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Europa

Frankreich - ein Land unter Schock

Am "Tag der nationalen Trauer" gedachten die Franzosen der Opfer des Anschlags auf die Zeitschrift "Charlie Hebdo". Ob die Einheit der Nation lange gewahrt werden kann, ist unklar. Aus Paris berichtet Bernd Riegert.

Am späten Abend kommt ein elegant gekleideter älterer Herr zur provisorischen Gedenkstätte an der Rue Nicola Appert. Im Arm hat er ein großes Blumengebinde mit königlichen weißen Lilien. Unter dem Cellophan steckt eine handgeschriebene Karte. "Für unsere toten Freunde und für Frankreich", steht darauf. Der Mann legt die Blumen ab, verneigt sich kurz und steht schweigend in der Menge. Um ihn herum zahlreiche Kamerateams aus aller Welt und Fotografen. Er sei mit einem der getöteten Journalisten von "Charlie Hebdo" befreundet gewesen, weiter möchte er sich nicht äußern, sagt er mit erstickter Stimme und geht eilig davon. Eine junge Frau steckt am Fuß des stetig wachsenden Blumenberges eine Kerze an. Ein Mann hält stumm ein Pappplakat in die Höhe. Darauf steht in krakeliger Schrift: "Wir haben keine Angst!"

Große Kundgebung am Sonntag geplant

Den ganzen Tag über haben die Franzosen der zwölf Ermordeten gedacht, die von zwei mutmaßlich islamistisch motivierten Terroristen am Mittwoch in und vor der Redaktion mitten in Paris erschossen wurden. Am Abend des nationalen Trauertages erlosch für einige Minuten die goldgelbe Beleuchtung des Eiffelturms, des Wahrzeichens der französischen Hauptstadt. Auf dem Platz der Republik versammelten sich wieder - wie am Vorabend - viele Menschen und sangen die Nationalhymne, während sie die schwarzen Schilder hielten mit der Aufschrift "Wir sind Charlie." Am Mittag schon hatten die Glocken der Kirche "Notre Dame" geläutet. Journalisten hielten Stifte und ihre Presseausweise in die Höhe als Zeichen dafür, dass sich die Pressefreiheit mit Terror nicht unterdrücken lässt.

Paris Anschlag auf Charlie Hebdo Eifelturm 08.01.2015

Im Dunkeln: Die Lichter des Eiffelturms erlöschen am Abend

Nach einer landesweiten Schweigeminute mahnte der französische Präsident Francois Hollande zur nationalen Einheit. Er besuchte das Hauptquartier der Polizei, um der zwei ermordeten Beamten zu gedenken, die von den Terroristen erschossen wurden. Die moslemischen Verbände des Landes verurteilten den Terroranschlag scharf. "Was macht ihr da? Das ist nicht unser Weg!" Dies müsse man den Terroristen und radikalisierten jungen Leuten zurufen, sagte Abderahmane Dahmane , Vorsitzender der demokratischen Muslime. Für den kommenden Sonntag hat die französische Regierung zu einer Großkundgebung gegen den Terror aufgerufen. Ausdrücklich haben die moslemischen Verbände ihre Glaubensgemeinschaft zur Teilnahme eingeladen.

Streit mit dem "Front National"

Ob die ganze Nation an dem "republikanischen Marsch" teilnehmen soll, ist am Donnerstag Abend aber umstritten. Der rechtspopulistische und Islam-kritische "Front National" wurde nicht zur Großdemonstration eingeladen, was deren Chefin Marine Le Pen scharf kritisierte. Le Pen hatte mit ihrem Programm, das sich gegen Einwanderung richtet, bei den Europawahlen im letzten Mai die meisten Stimmen geholt. Le Pen will als bei der nächsten Wahl für das Präsidentenamt kandidieren. Am Freitag will Staatspräsident Hollande Le Pen zu einer Unterredung empfangen. Die sozialistische Partei Hollandes ist über eine Einladung an den "Front National" zum gemeinsamen Marsch am Sonntag tief zerstritten. Viele Franzosen befürchten, dass der Terroranschlag auf das Satiremagazin den Islam-Kritikern als Beleg für ihre Thesen dienen könnte. Moslems äußerten an der Gedenkstätte in der Rue Nicola Appert ihre Sorge, dass die Ablehnung ihrer Glaubensgemeinschaft jetzt noch zunehmen könnte. Im Laufe des Donnerstags wurden zwei kleinere Angriffe auf eine Moschee und eine Versammlungsstätte gemeldet, bei denen aber niemand verletzt wurde.

Fahndung nach Attentätern von Paris in Nordfrankreich

Fahndung im Norden: Wo sind die Attentäter?

Militär zum Schutz von Paris mobilisiert

Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve gab am Abend nur bekannt, dass die Polizei inzwischen neun Personen in Gewahrsam habe, die im Zusammenhang mit dem Attentat befragt würden.

Ein mutmaßlicher dritter Verdächtiger hatte sich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in einer Stadt nahe der französisch-belgischen Grenze selbst gestellt. Ob er mit der Tat zu tun hat, ist ebenfalls nicht bestätigt. Cazeneuve bat die Presse, nicht zu viele unbestätigte Meldungen zu verbreiten, um die Ermittlungen nicht zu behindern und die Öffentlichkeit nicht zu verunsichern. In Paris und Umgebung gilt weiterhin die höchste Terrorwarnstufe. Inzwischen wird auch Militär eingesetzt, um öffentliche Einrichtungen zu schützen. Soldaten patrouillieren auf großen Boulevards, vor Kaufhäusern und Metro-Stationen.

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