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Europa

Frankreich kommt nicht zur Ruhe

Die Unruhen und Brandstiftungen in sozialen Brennpunkten in Frankreich haben in der vergangenen Nacht einen neuen Höhepunkt erreicht - trotz verstärkter Polizeipräsenz und der erklärten Dialogbereitschaft der Regierung.

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Nacht für Nacht das gleiche Bild: brennende Fahrzeuge im Raum Paris

Nach einer vorläufigen Bilanz der Polizei wurden etwa 900 Fahrzeuge in Brand gesetzt und zahlreiche Geschäfte und öffentliche Gebäude durch Brandstiftung beschädigt oder zerstört. Mehr als 200 Menschen wurden festgenommen. Als Jüngster sei ein Zehnjähriger mit einer Brandflasche in der Hand erwischt worden, hieß es.

Der Schwerpunkt der Ausschreitungen lag wieder im Großraum Paris. Doch die Angriffe junger Männer, die vorwiegend aus Einwandererfamilien stammen, breiteten sich auf weitere Orte aus. Selbst aus bisher ruhigen Départements in der Picardie nördlich von Paris wurden Zwischenfälle gemeldet.

"Urbaner Aufstand"

Unruhen in Frankreich Paris Trappes

Ausgebrannte Busse in einem Pariser Vorort

Sicherheitskräfte überflogen in der Nacht erstmals mit Helikoptern die Vororte in der Pariser Region. In Pierrefitte-sur-Seine mussten mehr als 100 Hausbewohner wegen Feuers in einer Tiefgarage in Sicherheit gebracht werden. Brandanschläge gab es auch auf Autohäuser, Lagerhallen und öffentliche Einrichtungen wie ein Rathaus und Kindergärten sowie auf eine Synagoge. 30 Bürgermeister aus dem besonders betroffenen Département Seine-Saint-Denis riefen gemeinsam zur Ruhe auf. Der Bürgermeister von Rosny-sous-Bois, Claude Pernes, erklärte, es handele sich um einen regelrechten Guerillakrieg, um einen urbanen Aufstand.

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Auch in den Provinzen war die Lage kritisch: Im Département Essonne wurde ein Polizist bei einem Brandanschlag auf ein Reifenlager verletzt. In Champigny im Val-de-Marne setzten Jugendliche einen Bus in Flammen; die Insassen konnten rechtzeitig fliehen. Auch aus den Städten Lille, Toulouse und Rouen wurden Ausschreitungen gemeldet.

Debatte verlangt, Aktionsplan angekündigt

Dominique de Villepin und Nicolas Sarkozy Pressekonferenz

Unter Druck: Innenminister Sarkozy und Premierminister Villepin

Führende Sozialisten forderten in einem Schreiben an Ministerpräsident Dominique de Villepin eine Dringlichkeitsdebatte der Nationalversammlung über die Unruhen. Die Regierung trage zum Teil die Verantwortung für die Krawalle, hieß es in dem Schreiben, das unter anderem von Sozialistenchef François Hollande unterzeichnet wurde. Besonders umstritten ist Innenminister Nicolas Sarkozy wegen seiner scharfen Äußerungen über Gewalttäter, in der Opposition werden verstärkt Rufe nach seinem Rücktritt laut.

Premierminister Villepin traf sich am Freitagabend mit Jugendlichen aus den vor allem von sozial schwachen Einwanderern bewohnten Vororten, um mit ihnen über ihre Situation zu sprechen. Er hat für Ende November einen "Aktionsplan" zur Lösung der Probleme der "Banlieues" angekündigt.

Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Jörg Schönbohm hält Jugendkrawalle auch in Deutschland für möglich. Zwar sei die Gefahr von Ausschreitungen wie in der Umgebung von Paris hier zu Lande glücklicherweise nicht akut, sagte Schönbohm der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Solche Verhältnisse drohten aber, wenn es nicht gelinge, zugewanderte Bevölkerungsgruppen stärker zu integrieren und vor allem Jugendlichen eine Perspektive zu bieten.

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