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Sport

Frankreich im Siegestaumel - Brasilien trauert

Nach dem Sieg über Brasilien haben die Franzosen den Glauben an ihre "Equipè" wieder gefunden. Die Brasilianer dagegen trauern und kritisieren ihre "Seleção". Nur Staatspräsident Lula versucht zu trösten.

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Brasilianischer Fan: WM-Traum geplatzt

Zwischen Le Havre, Marseille und Straßburg brüllten und schrien Millionen von Franzosen in der Nacht zum Sonntag übermütig und gerührt: "Zizou, Zizou" und "Es leben die Blauen". Nach dem Sieg gegen Brasilien stand Frankreich Kopf: Allein auf dem Champs-Elysées in Paris gaben sich zwischen 500.000 und eine Million Menschen einem Freudentaumel hin, der sich nur wenig um Hautfarbe und Nationalität kümmerte.

WM 2006 Viertelfinale Frankreich Brasilien Reaktionen

Am Champs-Elysées

Kurz nach Mitternacht schäumte auf den Champs-Elysées das Nationalgefühl über wie Champagner: Leuchtkörper wurden gezündet, Champagnerflaschen geköpft und begeistert die blau-weiß-rote Flagge geschwenkt. Franzose, Algerier und Schwarzafrikaner bejubelten gemeinsam den Sieg. Von Diskriminierung und Ausländerfeindlichkeit, die vor wenigen Monaten noch in der französischen Presse Schlagzeilen machten, war in dieser Nacht nichts zu sehen und zu spüren.

Zidane: "Ein riesiger Spaß"

Frankreichs Präsident Jacques Chirac, der das Spiel von der Frankfurter VIP-Tribüne aus aufmerksam verfolgt hatte, konnte man schon lange nicht mehr so selig und freudestrahlend sehen. "Ich gratuliere der Mannschaft zu diesem Sieg", lobte der Staatschef die Blauen.

Montage Zidane Ronaldinho

Zidane bleibt - Ronaldinho geht

Nach dem starken Auftritt ihrer Mannschaft im Achtelfinale der Fußball-WM gegen Spanien glauben die Franzosen wieder an ihre "Equipè" und vor allem an ihren Kapitän Zidane. "Zidane wie zu seinen besten Zeiten" und "Er ist der größte Magier von allen!" schrieb Frankreichs Presse. "Zizou" versetzte die "Grande Nation" in Entzücken.

Die märchenhafte Abschieds-Geschichte des fabelhaften Ausnahme-Könners ist bei dieser WM noch längst nicht zu Ende geschrieben. "Ich habe natürlich keine Lust, jetzt noch aus dem Turnier auszuscheiden. Es ist einfach zu schön und macht riesigen Spaß. Jetzt wollen wir auch Weltmeister werden", sagte der schon als "Rentner" abgestempelte 34-Jährige. "Zidane war der Zauberer des Spiels", lobte Pele. Auch "Kaiser" Franz Beckenbauer huldigte dem Denkmal, das sich noch nicht vom Sockel stoßen lässt: "Es ist ewig schade, dass er aufhört. Ich hoffe, er überdenkt das nochmal."

"Köter der Welt"

Totenstille und ein Gefühl der Trauer lagen am Sonntagmorgen dagegen über Rio de Janeiro und über ganz Brasilien. "Das ist schlimmer, als hätte Gott Karneval und Samba abgeschafft", meint ein älterer Mann. Das unerwartete Aus bei der Fußball-WM hat das Land, das sonst unbeschwerte Fröhlichkeit als Markenzeichen hat, tief getroffen. In der traditionellen Fanmeile Alzira Brandao im Norden Rios versuchten einige leichtbekleidete Frauen, die Massen noch mit Tänzen und Anfeuerungsrufen zu trösten. Umsonst. "Was soll's, wir sind wieder die Köter der Welt", meint ein junger Mann.

WM 2006 Viertelfinale Frankreich Brasilien Reaktionen

Stimmung auf dem Tiefpunkt

Die Onlineausgabe der Zeitung "Estado de São Paulo" schrieb unterdessen von "einer der größten Tragödien des brasilianischen Fußballs". Die Mannschaft habe gegen Frankreich sehr schlecht gespielt. Der frühere Weltstar Falcão sparte als Kommentator des Fernsehsenders "Globo" nicht mit Kritik. Die "Seleção" sei überheblich gewesen, sagte er.

Der Frust der brasilianischen Fußballgemeinde über das Viertelfinal-Aus der "Seleção" gegen Frankreich machte sich mit lautstarker Kritik und bitteren Tränen Luft. "Die Schuld trägt allein der Trainer. Er hätte Cicinho und Robinho von Anfang an bringen müssen", schimpfte ein 32-jähriger Brasilianer.

Tragischer Held Ronaldinho

Auch der "Weltfußballer" Ronaldinho erntete in seiner Heimat harsche Kritik. "Ronaldinhos Leistung war eine Null links vom Komma", stichelte der ehemaliger brasilianische Meistercoach Nelsinho Baptista gegen Brasiliens Nummer 10, während die Sportzeitung "Lance" titelte: "Erst sparte Ronaldinho mit Leistung, dann mit klärenden Worten." Ronaldinho ist sicher einer der tragischen Helden dieser WM. Dabei sollte es doch sein Turnier werden. Stattdessen trottete der 26-Jährige mit gesenktem Kopf und leerem Blick nach dem Spiel in die Kabine. In der linken Hand hielt er achtlos zusammengeknüllt ein weißes Trikot. "Ich habe mich daran gewöhnt zu gewinnen. Eine Niederlage wie diese zu erleiden, das ist ein großer Schock", sagte er nach dem Viertelfinal-Aus.

Trost spendete zumindest Staatspräsident Luiz Inacio Lula da Silva. In einem Telefonat kurz nach Spielende forderte das Fußball verrückte Staatsoberhaupt der Brasilianer die Stars der "Seleção" auf, den Kopf nicht hängen zu lassen. (stl)

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