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Europa

Frankreich streitet über Integration

Die Anschläge auf zwei Moscheen Anfang März haben in Frankreich eine Debatte über die Religionsvielfalt ausgelöst. Dabei geriet vor allem die Unschlüssigkeit der Regierung in die Kritik. Gérard Foussier kommentiert.

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Siebzig Forscher und Intellektuelle haben in diesen Tagen ein Buch über den "Islam in Frankreich" veröffentlicht. Die Beiträge reflektieren die lange öffentliche Diskussion über den vermeintlichen Einfluss des Islams insbesondere auf die republikanischen Strukturen des laizistischen Landes. Es wird auch über wichtige Nuancen philosophiert, um der Pariser Regierung beispielsweise vorzuwerfen, dass sie den "Islam in Frankreich" in einen "Islam von Frankreich" verändern will. Eine fatale Entwicklung, die nach Meinung der meisten Forscher die Kluft zwischen einerseits schweigsamen, integrierten, liberalen und andererseits lauten, zum Teil gewalttätigen, missionierenden Moslems vertieft hat. Keine klare Linie konnte zwischen bewusster Integration und erzwungener Anpassung gezeichnet werden.

Außerdem wird die laizistische Republik mit einer Debatte konfrontiert, die die bürgerliche Regierung selbst provoziert hat, vor allem durch ein Gesetz gegen die Zurschaustellung religiöser Symbole in öffentlichen Schulen. Dieses Gesetz - fälschlicherweise als Kopftuchverbot dargestellt - verbietet auch Kruzifixe und Kippas, aber viele Moslems fühlen sich besonders von dieser Maßnahme betroffen.

Verzögerte Maßnahmen gegen Rechts

Gleichzeitig fühlen sich rechtsextreme Kräfte in ihrer Überzeugung gestärkt, die kulturellen Werte des Landes seien durch sechs Millionen Moslems gefährdet. Manche verwechseln nämlich auch gern islamisch mit islamistisch und schüren unterschwellig eine bewusst kritische und populistische Auseinandersetzung darüber. Aus Angst, Wasser auf die Mühlen des ohnehin viel zu starken Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen zu gießen, hat Paris zu lange das Thema Islam vielleicht nicht ignoriert, zumindest ausgesessen.

Nun, wo Anschläge - übrigens auch gegen die jüdische Gemeinschaft - die Bevölkerung beunruhigen, reagiert die französische Regierung mit zwar medienwirksamen, aber umstrittenen Entscheidungen: Die Präsenz nord- und schwarzafrikanischer Spieler in der 1998 und 2000 erfolgreichen National-Fußballmannschaft hatte allerdings in der Gesellschaft mehr erreicht als die Ernennung zweier muslimischer Kabinettsmitglieder und eines - wie es heißt - "aus der Immigration stammenden" Präfekten.

Dialog gescheitert

Je nach politischer Einstellung werden solche Maßnahmen entweder als Zugeständnis an den Islam oder als der Versuch gewertet, den Islam in Frankreich in eine westlich orientierte Religion umzuwandeln. Dass beide Interpretationen falsch sind, weiß die Mehrheit der Bevölkerung. Zwei politische Minderheiten versuchen aber, die Anstrengungen der Regierung zu torpedieren, auch mit Terroranschlägen: Die muslimischen "Integristen" lehnen jede Integration ab, die ihre Religion antasten könnte; die ausländerfeindlichen Rechtsextremen lehnen jede Konzession an "fremde" Religionen ab und verteidigen unter dem Deckmantel des Laizismus die christlichen Werte der westlichen Welt.

Das Einwanderungsland Frankreich hat nun also einen Streit der Kulturen nicht verhindern können. Auf der Suche nach der richtigen gesellschaftlichen Antwort beherrscht Gewalt die Debatte. Mehr als Polizeischutz an Moscheen und Synagogen, der mittlerweile notwendig geworden ist, bräuchte Frankreich einen wahren Dialog der Kulturen und vor allem eine vernünftige Auseinandersetzung um die Definition des Begriffs Multikulturalität. Eine Multikultur mit französischer Prägung und Verbotsgesetzen ist nicht die richtige Antwort.