und das Ende der Erbfeindschaft mit Deutschland wurde durch ein bis heute beispielloses Versöhnungswerk besiegelt.

Der 8. Mai bedeutet für Frankreich das schmerzliche langsame Wiedererwachen aus der Lähmung und die Hoffnung auf eine neue „Grandeur“. Manche selbstbewusste Handlungen der Pariser Regierungen - egal welcher Couleur - sind heute noch auf den 8. Mai 1945 zurückzuführen.